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Full text of "Selbstbetrachtungen"

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NEU VERDEUTSCHT UND EINGELEITET VON OTTO 
KIEFER-MIT BUCHORNAMENTEN VON PETER BEHRENS 



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ZWEITE AUFLAGE 




VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS 
IN JENA 1906 



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6 






VON DIESEM" BUCHE Wlftä)EM 20 ABZÜGE 
ZUM PREISE VON FÜNFZEHN MARK FÜR 
JEDES EXEMPLAR AUF BÜTTENPAPIER AB- 
GEZOGEN IN GANZPERGAMENT GEBUN- 
DEN UND HANDSCHRIFTLICH NUMERIERT 



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7/.'Vu^ 



Man fühlt die Quelle. Abends, bei der Lampe wur- 
den diese Sätze geschrieben, die einen im Lager 
bei den Quaden, die andern nach einer Sitzung des 
Senates; und alle haben sie eine starke Tat, ein 
Wort des hohen Herzens gewirkt. Sie tragen ihres 
Ursprungs und ihrer Äußerungen Zeichen ; sichtbar 
ist ihreGeburt und ihr Handeln. Ein Tagebuch sind 
sie wie Pascals Niederschrift, das Tagebuch einer 
gesunden Seele. Er schlürfte dort in langen Zügen 
nicht Verzweiflung und Oberschwang, sondern Hel- 
dentum und Frieden. Kurz, schroff, genau, aufglän- 
zend, sind sie einer verhaltenen Begeisterung er- 
stickte Schreie; sie oftenbaren die Seele eines 
großen Dichters, der, die Augen gebannt vom Herr- 
lichen, sich zwingt, und, haltlos in Bewunderung, 
kaum einige gebrochene Rufe stammelt, mitFlüster- 
ton : „Mensch, als Bürger dieser großen Stadt hast 
du gelebt; fünf oder drei Jahre, was fleht dich's an? 
Das Wesentliche war ein Leben im Einklang mit 
dem Gesetz." HippolyU Taine (Marc Aurele) 



M6G109 



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Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre, 
würde es vielleicht doch keinem einfallen zu 
fragen, warum die Welt da sei und gerade diese Be- 
schaffenheit habe", diese Worte Schopenhauers, welche 
die beiden natürlichen Quellen für die Entstehung 
der Philosophie überhaupt aufdecken, beleuchten viel- 
leicht besser als irgendwelche anderen die Entstehung 
der Selbstbetrachtungen Marc Aureis. Denn kaum 
ein zweites Werk der antiken Philosophie wurzelt so 
tief in der Persönlichkeit des Autors, in der schmerz- 
lich leidenden Seele einer vornehmen Denkematur, 
die durch des Geschickes Laune auf den römischen 
Kaiserthron berufen ward. Es ist müßig, sich dar- 
über Gedanken zu machen, wie Marc Aureis Philo- 
sophie ausgefallen wäre, hätte dieser Mann gleich 
anderen bedeutenden Geistern des Altertums sein 
Leben in stiller Beschaulichkeit oder als Lehrer der 
Philosophie hinbringen können, aber man darf doch 
wohl vermuten, daß es dann niemals die köstliche 
Frucht der Selbstbetrachtungen, wie sie uns jetzt vor- 
liegen, gezeitigt hätte, oder doch, daß dieses Werk 
dann nicht so lebendig und unvergänglicher Wahr- 

VI 



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heiten voll ausgefallen wäre. Aus den täglichen 
kurzen Aufzeichnungen, denen man mit einiger Phan- 
tasie beinahe heute noch den Anlaß ihrer jeweiligen 
Entstehung ansehen kann, wäre vielleicht ein mehr 
oder minder fein ausgearbeitetes System geworden, 
um so uninteressanter für uns, je ärmer es an neuen, 
grundlegenden Gedanken geblieben wäre; die Philo- 
sophen und Philologen würden es registrieren neben 
manchem anderen mittelmäßigen Werk der antiken 
Literatur, für den weiteren Kreis der Gebildeten aber 
hätte es kaum noch ein Interesse. Allein all das kam 
anders. Denn der Philosoph Marc Aurel war zu- 
gleich römischer Kaiser 1 Nicht in der einsamen 
Studierstube, nicht im anregenden Gespräch mit 
Gleichdenkenden, nein mitten im wogenden Getriebe 
des römischen Kaiserreichs reifte die Gedankensaat 
heran, die eine frühe Beschäftigung mit den besten 
Philosophen des Altertums in den überaus empfäng- 
lichen Geist Marc Aureis gepflanzt hatte. So bekamen 
wir statt einer toten systematischen Darstellung eine 
Art Memoirenwerk, aber keines, das sich in der Dar- 
stellung vergänglicher äußerer Tatsachen wie Schlachten 
und Kriege ergeht, sondern ein Bekenntnis, welches 
das Geistesleben eines interessanten Menschen ent- 
hüllt, der gelitten hat wie wir, der des Lebens Rätsel 
zu ergründen gesucht hat wie wir und der sich einen 
inneren Frieden errungen hat, wie wir ihn trotz des 
Christentums nur sehr selten finden. Darin besteht 
die ewige Frische der Marc Aurelschen Selbst- 
betrachtungen, das ist der Grund, warum sie, wie 
Emest Renan sagt, niemals veralten. Sie sind nichts 
Abgeschlossenes, sie zeigen vielmehr die Menschen- 



VII 



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seeie in der Werkstatt ihres Schafifens, und was sie 
dort unter schweren Mühen keuchend, doch auch in 
sieghafter Schöpferfreude jubelnd sich erarbeitet, was 
isf s eigentlich im letzten Grunde? Das Urphänomen 
aller Philosophie, wie wir sehen werden, „die abso- 
lute Religion*, wie Renan hymnisch-überschwenglich 
sagt, „welche ausgeht von der einfachen Tatsache 
eines hohen, moralischen Bewußtseins, das der Welt 
gegenübergestellt ist." 

Marcus Annius Verus, wie unser Philosoph ursprüng- 
lich hieß, erblickte das Licht der Welt am 26. April 
121 n. Chr. in Rom auf dem Berge Colins; er war 
der Urenkel eines Annius Verus, der aus Succubo in 
Spanien stammend, um die Mitte des ersten kaiser- 
lichen Jahrhunderts nach Rom gekommen und dort 
Prätor und Senatsmitglied geworden war. Dessen 
Sohn Annius — nach anderen Marcus — ^ den väter- 
lichen Großvater unseres Philosophen, hatte der Kaiser 
Vespasian im Jahre 74 ins Patriziat aufgenommen. 
Von ihm stammen außer anderen Kindern eine Tochter 
Annia Galeria Faustina, seit 110 die Gemahlin des 
späteren Kaisers Antoninus Pius und ein Sohn Annius 
Verus, dessen Ehe mit Domitia Luzilla unser Stoiker 
entsproßte. Da der Vater des Philosophen bereits im 
Jahre 129 starb, adoptierte der noch lebende väter- 
liche Großvater Annius Verus seinen Enkel und erzog 
ihn zunächst in seinem eigenen Hause, unter Mit- 
wirkung des Kaisers Hadrian und seiner eigenen 
Geliebten; doch scheint es, als ob diese ihren nicht 
eben günstigen Einfluß nur kurze Zeit auf das un- 
schuldige Kind ausüben konnte, dankt es doch d^r 
spätere Kaiser Marc Aurel in seinen Selbstbetrach- 

VIII 

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tungen 1, 17 ausdrücklich den Göttern, daß er »nicht 
noch länger bei der Geliebten seines Großvaters er- 
zogen ward/ Hadrian empfand sehr früh das leb- 
hafteste Interesse für den Knaben, den er jedenfalls 
nicht ohne Grund „Verissimus" 2u nennen pflegte 
und den er schon sehr früh mit allerlei seinem Alter 
angepaßten Ehren auszeichnete. Hadrian war es 
wohl auch besonders, der im Verein mit Marc Aureis 
mütterlichem Großvater Calvisius Tullus und seiner 
eigenen Mutter, Domitia Lucilla, für eine Erziehung 
des jungen Verissimus sorgte, die gegen moderne 
Prinzenerziehung sehr angenehm absticht Die nam- 
haftesten Lehrer der Philosophie, Rhetorik und Rechts- 
gelehrsamkeit, denen der spätere Kaiser in seinen 
Selbstbetrachtungen die rührendste Dankbarkeit wid- 
mete, wurden dazu auserwählt, den hochbegabten 
Jüngling zu unterweisen. Männer, wie der berühmte 
Rhetoriker Fronto, mit dem Marc Aurel jahrelang im 
Briefwechsel stand, und die Stoiker Rusticus, Apol- 
lonius, Sextus, ein Enkel Plutarchs, Catulus, Claudius 
Maximus waren seine Erzieher; den bleibendsten und 
nachhaltigsten Eindruck machten zweifellos schon auf 
den Knaben die stoischen Lehren, die er so ernst 
nahm, daß er schon als zwölfjähriger Junge die Philo- 
sophenkleidung und strenge Lebensweise der Philo- 
sophen annahm (Selbstbetrachtungen I, 6), ohne doch 
hierbei einseitig zu werden und seine körperliche 
Ausbildung zu vernachlässigen. Hadrians Voriiebe 
für den ernsten Jüngling war so groß, daß er ihn im 
Jahre 136 mit seines Mitregenten Verus Tochter Fabia 
veriobte und nach Verus' plötzlichem Tode von An- 
toninus, den er am 25. Februar 138 selbst an Sohnes 



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IX 

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statt annahm und 2um Kaiser erhob, mit samt dem 
jungen Sohn des verstorbenen Verus adoptieren ließ. 
Der philosophische Jüngling, seit diesem Akt Marcus 
Älius Aurelius Verus geheißen, den wir uns als 
stillen, zurückgezogen lebenden Menschen vorzustellen 
haben, war über diese Ehre, wie sein Biograph be- 
richtet, nicht gerade entzückt; er trennte sich nur 
ungern von den „Gärten seiner Mutter*, in denen er 
bisher seinen Gedanken nachzuhängen vollste Muße 
gehabt hatte, und bezog nur mit einigem Widerstreben 
den ihm von Hadrian angewiesenen Prunkpalast. 
Von seinen Freunden über den Grund seiner Nieder- 
geschlagenheit gefragt, setzte er die mit der Thron- 
besteigung verbundenen Unannehmlichkeiten aus- 
einander; er ahnte wohl nur zu gut, daß seine 
Lieblingsbeschäftigung, das Studium der Philosophie, 
von nun an hinter seinen Pflichten als zukünftiger 
Regent zurücktreten müsse. Und die Wirklichkeit 
nahm ja auch bald den jungen Grübler in ihre 
strenge Schule. Als nämlich am 10. Juli 138 Hadrian 
in Bajae starb, ergriff Antonin die Zügel der Regie- 
rung und zog sofort den jungen Marc Aurel näher 
an sich heran: Er weihte ihn in die Regierungs- 
geschäfte ein, überhäufte ihn mit Ehrenstellen und 
Beweisen seiner Gunst, veriieh ihm den Cäsarentitel, 
ja er vermählte ihn sogar im Jahre 146 mit seiner 
eigenen Tochter Faustina, indem er seine frühere 
Verlobung aufhob. Für das Römerreich begann jetzt 
eine glanzvolle, durch keinen Schatten getrübte Zeit 
von 23 Jahren; ein Antoninus Pius, nach einstimmigem 
Spruche einer der vorzüglichsten römischen Kaiser, 
an seiner Spitze und ihm zur Seite Marc Aurel, sein 



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Schwiegersohn und voraussichtlicher Thronerbe, mit 
welchem ihn ein einzig dastehendes Freundschafts- 
verhältnis verband; es war also tatsächlich einmal in 
der Weltgeschichte Piatos Ideal erfüllt: Es herrschten 
zwei Philosophen; was Wunders, wenn da Antonius 
Biographen diese 23 Jahre mit der goldenen Zeit des 
mythischen Friedenskönigs Numa vergleichen. Liest 
man, mit welch rührender Pietät Marc Aurel im ersten 
Buch der Selbstbetrachtungen seinen Schwiegervater 
schildert, dann weifi man nicht, ob man mehr das 
damalige Römerreich um solch einen äußerst seltenen 
Regenten oder diesen Regenten um einen derartig 
seltenen Mitregenten und Thronerben beneiden soll. 
Das wirkt die Philosophie, wenn sie wirklich einmal 
auf den Thron eines grofien Reiches zu sitzen kommt 
Sie war aber — und das ist besonders wichtig — 
den beiden Herrschern nicht nur eine Art Jugend- 
geliebte gewesen, auf die man in reiferen Jahren, 
d. h. wenn die schöne Begeisterungsfähigkeit für große 
Ziele so allmählich zu schwinden beginnt, mit einer 
Art stiller Verachtung zurückblickt, wie es der Real- 
politiker Kallikles dem Sokrates im Gorgias an- 
empfiehlt und wie es ja auch bei allen Menschen 
des Durchschnitts zu geschehen pflegt; nein. Antonin 
zog, als er schon Kaiser war, den Philosophen Apol- 
lonius an seinen Hof und sandte ihm den jugend- 
lichen Marc Aurel sogar in die Wohnung, als der 
selbstbewußte Gelehrte dies verlangte, und Marc Aurel 
selbst pflegte noch lange als Mitregent zu seinem 
Lehrer Apollonius in die Wohnung zu kommen, um 
seine Bildung zu vervollkommnen; auch mit dem 
Philosophen Junius Rusticus war er in späteren Jahren 



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XI 

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aufs innigste befreundet, zog ihn in allen wichtigen 
Staats- und Privatangelegenheiten zu Rate und erwies 
ihm die größten Ehren. Schon in diesen Jahren un- 
getrübten Glückes war Marc Aurel allgemein beliebt 
wegen seiner Milde und Herzensgüte und hatte an 
den bekannten sozialen Maßregeln Antonius, wie 
man wohl annehmen darf, keinen ganz geringen 
Anteil. Es war darum eigentlich selbstverständlich, 
daß er, als sein Schwiegervater am 7. März 161 die 
Augen schloß, ohne jede Schwierigkeit sein Nach- 
folger wurde. Die erste Regierungshandlung des 
nunmehr unumschränkt gewordenen Herrschers zeigt 
gleich seine selbstlose Bescheidenheit: Er erhob 
seinen Adoptivbruder Lucius Verus, der damals noch 
zu schönen Hoffnungen berechtigte, zum Mitregenten 
und ließ allgemein die freudige Erwartung entstehen, 
daß die goldene Zeit Antonius unter seinen beiden 
Nachfolgern ihren ungestörten Fortlauf nehmen werde. 
Und wahrlich, an Marc Aurel lag es nicht, daß auf 
den friedlichen, sonnigen Morgen, dem sein Leben 
bisher geglichen hatte, ein so stürmischer Nachmittag, 
ein so gewitterschwerer Abend folgte! Denn des 
neuen Regenten Tun war rein und lauter, stark und 
konsequent in der äußeren Politik, wie wir sehen 
werden, sozial und human im Innern, wie er es sich 
selbst an vielen Stellen seiner Selbstbetrachtungen 
als Ideal vorhält Marc Aurel lebte tatsächlich als 
ein »Gekrönter Apostel der Menschenliebe**, er war, 
wie Stuart Mill sagt, „Ein besserer Christ im nicht 
dogmatischen Sinn, als fast alle sich zum Christen- 
tum bekennenden Fürsten, die seither regiert haben." 
Lächerlich schien ihm jeder despotische Größenwahn, 

XII 

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lächerlich alles Prunken mit dem Gottesgnadentum, 
lächerlich die Millionen verschlingende Hofhaltung 
mit allem, was dazu gehört, verächtlich die Ansicht, 
dafi ein Fürst etwas anderes sei als der oberste 
Diener seines Staates. Gegen sich selbst sehr streng, 
war er gegen seine Umgebung milde und nach- 
sichtig und besafi einen viel zu grofien Geist, als 
daß er sich für ein Universalgenie gehalten hätte, 
das nicht von selten erprobter Räte auch manchmal 
ein ernstes, ja ein tadelndes Wort hören dürfe. Da- 
bei kündigte er die vielen sozialen Handlungen, mit 
denen er sein Reich beglückte, nicht mit prunkenden 
Worten an, um sie hinterher doch nicht auszuführen, 
wie er überhaupt seine Stärke nicht im Reden 
suchte, sondern in der Stille handelte, aber mit Kraft. 
So verbesserte er die Getreidezufuhren, baute neue 
Straßen, schränkte dagegen die Ausgaben für Volks- 
belustigungen und Gladiatorenkämpfe, denen er nur 
ungern beiwohnte, ein, setzte fort, was Pius für die 
Gründung von Waisenhäusern und anderen wohltätigen 
Anstalten zu tun begonnen hatte, lieh allen Bedrückten 
und Bedrängten ein offenes Ohr, suchte die Erpres- 
sungen der Provinzialbeamten einzuschränken und 
die öffentlichen Lasten gerecht zu verteilen, mit einem 
Wort, er regierte nach dem in den Selbstgesprächen 
1, 14 ausgesprochenen Ideal des „Freien Staates mit 
vollkommener Rechtsgleichheit für alle ohne Unter- 
schied." Und doch war das Glück seiner Regierung 
nicht hold. Hatte er schon viel Unannehmlichkeiten 
durch seinen Mitregenten Verus zu dulden, der sich 
mehr und mehr als genußsüchtiger, träger Weichling 
entpuppte, so brach auch noch eine ganze Menge 



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unerwarteter äußerer Ereignisse während seiner Re- 
gierung Ober das Reich herein. Schon in den ersten 
Jahren verursachte eine TiberOberschwemmung große 
Hungersnot und fast gleichzeitig liefen beunruhigende 
Nachrichten aus Britannien» Rhätien und dem Parter- 
land ein. Doch die Aufstände in diesen Ländern 
wurden glücklich niedergeworfen, der der Parter aller- 
dings erst nach drei bis vier schweren Kriegsjahren 
durch den tapfem, energischen, aber ungemein rohen 
Feldherm Avidius Cassius, welcher bald darauf auch 
einen Anstand der Hirtenbevölkerung im Nildelta 
unterdrückte. Die Triumphstimmung, die infolge 
dieser Siege im Jahre 166 Rom beherrschte, sollte 
aber nur zu bald durch furchtbare Ereignisse in ihr 
Gegenteil umschlagen: Des Verus Heer hatte von 
Asien die Pest mit nach Rom gebracht, die sich bald 
in entsetzlicher Weise über das ganze Reich verbreitete 
und beinahe 100 Jahre lang ihre Schreckensgeißel 
geschwungen hat. Dazu brach im Jahr 167 ein ge- 
fährlicher Krieg am Rhein und an der Donau aus. 
Die Markomannen, Quaden und Jazygen hatten ein 
römisches Heer von 20000 Mann geschlagen, waren 
mit Ungestüm nach Süden vorgedrungen und be- 
lagerten schon Aquileja. Marc Aurel eilte, von Verus 
nur ungern begleitet, nach dem Norden und trieb 
zunächst den Feind wieder aus dem Land, konnte 
ihn aber erst nach einem wechselvollen Krieg von 
etwa achtjähriger Dauer zu einem Frieden nötigen, 
der allerdings nicht viel mehr als ein Waffenstillstand 
war« Marc Aureis Hauptquartier in diesem Feldzug 
war Camuntum in Pannonien, wo er einen Teil seiner 
Selbstbetrachtungen geschrieben hat. Im Verlaufe 

XIV 

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dieses Krieges verbrachte Marc Aurel viermal je 
einen Winter in Rom; auf einer der Heimreisen da- 
hin, im Jahr 169, warVerus, neben ihm im Wagen 
sitzend, gestorben; im folgenden Jahre besiegte dann 
Marc Aurel die Markomannen, im Winter darauf auf 
der gefrorenen Donau die Jazygen und im Sommer 
173 die Quaden, diese unter großen Gefahren durch 
Wassermangel, an den sich die bekannte Sage von 
der legio fulminata knüpft. Doch kaum waren diese 
Erfolge einigermaßen gesichert, als eine ganz uner- 
wartete neue Gefahr von Osten her drohte: Avidius 
Cassius nämlich, den der Kaiser zum Generalkomman- 
danten aller Streitkräfte im Orient gemacht hatte, war 
auf den Gedanken gekommen, die Herrschaft an sich 
zu reißen, hatte in Antiochia verkündet, Marc Aurel 
sei gestorben, hatte selbst den Kaisertitel angenommen 
und machte bereits Miene, gegen Westen vorzurücken. 
Der letzte Grund zu dieser Handlungsweise ist jeden- 
falls in der Verachtung zu suchen, die der eiserne, 
grausame Soldat gegen den ihm weichlich scheinen- 
den Kaiser hegte, welchen er „ein philosophisches 
altes Weib"" nannte. Es ist ja auch begreiflich, daß 
in der Armee nicht wenige waren, denen Marc Aureis 
Milde und Einfachheit ebenfalls nicht recht impo- 
nierte, rohere Naturen, die nur durch ein protziges 
Prätorianerkaisertum, verbunden mit der nötigen 
Strenge, zu gewinnen waren. So allein erklärt sich, 
daß Cassius überhaupt einige Anhänger fand gegen- 
über dem doch allgemein beliebten Kaiser. Durch- 
aus bezeichnend war nun des Kaisers Verhalten in 
diesem Kampf. Schon vorher, als man ihn vor 
Cassius gewarnt hatte, soll er gesagt haben: „Meine 



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XV 

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Kinder sollen alle zu gründe gehen, wenn Cassius 
größere Liebe als sie verdient, oder wenn dem Staate 
dessen Leben mehr Segen bringt, als das meiner 
Kinder/ Und in einem Brief an Verus, der ihn 
wiederholt auf den verdächtigen Cassius aufmerksam 
gemacht hatte, schrieb Marc Aurel: „Dein Schreiben 
verrät mehr Angst als kaiserliche Würde und steht 
nicht im Einklang mit dem Zeitgeiste." Und wie 
recht hatte er doch! Der Zeitgeist war tatsächlich 
für Marc Aurel: Cassius wurde von zweien seiner 
eigenen Leute ermordet, und dem Kaiser blieb so ein 
gefährlicher Kampf erspart. Dennoch unternahm er 
den geplanten Zug nach dem Orient und brachte die 
durch den Aufstand eingetretenen Wirren selbst in 
Ordriung, wobei er gegen die Empörer mit außer- 
ordentlicher Milde verfuhr. Auf der Rückreise starb 
seine Gemahlin Faustina, an der er trotz ihrer mannig- 
fachen Verirrungen — sie hatte angeblich den Com- 
modus aus einer ehebrecherischen Verbindung mit 
einem Gladiator oder Matrosen empfangen — mit 
abgöttischer Liebe gehangen hatte. Es folgte jetzt 
eine Friedenszeit von zwei Jahren, während deren 
dem Kaiser das bekannte Reiterstandbild auf dem 
Kapitol, ein Triumphbogen und eine Ehrensäule er- 
richtet wurden. Doch schon im Jahr 178 brach der 
Krieg in Germanien aufs neue los. Der Kaiser bezog 
mit dem jugendlichen Commodus wieder sein Haupt- 
quartier an der Donau, starb aber bereits nach zwei 
Jahren, am 17. März 180 in Vindobona, wahrschein- 
lich an der Pest, nach anderen von Commodus ver- 
giftet Seine letzten Worte waren: „Weinet nicht um 
mich, sondern über die Pest und über das allgemeine 

XVI 

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Elend", seine letzte Handlung, daß er den Commodus, 
den er zum Nachfolger bestimmt hatte, seinen Freunden 
und den Göttern empfahl, „wenn er es verdiene*. 
Man hat schon im Altertum*) und erst recht in der 
modernen Geschichtsschreibung dem Marc Aurel bei 
aller Anerkennung seiner grofien Verdienste den Vor- 
wurf gemacht, daß er einen Commodus als Nach- 
folger hinterließ. Aber man vergißt dabei zweierlei: 
Als Marc Aurel starb, war Commodus noch beinahe 
ein Knabe, dessen Charakter allerdings, wie über- 
liefert wird, schon damals bedenkliche Seiten, wie 
Leichtsinn, Neigung zu lockerem Leben und .Un- 
selbständigkeit zeigte. Immerhin konnten das doch 
Jugendfehler sein und sich mit der Zeit bessern. 
Und dann entsprach es doch auch so ganz dem 
Stoiker in Marc Aurel, die Fehler der Menschen, die 
man vergeblich zu bessern gesucht hat, al? etwas 
Unabänderliches zu ertragen. Und wir wissen genau, 
daß Marc Aurel durch Auswahl der besten Lehrer 
und Erzieher alles getan hat, was in seiner Macht 
lag, um den jungen Commodus zu einem würdigen 
Nachfolger heranzubilden. Wenn Commodus trotz 
alledem blieb, der er war, so kann man deshalb doch 
Marc Aurel keine Vorwürfe machen, und wer weiß, 
welche Wirren entstanden wären, wenn Marc Aurel 
diesen Menschen durch Adoption eines anderen von 
der Regierung ausgeschlossen hätte? 

*) Vgl. den Vers des Ausonius über Marc Aurel: 

„Post Marco tutela datur; qui scita Piatonis 
Flexit ad Imperium, patre pio melior 
Successore suo moriens sed principe pravo 
Hoc solo patriae, quod genuit, nocuit." 

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Schwerer noch scheint ein anderer Vorwurf 2ü wiegen, 
den mit ziemlicher Einmütigkeit die neueren Histo- 
riker diesem Kaiser zu machen für nötig halten: Sie 
finden es nämlich ganz unbegreiflich, daß unter seiner 
Regierung ziemlich heftige Christenverfolgungen statt- 
fanden, die selbst vor Grausamkeiten wie dem Feuer- 
tod des 86jährigen Bischofs Polykarpus und den 
Unmenschlichkeiten in Lyon und Vienne nicht zurück- 
schreckten. Dem gegenüber ist zu betonen, daß die 
eigentlichen Grausamkeiten jedenfalls ohne den 
Willen des Kaisers geschehen sind, wenn er auch selbst 
kein Hehl daraus machte, ein prinzipieller Feind 
der Christen zu sein, das beweist schon sein Edikt 
gegen jeden, der eine neue Glaubensweise einführe, 
die geeignet sei, die Gemüter der Menschen aufzu- 
regen, und die bekannte Stelle seiner Selbstbetrach- 
tungen, wo er vom Trotz der Christen spricht Allein 
Marc Aureis Verbalten ist für jeden, der sich einiger- 
maßen bemüht, die Geschichte objektiv, d. h. mit 
tunlichster Abstrahierung von seiner eigenen Zeit tind 
ihren Idealen zu betrachten, durchaus verständlich. 
Marc Aurel war römischer Kaiser, und zwar ein 
Kaiser, der es mit seinen Pflichten sehr ernst nahm; 
für ihn war der Staat, den zu leiten er berufen war, 
das Höchste in der Welt, und das Aufgehen in dessen 
Dienst die höchste sittliche Pflicht, wie er dies in 
seinen Selbstbetrachtungen oft aufführt. Die Christen 
jener Zeit aber waren geschworene Feinde dieses 
Staates, hielten ihn für ein Teufelswerk, entzogen 
sich seinem Dienst, so gut sie konnten und sehnten 
ein Ende mit Schrecken für ihn herbei. Wie konnte 
es darum anders sein, als daß gerade die besten Ver- 

XVIII 

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treter dieses Staates in den Christen nichts anderes 
als „eine Rotte staatsgefährlicher Neuerer* sahen? 
Wenn also schon der römische Kaiser Marc Aurel 
kein Freund des Christentums sein konnte, so war 
es der Philosoph Marc Aurel erst recht nicht 
Doch das wird erst ganz klar werden, wenn wir Marc 
Aureis Weltanschauung näher kennen gelernt haben. 
Die Grundlage der Weltanschauung Marc Aureis ist der 
gemilderte Stoizismus, wie ihn sein direkter Vorgänger, 
der syrische Freigelassene Epiktet gelehrt hat, dessen 
Schriften Marc Aurel durch seinen Lehrer Rusticus 
kennen gelernt hatte. Aber bezeichnenderweise inter- 
essieren den vielbeschäftigten Kaiser, der nur wenig 
Muße für Philosophie hat, weder die Dialektik noch 
Physik seiner Vorgänger (Selbstbetrachtungen VII, 67), 
noch überhaupt die Teile des Systems, welche nicht 
im unmittelbaren Zusammenhang mit der Ethik stehen. 
Marc Aurel gleicht in der Beziehung Männern wie 
Emerson, Maeterlinck, ja gewissermaßen selbst 
Nietzsche: er übernimmt die naturwissenschaftlichen 
und erkenntnistheoretischen Ansichten seiner Zeit und 
baut auf ihnen eine Art Lebenskunst auf, fest über- 
zeugt davon, daß sie wichtiger ist, als alle theoreti- 
schen Spitzfindigkeiten. Berührt er gelegentlich er- 
kenntnistheoretische und metaphysische Gebiete, so 
wird seine Ausdrucksweise unklar, bald erscheint er 
als Materialist, bald als Dualist, bald als Hylozoist, 
damit mischen sich wieder Vorstellungen wie die 
Senecas von der periodischen Verbrennung und Neu- 
erstehung der Welt, dann auch wieder mythologische 
von einer Götterwelt, die dem Menschen im Traume 
erscheint, kurz, der strenge Fachphilosoph, der ein 



XIX 

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neues System erwartet, kommt bei Marc Aurel nicht 
auf seine Rechnung. Der Weise auf dem Kaiserthron 
weiß das übrigens recht gut; er tröstet sich (V, 10) 
damit, daß auch nach der Ansicht großer Philosophen 
viel Dunkel in der Welt herrsche, und es bereitet ihm 
keinerlei Schmerz, daß er nicht alle Rätsel lösen kann» 
Taihe geht sogar so weit, anzunehmen, Marc Aurel 
sei sich dessen wohl bewußt gewesen, daß er immer 
nur in Bildern rede, wenn er Worte wie „Weltkeim*, 
„Weltvemunft", „Weltsubstanz " und „Gottheit" aus- 
spreche, und er meint, nur ein Satz könne als 
wesentlich für Marc Aureis Weltanschauung auf- 
gestellt werden: „Die Welt ist eine Einheit, eine 
gesetzliche Ordnung beherrscht sie, und diese 
Ordnung hat die Harmonie einer Vernunft* 
Kein Satz kann knapper und besser das Bleibende 
der Marc Aurelschen Weltanschauung herausschälen. 
Von ihm lassen sich auch alle anderen \tesentlichen 
Sätze ableiten: Denn der Mensch ist nichts anderes 
als eine solche Einheit im kleinen, auch ihn be- 
herrscht eine gesetzmäßige Ordnung, die Vernunft, 
die nichts anderes ist, als ein Teil der die Welt durch- 
waltenden Allvemunft und die von Marc Aurel sehr 
glücklich mit dem guten Dämon identifiziert wird, 
der nach hellenischem Volksglauben den Menschen 
als Schützer durchs Leben begleitet. (Vergl. die Stellen 
hierüber, zusammengestellt in der Anmerkung 1 zu 
No. 13, Buch IL) Wie nun die Welt im großen von 
dieser Allvemunft weise regiert wird, also daß es 
keinen Zufall geben kann und, im Grunde genommen^ 
auch keine Übel, so sollte sich der Mensch im kleinen 
von seinem „Dämon* regieren lassen; er würde dann 

XX 

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«natürlich*' und damit zugleich „sittlich"* leben, ja 
noch mehr, er hätte damit die höchstmögliche Stufe 
des erreichbaren Glückes erklommen: nichts könnte 
ihn aus seiner Fassung bringen, es gäbe für ihn kein 
Leid, denn alles ist ja notwendig und weise; eine 
klare Heiterkeit, ebenso fem von lauter Freude, wie 
von lautem Jammer, würde, einem ewig windstillen, 
lächelnden blauen See vergleichbar, sein Wesen sein. 
Und in der Tat ist auch das Bild dieses vollendeten 
Weisen das von Marc Aurel schmerzlich erstrebte 
Ideal des Menschentums, dem all sein Denken und 
Trachten gilt Warum sind aber die Menschen nicht 
so? Das ist die ungeheure Frage, die unübersteig- 
liche Mauer, vor der unseres Philosophen schöne 
zarte Menschheitsträume resigniert Halt machen I Ja, 
warum? Die Seele Marc Aureis ist selbst viel zu 
rein und adlig, als dafi sie im Bösen etwas wirklich 
Vorhandenes, eine positive Macht sehen könnte: sie 
weiß nur von einem irregeleiteten oder noch irrenden 
Guten, von einer niedrigeren Entwickelungsstufe des 
Guten, oder sie beruhigt sich schließlich, wenn aller 
Optimismus nichts verschlagen will, mit dem stoischen 
Ausweg, daß man auch das Böse als eine Notwendig- 
keit hinnehmen müsse, die im Weltlauf irgendwie 
begründet sei, wenn wir auch nicht wüßten wie, ohne 
sich selbst darum von dem für recht Erkannten ab- 
bringen zu lassen. Als recht aber erkennt Marc 
Aureis Seele nur ein Leben nach den Gesetzen der 
Vernunft Und die Vernunft gebietet, sich ohne Rück- 
sicht auf eigenes Wohl für das große Ganze zu be- 
tätigen, auf dem Posten, auf welchen man durch das 
Geschick gestellt worden ist; sie gebietet aber weiter, 



XXI 

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in jedem Wesen ein ebenso notwendiges Glied der 
Gesamtheit zu erblicken, als man selbst ist, also sich 
über keines derselben irgendwie aufzuregen oder zu 
ärgern, vielmehr alle mit milder Liebe zu umfassen! 
Wie ernst es unser Weiser gerade mit dieser Folge- 
rung nahm, ist bekannt, vergleicht er doch selbst 
einmal den kriegführenden Feldherrn ah einer hoch- 
bedeutsamen Stelle seiner Selbstbetrachtungen (X, 10) 
mit dem Jäger und Räuber! Drittens aber gebietet die 
Vernunft, daß man sie selbst als das Höchste betrachte, 
wie in der Welt, so im Einzelmenschen. Ist sie aber 
das Höchste, das einzige wahre Gut, so erscheinen 
neben ihr alle anderen angeblichen „Güter" der Welt 
in ihrem wahren Wesen, d. h. als Nichtigkeiten, die 
weder Glück noch Unglück im wahren Sinne des 
Wortes bringen können. Ganz konsequent zu Ende 
gedacht, führt dieser Gedankengang zum Neuplato- 
nismus, zur Askese, zum Quietismus. Unsern Weisen 
behütete die Notwendigkeit seines Berufes davor, 
praktisch diese Schlüsse zu ziehen. Ihm ist die Ein- 
kehr bei der eigenen Seele in seltenen Stunden der 
Einsamkeit nur wie ein stärkendes Bad, in welchem 
man nicht zu lange verweilen darf, damit seine Heil- 
wirkungen nicht ins Gegenteil umschlagen! In diesen 
Stunden^ vielleicht des Nachts im Feindeslande, wenn 
draußen »die Wachen ihren eintönigen Gang machten, 
die ermatteten Krieger ringsum schliefen und die 
düsteren Urwälder Germaniens von den Stürmen ge- 
schüttelt wurden, während die Donau mächtig rauschte, 
oder in Rom, nach Erledigung all der unangenehmen 
Repräsentationsgeschäfte und Regierungsakte, in den 
einsamen Gärten, wo er als Kind schon geträumt, 

XXII 

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unter dem strahlenden Sternenmeer, die Blicke auf 
die gewaltige und doch so verderbte Stadt gerichtet, 
wie jämmerlich mögen da unserm Philosophen all 
die vielgepriesenen Werte und Güter vorgekommen 
sein, um deren Besitz sich die Welt, die er zu regieren 
berufen war, bis aufs Blut quälte I »Wahn, Wahn, 
überall Wahn!" Dieses Motiv klingt in gar vielen 
seiner Sätze recht vernehmlich durch, also daß man 
geneigt ist, ihn einen „Pessimisten" zu nennen. Und 
er ist es auch in dem Sinne, in dem E. v. Hartmann, 
Maeterlinck, ja selbst Nietzsche Pessimisten genannt 
werden können. Auch Marc Aurel hat schon wie 
diese modernen Geister das Janusgesicht der Welt 
gesehen, und zwar hat er vor allem die Welt nach 
der Seite ihrer Vergänglichkeit und Flüchtigkeit durch- 
schaut» In zahllosen, geradezu packenden, nie er- 
müdenden Bildern gibt er mit der Phantasie eines 
Poeten diese Erkenntnis wieder, am erschütterndsten 
vielleicht in der berühmten Stelle XII, 5, jener rühren- 
den Frage an das Schicksal^ warum die Guten 
unterschiedslos wie die Bösen der Vernichtung an- 
heimfallen müssen. Man kann über diesen Pessi- 
mismus Marc Aureis verschiedener Meinung sein: 
man kann wie Renan diese wiederholten Darstellungen 
ein und desselben Gedankens betrachten als die 
Äußerungen eines fortdauernden Kampfes der Seele 
Marc Aureis mit den nie ganz zu besiegenden Wün- 
schen seines Herzens, das trotz aller entgegengesetzten 
Versicherungen nicht wenig an den Vergänglichkeiten 
der Welt hing; man kann dann weiter wie Renan von 
einem „martyre Interieur" des großen Weisen reden, 
von den Ungeheuern Leiden, die diese edle Seele in 



XXIIl 



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der sie umgebenden verdorbenen Welt durchzumachen 
hatte, bis sie endlich auch den letzten Schrecken, 
den Gedanken an die Vernichtung mit kühlem Gleich- 
mut, ja vielleicht mit einer Art Sehnsucht nach Er- 
lösung in sich aufgenommen und den Zustand erreicht 
hat, den Schopenhauer am Ende des IV, Buches von 
»Welt als Wille und Vorstellung" so ergreifend be- 
schreibt, »jener Friede, der höher ist als alle Vernunft, 
jene gänzliche Meeresstille des Gemüts, jene tiefe 
Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, 
deren bloßer Abglanz im Antiitz, wie ihn Raffael und 
Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres 
Evangelium ist, nur die Erkenntnis ist geblieben, der 
Wille ist verschwunden**. Es ist wahr, gegen Ende 
der Selbstbetrachtungen Marc Aureis werden die Ge- 
danken an den Tod, welche ja schon vorher wie ein 
angedeutetes Motiv da und dort durchklingen, zum 
herrschenden Leitmotiv, und die ganze tiefernste Stim- 
mung, welche diese Teile des Buches beherrscht, hat 
ganz gewiß ihre Hauptursache in der viel tieferen, 
aber auch viel bittereren Lebenserfahrung, die der 
Kaiser seit Abfassung des ersten Buches seiner Schrift 
gesammelt hat Sehr schön sagt Renan über diese 
Schlußteile der Selbstbetrachtungen: „Die letzten 
Bücher der Selbstbetrachtungen stammen aus der Zeit, 
da Marc Aurel, allein geblieben mit seiner Philo- 
sophie, die niemand mehr teilte, nur noch einen 
einzigen Gedanken hat, nämlich den, ganz sanft aus 
der Welt zu scheiden. Es ist dieselbe Melancholie 
wie in der Philosophie von Camuntum; aber der 
Tag des Denkers hat sich zum Abend geneigt! In 
Camuntum und an den Ufern des Granna sinnt Marc 

XXIV 



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Aurel darüber nach, wie er sich stark im Leben 
machen könne. Jetzt ist all sein Denken nichts mehr 
als eine Vorbereitung zum Tod." Und er hat es ja 
auch erreicht, dies Ziel, wie Renan am Ende des- 
selben Kapitels ausführt: „Er hatte das Nirwana des 
Buddhisten erreicht, den Frieden Christi. Wie Jesus, 
Sakya-Muni, Sokrates, Franz von Assissi und drei 
oder vier andere Weise, hatte er den Tod vollständig 
besiegt. Er konnte lächeln über ihn, denn in Wirk- 
lichkeit hatte er für ihn keinen Sinn mehr.* Aber 
gilt dieser Satz denn nicht für die ganze Philosophie 
Marc Aureis? Und ist er nicht imstande, die dunkeln 
Wolken des Pessimismus, durch die alle Lichtsucher 
sich hinaufringen müssen wie Ibsens Idealmenschen- 
paar Rubeck und Irene »auf die Zinne des Turmes, 
die da leuchtet im Sonnenaufgang", endgültig zu 
zerstreuen? Hat nicht Taine ebenso recht wie Renan, 
wenn er sagt: „Die Traurigkeit und der Ekel waren 
nur eine Vordergrundsansicht, die es vergaß, den 
Blick aufs Ganze zu richten I Alles ist gut und alles 
ist schön. Diese einheitliche und schöpferische Natur, 
wer könnte ihr schaden, da es doch nichts außer ihr 
gibt? Wer könnte ihre Kräfte lähmen, da es doch 
keine andere Kraft als die ihrige gibt? Welche Schön- 
heit welkt nicht dahin im Vergleiche mit dieser un- 
erschöpflichen stillen Macht, deren maßvolle Kraft 
unaufhörlich ans Licht führt die ewige Flut der Wesen 
und die sich ebenso durch ihr ruhiges Fließen wie 
durch ihre Stöße enthüllt? Wer fühlt sich nicht von 
Bewunderung und Freude durchdrungen beim An- 
blick dieses geheimen Lebenswillens, der die Wesen 
trägt und umformt, der triumphiert bei ihrer Erneue- 



XXV 

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rung wie bei iiirer Fortdauer und dessen einzelne 
Äußerungen das Werk der Weltvemunft sind? Was 
habe ich zu tun mit den tausend verstümmelten Ger 
danken > durch die mein Geist sich in Beziehung 
setzt zu dem Stückwerk, das mich umgibt? Ein 
Gedanke ist ganz, ist wahr, der der Natur, und alle 
andern gelten nur insofern, als sie mit diesem zu- 
sammenhängen. Ich werde also nur diesen einen 
Gedanken haben, wie es auch nur ein einziges Wesen 
gibt: ich werde darauf alle andern beziehen; ich 
werde die enge Schranke meines Ich erweitem; ich 
werde die allumfassende Gottheit begreifen, deren 
ich ein Glied bin und ich werde handeln nach dieser 
Eingebung." Dies Leben, das sich im Schöße des 
Ewigen geborgen weiß» triumphiert trotz aller Verr 
gänglichkeit über den Todesgedanken und über- 
windet den erdenschweren Pessimismus für immer. 
Es ist Religion, im höchsten und edelsten Sinne dieses 
viel mißverstandenen Wortes, und ist von den Weisen 
aller Zeiten mit tiefster Sehnsucht gesucht und sein 
Besitz in überschwenglicher Weise gepriesen worden. 
Es steht himmelhoch über allen Dogmenreligionen, 
es steht auch über allem, was man mit Christentum 
bezeichnen kann, denn es faßt die bleibenden Mo- 
mente dieser Religion, ihren ethischen Gehalt schon 
in sich und hat gerade ihn tiefer begründet, als das 
Christentum mit *iner Mythologie oder Philosophie. 
Vor allem unterscheidet es sich ganz bemerkenswert 
in zwei Punkten vom Christentum: es kennt keinen 
Gott, der etwas anderes wäre als die in allem Seien- 
den, also auch in uns selbst lebende Vernunft, und 
es kennt keine andere Welt als die, in welcher wir 

XXVI 

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wirken müssen, solange wir dazu die Kraft besitzen, 
es ist also diesseits-freundlich und handelt nicht in 
der egoistischen Erwartung eines himmlischen Lohnes, 
kennt überhaupt kein Handeln um Lohn! Daß ein 
Mensch, der sich dieses wahrhaft hier schon in jedem 
Augenblick der Gottheit sicheren Lebens bewußt war, 
und darin seinen höchsten Trost gegenüber allem 
Weltleid gefunden hat, vom Christentum der da- 
maligen Zeit auch theoretisch nichts wissen wollte, 
wird nunmehr verständlich seini 
Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, zu verfolgen, wie 
der Same, d^n Marc Äurels Buch ausgestreut hat, 
im Lauf der Geschichte des Geistes weiter gewirkt 
hat. Daß der Stoizismus und mit ihm Marc Aurel 
vergessen war unter der Herrschaft der Scholastik, 
ist nicht schwer verständlich. Erst mit der Renaissance 
beginnt mit Plato auch der Stoizismus wieder be- 
achtet zu werden, freilich zunächst nur in seinem 
Hauptvertreter Seneca. Von den neueren Philosophen 
zeigt Spinoza stellenweise stoische Einflüsse, sein 
Ideal des Weisen*) nähert sich wenigstens dem Marc 
Aureis in mancher Beziehung, und Spinozas Satz: 
„die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend" 
ist durchaus nach dem Sinne Marc Aurels. Leibniz 
benutzte in der Theodicee ab und zu stoische Ge- 
dankengänge, um seinen Optimismus damit zu er- 
härten, ja gewisse Sätze der Theodicee, z. B. § 145 

♦) Spinoza sagt Ethik V. Teil Satz 42. Anmerkung: .Der Weise 
dagegen .... wird in der Seele kaum beunruhigt, sondern 
seiner selbst, Gottes und der Dinge mit einer gewissen Not- 
wendigkeit bewuBt, hört er niemals auf, zu sein, und ist immer im 
Besitze der wahren Befriedigung der Seele.* 



XXVII 

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und 147 erinnern ganz an Marc Aurel, auch der Leib- 
nizsche teleologische Grundgedanke hat Verwandt- 
schaft mit der stoischen Teleologie. Kant und be- 
sonders Fichte griffen den stoischen Pflichtgedanken 
auf und bauten darauf ihre kühnen Moralgebäude, 
und von den noch jetzt lebenden Philosophen klas- 
sischer Richtung zeigt Ed. von Hartmanns Ethik und 
Teleologie Ähnlichkeit mit stoischen Lehren. Neben 
diesen vereinzelten Einflüssen des Stoizismus und 
Marc Aureis muß aber besonders auf zwei Werke hin- 
gewiesen werden, die ohne Marc Aurel geradezu un- 
denkbar wären: es sind dies Schleiermachers Mono- 
loge und Maeteriincks Buch „Weisheit und Schicksal*. 
Schleiermacher, dessen durchaus moderne wirkliche 
Religiosität, die sich ja mit der eines Marc Aurel so 
wunderbar berührt, und uns erst wieder durch Meyer- 
Benfeys schönes Buch „Moderne Religion" so recht 
nahe gebracht worden ist, tritt uns in seinen Mono- 
logen als derWeise entgegen, der Marc Aureis Seelen- 
kämpfe durchgekämpft hat und nun im Besitze seines 
stolzen Allbewußtseins wie von einem hohen leuchten- 
den Gipfel herab die Welt betrachtet; Marc Aurel ist 
der keuchende Wandersmann, der dem Gipfel zu- 
strebt, ohne gegen die Schönheiten seines Weges 
blind zu sein, Schleiermacher aber steht schon oben: 
„Von innen kam die hohe Offenbarung, durch keine 
Tugendlehren und kein System der Weisen hervor- 
gebracht; das lange Suchen, dem nicht dies, nicht 
jene genügen wollten, krönte ein heller Augenblick; 
die Freiheit löste die dunkeln Zweifel durch die Tat. 
Ich darf es sagen, daß ich nie seitdem mich selbst 
verioren. Was sie Gewissen nennen, kenne ich so 

XXVIII 

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nicht mehr; so straft mich kein Gefühl, so braucht 
mich keines zu mahnen. — In stiller Ruhe, in wechsel- 
loser Einfalt führ' ich ununterbrochen das Bewußt- 
sein der ganzen Menschheit in mir. Gern und leichten 
Herzens sehe ich oft mein Handeln in Zusammen- 
hang, und sicher, daS ich nirgend etwas, was die 
Vernunft verleugnen müßte, finden werde." Oder 
noch klarer und tiefer: „So oft ich aber ins innere 
Selbst den Blick zurückwende, bin ich zugleich im 
Reich der Ewigkeit!** 

Noch mehr als Schleiermacher stehen unter dem Ein- 
fluß Marc Aureis endlich einige moderne Franzosen 
wie Renan, Taine und vor allem Maeterlinck. Ist es 
bei Renan mehr die melancholische Grundstimmung, 
bei Taine das ästhetische Moment, das den Pessi- 
mismus zu überwinden geeignet ist, so hat Maeter- 
linck von Marc Äurel sozusagen alles übernommen, 
daß man bei der Lektüre seines Buches „Weisheit 
und Schicksal" nicht selten meint, eine modernisierte 
Übertragung Marc Aureis vor Augen zu haben. 
Schon die Grundansicht Maeterlincks, die er bei 
allen Wandlungen festgehalten hat, das Einssein der 
Menschenseele mit* dem Weltgrund, ist durchaus 
stoisch. Immerhin lehren ja allerdings auch andere 
Systeme diesen Satz; aber weiter: Genau wie Marc 
Aurer folgert auch Maeterlinck aus dieser These, daß 
Glück und Unglück für den Menschen nie in äußeren 
Dingen bestehen könne, daß, das einzig mögliche 
Glück in der Pflege des göttlichen Kernes in uns 
gefunden werden könne, daß man die Leiden, die 
auch Maeterlinck nicht leugnet, als Boten betrachten 
muß, „die uns zur Einkehr und Selbsterkenntnis 



XXIX 

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mahnen". Es sei mir gestattet, einige der markan- 
testen Sätze Maeterlincks hier anzuführen, zu denen 
der Leser die Parallelstellen in den Selbstbetrachtungen 
Marc Aureis leicht finden wird. „Man ist bei sich, 
man ist vor den Tücken des Zufalls geschützt, man 
ist glücklich und stark nur im Umkreise seines Be- 
wußtseins.* »Jedes Wesen, das die blinde Macht 
des Instinktes in sich zu verringern weiß, vermindert 
rings um sich die Macht des Schicksals." „Es gibt 
Unglücksfälle, die das Geschick in Gegenwart einer 
Seele, die es mehr als einmal besiegt hat, nicht zu 
unternehmen wagt, und der vorübergehende Weise 
unterbricht tausend Dramen." „Wo ein Weiser auf- 
tritt, macht das Ereignis vor ihm Halt, ehe es Blut 
und Tränen gibt. Es gibt nicht allein unter den 
Weisen nie, es gibt auch um den Weisen sehr selten 
ein Drama." „Der Wille zur Weisheit hat das Ver- 
mögen, alles was unsem Körper nicht tödlich be- 
rührt, wieder ins Geleise zu bringen." „Das wahre 
Schicksal ist ein inneres Schicksal. Was ihnen zu- 
stößt macht den meisten Menschen das Leben finster 
oder licht; aber das innere Leben derer, von denen 
ich spreche, verklärt ganz allein alles, was ihnen zu- 
stößt." „Weise ist, wer dieses Leben mit allem unter- 
halten lernt, was der Zufall ihm tagtäglich zubringt." 
„Weise ist, wem selbst das Böse den Scheiterliaufen 

der Liebe nähren muß." „Die Freude der Seele 

kommt nicht vom äußeren Glücke, noch von einer 
Befriedigung der Eigenliebe." „Ein Geist, der sich 
erhellt, hat Freuden, die kein Körper kennt, der glück- 
lich ist; aber eine Seele, die sich bessert, hat Freuden, 
die auch ein aufstrebender Geist nicht immer kennen 

XXX 

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wird." ,In Wahrheit leidet der Weise auch." »Es 
handelt sich auch gar nicht um Vermeidung des 
Schmerzes, sondern um Vermeidung der Entmutigung 
und der Ketten, die er jedem bringt, der ihn wie 
einen Herrn aufnimmt" „Alles, was uns umgibt, 
wird zum Engel oder Teufel, je nachdem unser Herz 

beschaffen ist" „Was aber im Dasein Marc 

Aureis recht ist, das ist im Dasein jeder Seele billig." 
Und so könnte man die Zitate beliebig lang fort- 
setzen und würde finden, daß Maeterlinck den Marc 
Aurel, den er auch oft zitiert, wirklich in glück- 
lichster Weise auf unsere Zustände anzuwenden ver- 
steht Auch der Grundgedanke des Maeterlinckschen 
Bienenbuches, die selbstbewußte Unterordnung des 
einzelnen unter die anerkannten Gesetze eines höheren 
Organismus, von dem der einzelne ein Teil ist, läßt 
sich, wie wir sehen, leicht aus Marc Aurel ableiten! 
Angesichts der Tatsache nun, daß Maeterlinck weite 
Verbreitung gefunden hat und noch findet, schien es 
nicht unzeitgemäß, dem deutschen Volke auch eine 
der Quellen der Weltanschauung Maeterlincks bequem 
zugänglich zu machen und damit vielleicht auch ein 
kleines Steinchen beizutragen zu dem gewaltigen 
Tempel einer neuen, reineren, wirklich menschen- 
würdigen Kultur, die gerade unsere Besten nach 
den fruchtlosen, toten Tagen des Materialismus und 
der wissenschaftlichen Zänkerei ersehnen I 

Es gibt in deutscher Sprache bereits eine Reihe anderer 
Übertragungen des Marc Aurelschen Werkes, so daß 
es noch einiger Worte der Erklärung bedarf über die 
Absicht, mit welcher die vorliegende Neuübertragung 



XXXI 

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bearbeitet wurde: Die bisher vorhandenen deutschen 
Übersetzungen dienen entweder mehr nur sprach- 
wissenschaftlichen Zwecken, oder sie sind, wie die bei 
Reclam, ,jpopulär" im weitesten Sinne; eine Über- 
tragung aber in modernem Deutsch, welche unter 
Vermeidung unnötiger Fremdwörter dem Geiste und 
den sprachlichen Eigentümlichkeiten des Originals 
gerecht zu werden sucht, ohne sich doch sklavisch 
an den Urtext zu binden, ist nicht vorhanden. Außer- 
dem fehlt es auch an einer weiteren Kreisen zugäng- 
lichen Monographie über die kulturelle Bedeutung des 
Marc Aurelschen Bekenntnisbuches. 
Diesen beiden Bedürfnissen möchte das vorliegende 
Buch abzuhelfen versuchen. 

Stuttgart im Juli 1903 
Dr. Otto Kiefer 




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Von meinem Großvater*) habe ich das Gutartige 
und Gelassene. (1) 

Von meinem Vater die Männlichkeit, die die Be- 
scheidenheit nicht ausschließt, was man auch 
ihm nachrühmte. (2) 

Von meiner Mutter die Frömmigkeit und Wohl- 
tätigkeit; von ihr auch das Bestreben, nicht nur 
bösen Tuns mich zu enthalten, sondern auch schon 
schlimmer Gedanken; ihr verdanke ich endlich die 
schlichte Lebensweise, die sich fernhält von herri- 
schem Prunk. (3) 
Meinem Urgroßvater danke ich es, daß ich die 
öffentiichen Schulen nicht besuchen mußte; gab 
er mir doch zu Hause gute Lehrer und ließ mich er- 
kennen, daß man hierin unermüdlich sich verschwenden 
müsse. (4) 

Mein Erzieher lehrte mich, im Circus weder für die 
„ Grünen ** noch für die „Blauen " , beim Gladiatoren- 
kampf weder für die Rundschilde noch für die Lang- 
schilde mich zu ereifern; dagegen unterwies er mich, wie 
man Anstrengungen erträgt, sich mit wenigem begnügt, 
bei allem selbst Hand anlegt und sich fernhält von 

1 1 



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Dingen, die einen nichts angelien; auch flößte er mir 
:]lVidefWilietf:gegen Angeberei ein. (5) 

VjQnJOiogpetuß' lernte ich den Haß gegen alles Eitle 
": \t **lftit! iiißtJnglälibigkeit gegenüber dem Geschwätz 
der Gaukler, Beschwörer, Wahrsager und dergleichen 
und die Verachtung der Wachtelpflege und ähnlicher 
Torheiten; wohl aber lehrte er mich, ein freies Wort 
zu ertragen und mir die Philosophie zum Lebens- 
inhalt zu machen; so ließ er mich zuerst den Bacchius, 
dann den Tandasis und Marcianus hören und be- 
schäftigte meinen jugendlichen Geist mit Entwerfen 
von Dialogen und gab mir die Freude am einfachen, 
nur mit einem Tierfell bedeckten Nachtlager und 
allem anderen zur Lebensart griechischer Weisen 
Gehörigen. (6) 

Von Rusticus bekam ich die Oberzeugung einge- 
prägt, ich müsse an der Ausbildung und Besserung 
meines Charakters arbeiten, alle sophistische Leiden- 
schaft vermeiden, nicht über leere Theorien Schrift- 
stellerei treiben, keine Sittenpredigten halten, noch 
in augenfälliger Weise den Asketen oder Menschen- 
freund spielen; er bewahrte mich auch vor jedem 
rhetorischen und poetischen Wortgepränge, jeder 
Schönrednerei, vor Kleiderluxus und all derartigem. 
Er lehrte mich die Schlichtheit im Briefstil, wie er 
sie selbst anwandte in einem aus Sinuessa an meine 
Mutter geschriebenen Brief, die Versöhnlichkeit und 
das Entgegenkommen meinen Widersachern und Be- 
leidigem gegenüber, sobald sie selbst zum Einlenken 
bereit seien; er unterwies mich in der Kunst, mit 
Aufmerksamkeit zu lesen und nicht mit oberfläch- 
lichem Darüberhinweggleiten zufrieden zu sein, noch 



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Schwätzern so ohne weiteres zuzustimmen. Er machte 
mich auch mit Epiktets Gedanken bekannt, die er 
mir aus seiner Bibliothek mitteilte. (7) 

Von ApoUonius habe ich die Geistesfreiheit, die die 
Bedachtsamkeit nicht ausschließt und in allem 
nie etwas anderes als die Vernunft zum Leitstern 
wählt; ihm verdanke ich die stetige Seelenruhe auch 
unter den heftigsten Schmerzen, beim Verlust eines 
Kindes, in langwierigen Krankheiten. Er gab mir 
ein lebendiges Beispiel, wie man tiefen Ernst mit 
Nachsicht verbinden könne. Beim Unterricht war er 
nie verdrießlich und war auf seine Geschicklichkeit 
und Gewandtheit im Vortrag nie eingebildet. Endlich 
zeigte er mir auch, wie man sogenannte Gefällig- 
keiten von Freunden annehmen müsse, ohne dafür 
sich zu demütigen oder unerkenntlich sie außer acht 
zu lassen. (8) 

Von Sextus lernte ich das Wohlwollen, er war 
mir das Vorbild eines echten Familienvaters und 
erweckte in mir die Einsicht, wie man nach den 
Gesetzen der Natur leben müsse; er besaß eine un- 
gezwungene Würde des Benehmens, war sorgsam, 
die Wünsche seiner Freunde zu erraten, besaß Milde 
gegen die Unwissenden und die Leute, die unüber- 
legt urteilen, und verstand die seltene Kunst, sich in 
alle Menschen zu schicken. So lag im Umgang mit 
ihm mehr Süßigkeit als in aller Schmeichelei, und 
er erfreute sich bei denselben Menschen stets der 
größten Hochachtung. Er entwickelte in mir die 
Fähigkeit, die zur Lebensweisheit erforderlichen Grund- 
sätze in klarer und regelrechter Weise zu finden und 
zu verknüpfen. Niemals sah man diesen Mann in 



1* 



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zorniger Aufwallung oder sonst einer Leidenschaft 
hingegeben, aber trotz dieser Leidenschaftslosigkeit 
entfaltete er herzgewinnende Liebenswürdigkeit; er 
legte Wert auf einen guten Ruf, doch ohne viel 
Aufhebens; er besaß vielseitiges Wissen ohne Pe- 
danterie. (9) 
A lexander der Grammatiker belehrte mich, wie man 
J\ schonend und ohne Tadel und verletzende Vor- 
würfe mit Leuten, die einen fremdartigen oder sprach- 
widrigen oder übelklingenden Ausdruck gebrauchten, 
timgehen müsse; er nannte an Stelle des unrichtigen 
Ausdrucks einfach den richtigen und zwar so, daß 
es nie wie eine Korrektur aussah, sondern als sei es eine 
Antwort oder Bestätigung oder handle sich um eine 
gemeinsame Untersuchung über die Sache selbst, 
nicht über das betreffende Wort, oder er legte es auf 
eine sonstige passende Weise, die gerade der Unter- 
richt mit sich brachte, nahe, wie man hätte sagen 
sollen. (10) 

Fronto erweckte in mir die Einsicht, daß Miß- 
gunst, Ränkesucht und Verstellungskunst von 
der Willkürherrschaft verursacht werden und daß 
im allgemeinen die, welche wir die Edelgeborenen 
nennen, weniger Menschenliebe besitzen als die an- 
dern. (11) 
Von Alexander, dem Platoniker lernte ich, niemals 
ohne Not jemandem mündlich oder schrift- 
lich zu erklären, ich hätte für ihn keine Zeit, und 
nicht auf diese Weise unter dem Vorwand dringender 
Geschäfte die Pflichten beständig zurückzuweisen, 
die uns das Zusammenleben mft den Mitmenschen 
auferlegt. (12) 



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Catulus ermahnte mich, Klagen eines Freundes, 
auch wenn sie unbegründet seien, nie gering- 
schätzig hinzunehmen, sondern mich zu bemühen, sein 
Vertrauen wiederzugewinnen; femerauch, von meinen 
Lehrern nur Gutes zu reden wie das von Domitius 
und Athenodotus gerühmt wird, und meinen Kindern 
ein wahrhaft liebender Vater zu sein. (13) 

Mein Bruder Severus war mir ein Vorbild in der 
Liebe zu meinen Verwandten, in der Liebe zur 
Wahrheit und Gerechtigkeit; er machte mich bekannt 
mit einem Thraseas, Helvidius, Cato, Dion und 
Brutus und gab mir die Vorstellung von einem freien 
Staat mit vollkommener Rechtsgleichheit für alle ohne 
Unterschied und von einem. Reiche, in welchem die 
Freiheit der Untertanen höher gilt als alles ; er prägte mir 
die unwandelbare Hochachtung für die Philosophie 
ein, die Wohltätigkeit und Freigebigkeit, die hoffnungs- 
frohe und vertrauende Liebe zu meinen Freunden; 
etwaige Mißbilligung aber lernte ich ihnen gegenüber 
ohne Rückhalt auszusprechen und ihnen offenherzig 
vor Augen zu führen, was ich von ihnen erwarte, 
was nicht, ohne daß sie erst lange im unklaren 
bleiben. (14) 

Maximus gab mir die goldene Lehre der Selbst- 
beherrschung und des unbeirrten Fortschreitens 
auf dem einmal eingenommenen Wege; sei gutes 
Mutes in allen Lebenslagen, pflegte er zu sagen, t>e- 
sonders aber in den Krankheiten 1 Suche dir einen 
aus Milde und Würde gemischten Charakter anzu- 
eignen, und verrichte die vorliegenden Geschäfte ohne 
Murren I Von ihm glaubte jeder, er rede, wie erdenke, 
und handle immer nur in reinster Absicht; Bewunde^ 



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rang und Staunen waren ihm gleich fremd, nicht 
minder Übereilung und Saumseligkeit; Verlegenheit, 
Trostlosigkeit und unechte Freundlichkeit kannte er 
nicht, nie sah man ihn zornig oder in schlechter 
Laune; in seiner Wohltätigkeit, Großmut und Wahr- 
heitsliebe zeigte er eher das Bild eines fertigen 
Mannes als eines sich erst mühsam heranbildenden. 
Nimmer konnte man meinen, von ihm verachtet zu 
werden, hoch andererseits es wagen, sich besser zu 
dünken. Im Scherz endlich war er stets taktvoll und 
geistreich. (15) 

Mein Vater war mir vorbildlich in seiner Milde, 
die eine unerschütterliche Beständigkeit in dem, 
wofür er sich nach reiflicher Überlegung entschieden 
hatte, nicht ausschloß. Er war ein Verächter eiteln 
Ruhmes beanspmchter Ehren, ein Freund der Arbeit 
und der Ausdauer; er verschloß nie sein Ohr gemein- 
nützigen Vorschlägen anderer und behandelte jeden 
nach Verdienst, verstand es wohl, am* rechten Ort die 
Zügel strammer anzuziehen und nachzulassen; der 
Jünglingsliebe entwöhnt, widmete er sich nur dem 
Staatswohl; er erließ seinen Freunden den Zwang, 
immer mit ihm zu speisen oder auf Reisen stets in 
seiner Umgebung zu sein ; wer ihm aber aus dringender 
Ursache nicht folgen konnte, fand ihn bei der Rück- 
kehr nicht verstimmt Bei Beratungen prüfte er gründ- 
lich und mit Ausdauer und begnügte sich nie mit 
Wahrscheinlichkeiten. Seine Freunde verstand er zu 
halten, wurde ihrer nie überdrüssig, war aber auch 
nie unvernünftig ihnen ergeben. In jeder Lebenslage 
bewahrte er die Zufriedenheit und Heiterkeit Für 
die Zukunft sorgte er gewissenhaft vor und war ohne 



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viel Aufhebens aul die geringsten Vorfälle gefaßt. 
Das Zujauchzen des Volkes und jegliche Schmeichelei 
hielt er sich fem. Ein wachsames Auge besaß er 
für die Staatsbedürfnisse und war sparsam beim 
Ausgeben öffentlicher Gelder, ertrug auch willig den 
Tadel, der ihm deshalb manchmal erwuchs. In seinem 
Verhältnis zu den Göttern beherrschte ihn keine aber- 
gläubische Furcht, und den Menschen gegenüber 
buhlte er nicht um Beliebtheit durch Gefallsucht oder 
Begünstigung des Pöbels, vielmehr besaß er in allem 
nüchterne Festigkeit, achtete die Sitten und war ein 
Feind unklarer Neuerer. Die Genüsse, die das Leben 
angenehm machen und die das Glück reichlich bot^ 
benutzte er mit Maß und Freiheit, indem er sich 
dessen, was er hatte, ungesucht erfreute, ohne das^ 
was er nicht hatte, zu vermissen. Niemand konnte 
von ihm behaupten, er sei ein Sophist, ein einfältiger 
Schwätzer oder ein Pedant; sondern jeder mußte zu- 
geben, einen Mann von reifem Verstand und großer 
Vollkommenheit, zu groß für Schmeichelei, fähig sich 
selbst und andere wohl zu leiten, vor sich zu haben. 
Außerdem wußte er wahre Philosophen wohl zu ehren, 
ohne die andern herabzusetzen oder sich von ihnen 
leiten zu lassen. Im Umgang war er angenehm und 
liebte einen maßvollen Scherz. Seinen Leib pflegte 
er mit Maßen und nicht wie ein Lebemann oder 
putzsüchtiger Mensch, doch ohne ihn zu vernach- 
lässigen, so daß er auch, dank seiner Sorgfalt, fast 
nie einen Arzt gebrauchte. Einer seiner Haupt- 
charakterzüge aber war, daß er Männern, die irgend 
eine hervorragende Gabe besaßen, ob nun in der 
Beredsamkeit, Gesetzeskunde, Ethik oder auf einem 



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sonstigen Gebiete, neidlos den Vorrang ließ, ja ihnen 
sogar dazu behilflich war, die ihren Gaben gebüh- 
rende Anerkennung zu erlangen. Wenn er weiterhin 
in allem dem Vorbilde seiner Vorfahren nachahmte, 
vermied er doch mit seiner konservativen Gesinnung 
zu prahlen. Er war fem von allem Wankelmut und 
jeder Unbeständigkeit und verweilte gern an den- 
selben Orten und bei denselben Geschäften, zu denen 
er nach den heftigsten Kopfschmerzen mit der Kraft 
eines Jünglings zurückkehrte. Er war kein Geheimnis- 
krämer, die wenigen Geheimnisse, die er hatte, be- 
trafen das Staatswohl. Klugheit und Maßhalten lenkten 
ihn bei der Veranstaltung öffentlicher Spiele, bei der 
Errichtung von Gebäuden, Austeilung von Spenden 
und anderem derart; überhaupt ließ er sich seine 
Handlungen nur durch das Gebot der Pflicht, nicht 
durch die Aussicht auf zu gewinnenden Ruhm vor- 
schreiben. Er badete nicht zur Unzeit, frönte keiner 
übertriebenen Baulust, machte sich nichts aus Lecker- 
bissen, nichts aus feinem Gewebe und auseriesenen 
Farben der Gewänder, nichts aus blühender Schön- 
heit seiner Sklaven. Seine gewöhnliche Toga stammte 
von der unteren Villa in Lorium, das übrige von 
Lanuvium, in Tusculum trug er einen Oberrock, 
wegen dessen er sich entschuldigte bei seinen Gästen; 
und so war seine ganze Art. Nichts Hartes, Unehr- 
erbietiges, Heftiges lag in ihm, noch etwas, wie man 
sagt. Unharmonisches, sondern alles war, wie bei 
guter Muße, wohl überlegt, unerschütteriich geordnet, 
in sich fest und mit sich selbst übereinstimmend. 
Auf ihn könnte man anwenden, was von Sokrates 
berichtet wird, daß er zu entbehren und zu genießen 

8 

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verstand, wo die große Menge zum Entbehren zu 
schwach, zum Genießen zu unmäßig gewesen wäre. 
Im Entbehren aber mutig zu ertragen, im Genuß 
nüchtern zu bleiben, ist das Kennzeichen eines Mannes 
mit starker unbesiegbarer Seele, und so war mein 
Vater während der Krankheit des Maximus. (16) 

Den Göttern verdanke ich, daß ich rechtschaffene 
Großeltern, rechtschaffene Eltern, eine recht- 
schaffene Schwester, rechtschaffene Lehrer, recht- 
schaffene Hausgenossen, Verwandte, Freunde, ja 
nahezu lauter rechtschaffene Menschen um mich hatte. 
Aber auch das, daß ich mich gegen keinen derselben 
aus Übereilung vergangen habe, obschon ich hierzu 
die Anlage hatte, nach der ich es hätte tun können I 
Die Gnade der Götter aber verhütete das Zusammen- 
treffen von Umständen, die mich zu Fall gebracht 
hatten. Die Götter fügten es auch, daß ich nicht 
noch länger bei der Geliebten meines Großvaters er- 
zogen ward, daß ich meine Jugendreinheit bewahrte 
und nicht vor der Zeit meine Manneskraft verbrauchte ^, 
sondern sie über die Zeit hinaus aufsparte; daß idi 
einen Herrscher und Vater über mir hatte, der jeden 
Keim des Hochmutes in mir vertilgte und in mir die 
Einsicht erweckte, daß man auch am Hof ohne Leib- 
garde, Prachtgewänder, Fackeln und Ehrensäulen und 
sonstigen Aufwand leben könne in einer beinahe nur 
dem Privatmann eigenen Einfachheit, ohne daß darum 
die Würde und der Ernst in der Erfüllung der Regenten- 
pflichten im mindesten Not zu leiden braucht. Die 
Götter verliehen mir auch einen Bruder, der mich 
durch sein Benehmen zur Selbstbeobachtung an- 
spornte und durch seine Achtung und Liebe mich 



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erfreute; sie schenkten mir Kinder, deren Geist hell, 
deren Körper gesund war; sie fügten es, daß ich weder 
in der Rhetorik und Poesie, noch in anderen Wissen- 
schaften zu große Fortschritte machte, die mich viel- 
leicht sonst zu einseitig gefesselt hätten; sie lenkten 
meine Hand, als ich meine Erzieher in Stellen erhob, 
die ihnen gerade wünschenswert waren und sie nicht 
mit der leeren Hoffnung abspeiste, daß ich erst später 
ihrer gedenken werde. Der göttlichen Fügung ver- 
danke ich meine Bekanntschaft mit Apollonius,Rusticus 
und Maximus. Die Götter lenkten meine Gedanken 
auf ein naturgemäßes Leben und seine Beschaffenheit 
hin; an Gaben, Hilfeleistungen und Eingebungen 
ließen sie es nicht fehlen, mich auf den naturgemäßen 
Lebensweg hinzuführen, und wenn ich von diesem 
Ziele noch entfernt bin, so ist es meine Schuld, daß 
ich die göttlichen Mahnungen, ja geradezu Offen- 
barungen so schlecht befolgt habe. Die Götter ver- 
liehen meinem Körper die Kraft, so viele Beschwerden 
des Lebens ertragen zu können, sie hielten mich fem 
von der Gemeinschaft mit Leuten wie Benedicta und 
Theodotus*) und heilten mich auch später in meinen 
Liebesschmerzen; ihnen verdanke ich, daß ich, ob- 
schon öfter gegen Rusticus aufgebracht, mir doch 
nie eine Handlung gegen ihn erlaubte, die mich jetzt 
reuen könnte; daß meine Mutter ^ die so jung hat 
sterben müssen, wenigstens ihre letzte Lebenszeft bei 
mir zubringen durfte; daß meiner für die Armen und 
sonstigen Bedürftigen offenen Hand stets auch die 
Mittel zur Verfügung standen und ich nie die drückende 
Lage des Schuldenmachens kennen lernte. Sie schenk- 
ten mir eine lenksame, zärtliche, liebende und ein- 

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fache Gattin, geschickte Erzieher für meine Kinder; 
im Traume ließen sie mich Heilmittel, besonders 
gegen Blutspeien und Schwindel erkennen; sie ließen 
meinen nach Philosophie dürstenden Geist nicht in 
die Hände der Sophisten geraten, noch sich mit Lesen 
ihrer Schriften, Auflösung von Trugschlüssen und 
Untersuchungen über die Gestirne unnütz aufreiben. 
Alles das fügten die Götter und ein gnädiges Ge- 
schick I (17) 
Geschrieben bei den Quaden am Granna. 




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ZWEITES BUCH 



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In der Morgenstunde sage zu dir selbst: Ich werde 
heute mit einem vorwitzigen, undankbaren, über- 
mütigen, ränkesüchtigen, verleumderischen, ungesel- 
ligen Menschen zusammentreffen. All diese Fehler 
haften jenen an, weil sie das Gute und Böse nicht 
kennen. Ich aber habe eingesehen, daß das Gute 
seinem Wesen nach schön, das Böse seinem Wesen 
nach häßlich ist und daß die Natur des Fehlenden 
selbst mir verwandt ist, nicht weil wir von gleichem 
Blut und gleicher Abkunft wären, sondern da wir 
derselben Vernunft, der göttlichen Bestimmung teil- 
haftig sind. Auch kann mir keiner von ihnen schaden; 
denn niemand kann mich zum Schändlichen ver- 
führen. Auch kann ich dem, der mir verwandt ist, 
nicht zürnen, oder ihm gram sein. Sind wir doch 
zur gemeinsamen Wirksamkeit geschaffen, wie die 
Füße, die Hände, die Augenlider, die obere und untere 
Kinnlade. Einander entgegenzuwirken,wäre also natur- 
widrig; entgegenwirken aber hieße es, wenn man 
Unwillen und Abscheu gegeneinander empfände. (1) 

Was ich auch sein mag, es ist nur ein wenig 
Fleisch, ein Lebenshauch und die leitende Ver- 

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nunft. Laß die Bücher I Laß dich nicht zerstreuen, 
es ist dir nicht erlaubt I Sondern wie ein dem Tode 
Entgegenschreitender verachte dieses Fleisch: Blut, 
Knochen, ein Gewebe aus Nerven, Sehnen und Adern 
zusammengeflochten, weiter nichts; betrachte aber 
auch diesen Lebenshauch, was ist er denn? Ein Wind, 
nicht einmal immer derselbe, sondern in jeder Stunde 
ausgehaucht und wieder eingeatmet Das Dritte ist 
die leitende Vernunft; darüber denke so: Du bist alt, 
laß sie also nicht mehr länger Sklavin sein, nicht mehr 
länger durch wilde Triebe hin- und hergezerrt werden, 
noch zürne dem gegenwärtigen Geschick oder werde 
erschüttert von dem zukünftigen. (2) 

Die Werke der Götter sind voll von Spuren ihrer 
Vorsehung. Auch die scheinbar zufälligen Er- 
eignisse sind nichts Unnatürliches, sie sind Glieder 
im Weltgewebe und verkettet mft den von der Vor- 
sehung gelenkten Ursachen; von ihr geht alles aus. 
Mit ihr verkettet ist auch die Notwendigkeit und das, 
was dem Weltganzen nützlich ist, von dem du ein 
Teil bist. Denn jedem Einzelteil der Natur muß das 
gut sein, was die Natur des Ganzen erfordert und 
was für sie erhaltend wirkt. Das Weltganze aber 
wird erhalten durch die Veränderung der Grundstoffe 
und der aus ihnen bestehenden Körper. Damft be- 
gnüge dich, das sei dein einziger Lehrsatz. Die 
Bücherbegier tue ab, damit du nicht murrend stirbst, 
sondern heiter und mit echter Dankbarkeit gegen 
die Götter. (3) 

Denke daran, wie lange du diese Aufzeichnungen 
aufschobest und wie oft du die von den Göttern 
dir gebotene Gelegenheit vorübergehen ließest Du 



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mußt es doch endlich einmal merken, welcher Welt 
du ein Teil, welches Weltregenten du eine Aus- 
strömung bist! Schon ist die Zeit für dich abgegrenzt, 
sie schwindet dahin, wenn du sie nicht zur Seelen- 
heiterkeit nützest, und du selber fährst dahin, und 
nie wird sie wiederkehren! (4) 

Stündlich denke daran, als Römer und Mann dein 
Tagewerk mit gewissenhaftem und ungekünsteltem 
Ernst, mit Menschenliebe, Freimut und Gerechtigkeit 
zu verrichten! Halte alle andern Gedanken von dir 
fem, und das wird dir gelingen, wenn du jede deiner 
Handlungen verrichtest, als sei es die letzte deines 
Lebens, frei von jeder Überstürzung und leidenschaft- 
lichen Abneigung gegen die Leitung der Vernunft, 
frei von Heuchelei und Eigenliebe, ergeben in das 
dir bestimmte Los. Du siehst, wie wenig man sich 
aneignen muß, um auf glatten Wogen durchs Leben 
zu fahren, ja um göttergleich zu leben. Denn die 
Götter selbst verlangen nichts weiter von dem, der 
dies beobachtet. (5) 

Schmähe dich, schmähe dich, o Seele: dich zu 
ehren, wirst du keine Zeit mehr haben! Denn 
unser Leben ist so kurz. Dein eigenes ist nahezu 
beendet, und du hast keine Achtung vor dir selbst, 
sondern suchst dein Glück in den Seelen anderer! (6) 

Was zerstreuen dich die Außendinge? Nimm dir 
Zeit, etwas Gutes zu lernen, und laß dich nicht 
weiter wie ein Wind umhertreiben! Auch vor jener 
anderen Verirrung hüte dich: denn es gibtauch Toren, 
die sich ihr ganzes Leben lang abmühen, aber kein 
Ziel vor Augen haben, auf das sie alle ihre Wünsche 
und Gedanken richten. (7) 

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Dadurch, daß man sich nicht um das kümmert, was 
in der Seele eines andern vor sich geht, wird 
man wohl nicht so leicht unglücklich ; wer aber nicht 
mit aller Aufmerksamkeit den Bewegungen der eigenen 
Seele folgt, muß notwendig unglücklich werden. (8) 

Daran mußt du immer denken, was die Natur des 
Ganzen und was die deinige ist und in wel- 
chen Beziehungen diese zu jener steht, und von wel- 
chem Ganzen sie einen Teil bedeutet und daß es 
dir niemand wehren kann, im Reden und Handeln 
dich immer in Übereinstimmung mit der Natur, von 
der du ein Teil bist, zu befinden. (9) 

Theophrast sagt bei einer Vergleichung der Ver- 
gehen, insofern man nach den gewöhnlichen Be- 
griffen eine solche aufstellen kann, in echt philosophi- 
schem Geiste, die Übertretungen aus Begierden seien 
schwerwiegender als die aus Zorn; entfernt sich doch 
offenbar der Zornige mit einem gewissen Schmerz 
und einer geheimen Beklommenheit von der Vernunft; 
wer aber aus Begierden fehlt, wen die Lust tibermannt, 
erscheint zügelloser und unmännlicher in seinen 
Fehlem; mit Recht und eines Philosophen würdig 
sagte er daher, der mit Lust begangene Fehler sei 
strafwürdiger, als der mit Mißstimmung verbundene; 
im ganzen gleicht ja auch der Zürnende mehr einem 
Menschen, der vorher gekränkt war und durch Schmerz 
zum Zorn fortgerissen wurde, der andere dagegen ent- 
schließt sich freiwillig zum Unrecht, durch seine Be- 
gierden zu einer Tat hingerissen. (10) 
TTTTie wenn du diesen Augenblick aus dem Leben 
Vy gehen solltest, so sei dein Tun, Reden und Denken 
beschaffen. Von den Menschen zu scheiden ist nichts 



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Schreckliches, wenn es Götter gibt, denn diese werden 
dich ja wohl nicht dem Unheil preisgeben; wenn es 
aber keine Götter gibt oder sie sich nicht um die 
Menschen kümmern, was soll ich dann noch leben 
in einer Welt ohne Götter oder ohne Vorsehung? 
Aber es gibt Götter, und sie sorgen für den Menschen, 
und sie haben es ganz in seine Hand gelegt, daß er 
nicht in die wahren Übel gerate; wenn es aber noch 
andere Übel gäbe, hätten sie auch dafür gesorgt, 
daß er die Macht habe, nicht von ihnen betroffen zu 
werden. Was aber den Menschen selbst nicht schlim- 
mer macht, wie sollte dies sein Leben schlimmer 
machen können? Die Allnatur hätte weder in Un- 
bewußtheit noch mit Bewußtsein, aber aus Unfähig- 
keit, so etwas zu verhüten oder wieder gutzumachen, 
eine derartige Nachlässigkeit sich zu schulden kommen 
lassen; ebensowenig hätte sie aus Unvermögen oder 
Ungeschicklichkeit ein solches Verfahren begangen, 
Güter und Übel in gleichem Maße ohne Unterschied 
den guten und bösen Menschen zukommen zu lassen. 
Tod und Leben, Ruhm und Ruhmlosigkeit, Unlust 
und Lust, Reichtum und Armut, all dies wird den 
Guten und Bösen in gleicher Weise zuteil, ist an 
sich aber weder etwas Schönes noch etwas Häß- 
liches, also auch weder ein Gut noch ein Übel. (11) 
TTTTie schnell doch alles entschwindet! In der Welt 
YY die Menschen selbst, im Lauf der Zeit ihr Ge- 
dächtnis! Was sind alle Dinge der Sinnenwelt, be- 
sonders die, die uns durch Lust anlocken oder durch 
Unlust zurückschrecken, oder endlich durch ihre 
Scheingröße laut gepriesen werden? Wie unbedeutend, 
verächtlich, wie befleckt, hinfällig und tot! Darüber 

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nachzudenken, ist Pflicht für einen ernsten Menschen. 
Wer sind denn die, deren Meinungen und Urteile 
Ruhm verleihen? Was bedeutet das Sterben? Wenn 
man es für sich allein betrachtet und in Gedanken 
davon trennt, was die Einbildung ihm angeheftet 
hat, so wird von ihm nichts anderes mehr übrig 
bleiben, als eine Wirkung der Natur. Wer sich aber 
vor einer Naturwirkung fürchtet, ist ein Kind. Doch 
weiter! Der Tod ist nicht nur eine Naturwirkung, 
sondern eine ihr heilsame Wirkung. Wie erfaßt end- 
lich der Mensch das Göttliche und durch welchen 
Teil seines Wesens, und wenn dies Körperteilchen 
zerstäubt ist, in welchem Zustand befindet sich dann 
der Mensch? (12) 

Nichts ist elender, als ein Mensch, der alles wie 
im Kreis durcheilt, der die Tiefe der Erde, wie 
Pindar sagt, durchforscht, und was in der Seele seines 
Nebenmenschen vorgeht, zu erraten sucht, ohne einzu- 
sehen, daß es ihm genügen müßte, mit dem Genius 
seines Inneren zu verkehren und dem aufrichtig 
zu dienen. Dieser Dienst aber besteht darin, ihn von 
Leidenschaften, Eitelkeiten und Unzufriedenheit mit 
dem Tun der Götter und Menschen rein zu erhalten. 
Denn was von den Göttern kommt, ist wegen ihrer 
Vollkommenheit ehrwürdig, was aber von den Men- 
schen kommt, wegen der Verwandtschaft mit ihnen 
teuer, manchmal vielleicht auch bemitleidenswert wegen 
ihrer Unkenntnis des Guten und Bösen; sie leiden an 
einem Gebrechen ähnlich demjenigen, weiß und schwarz 
nicht voneinander unterscheiden zu können. (13) 

Wenn du auch dreitausend Jahre lebtest oder 
dreißigtausend, so vergiß doch nie, daß keiner 

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ein anderes Leben verliert, als das, welches er wirk- 
lich lebt, und kein anderes lebt, als das, welches er 
verliert. Das längste Leben läuft also mit dem kürzesten 
auf eines hinaus. Der gegenwärtige Augenblick ist 
für alle gleich und der entschwindende sollte es 
nicht sein? Auch der verlorene erscheint in Wirk- 
lichkeit nur wie ein Augenblick, denn weder kann 
man die Vergangenheit, noch die Zukunft verlieren, 
denn was man nicht hat, kann man auch nicht ver- 
lieren. Folgende beiden Wahrheiten muß man sich 
also merken: Die eine, daß alles von Ewigkeit her 
gleich ist und sich im Kreislauf befindet und daß es 
einerlei ist, ob man dieselben Dinge hundert oder 
zweihundert Jahre lang oder eine ewige Zeit hindurch 
beobachtet, die andere, daß der im höchsten Alter 
Sterbende und der sehr jung Dahingeraffte das gleiche 
verlieren. Denn nur den gegenwärtigen Augenblick 
verlieren sie, da sie nur diesen allein besitzen; was 
man aber nicht besitzt, kann man auch nicht ver- 
lieren. (14) 
Alles beruht auf der Meinung. Die Aussprüche des 
Cynikers Monimos*) beweisen dies; sie sind auch 
nützlich, wenn man sie auf das daran Wahre ein- 
schränkt. (15) 
Des Menschen Seele entehrt sich selbst am meisten 
dann, wenn sie durch eigene Schuld ein Aus- 
wuchs und ein Geschwür der Welt wird. Denn die 
Unzufriedenheit über irgend ein Geschehnis ist schon 
ein Abfall von der Natur, die in ihren Teilen das 
Wesen der Einzeldinge in sich faßt Femer entehrt 
sie sich, wenn sie einen Menschen verabscheut oder 
aus Feindseligkeit ihm zu schaden trachtet, wie es 

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die Zürnenden tun. Sie würdigt sich auch herab, 
wenn sie der Lust oder Unlust erliegt; ferner, wenn 
sie heuchelt oder im Reden und Tun Verstellung und 
Unwahrheit an den Tag legt. Schließlich, wenn sie 
nicht bei jeder ihrer Handlungen ein Ziel erstrebt, 
sondern unbesonnen sich vom Zufall treiben läßt, 
während doch die unbedeutendsten Tätigkeiten immer 
mit Rücksicht auf einen bestimmten Zweck geschehen 
sollen. Zweck vernünftiger Wesen aber ist, dem ver- 
nünftigen Gesetz des ältesten Staates*) und der ehr- 
würdigsten Verfassung zu folgen. (16) 
Des menschlichen Lebens Zeit ist ein Augenblick, 
sein Wesen dem fließenden Wasser ähnlich; die 
Empfindung ist dunkel, des ganzen Körpers Gewebe 
zum Verwesen geneigt, die Seele ein Kreisel, ihr 
Schicksal ein Rätsel, des Menschen Nachrede ver- 
worren; kurzum, was zum Leib gehört, ein Strom, 
was zur Seele gehört, Traum und Rauch; das Leben 
ein Kampf und eine Reise im fremden Land, der 
Nachruhm Vergessenheit. Was gibt es nun, das uns 
da leiten kann? Einzig und allein die Philosophie. 
Diese aber besteht darin, den Genius in seinem 
Inneren vor übermütiger Schädigung zu bewahren, 
der Lust und dem Schmerz überlegen zu sein, nichts 
dem Zufall zu überlassen, nie zur Lüge und Heuchelei 
zu greifen, unabhängig zu bleiben vom Tun und 
Lassen der andern, alle Begegnisse und Schicksale 
als von daher kommend hinzunehmen, woher wir 
selbst kommen, bei allem aber den Tod mit heiterem 
Sinn zu erwarten als nichts anderes denn die Trennung 
der Elemente, aus denen jedes lebende Wesen zu- 
sammengesetzt ist. Wenn aber für die Elemente selbst 

2* 19 

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nichts Schreckliches darin liegt, daß jedes von ihnen 
fortwährend in ein anderes umgewandelt wird, warum 
sollte man die Umwandlung und Auflösung aller zu- 
sammen mit betrübtem Auge betrachten? Auch sie 
geschieht ja der Natur gemäß, und was der Natur ge- 
mäß geschieht, ist kein Übel (17) 
Geschrieben in Camuntum, 




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DRITTES BUCH 






Man muß nicht nur das bedenken, daß unser Leben 
sich tagtäglich aufzehrt, und mit jedem Tag der 
Rest kleiner wird, sondern auch jenes, daß selbst, 
wenn jemand länger leben sollte, es doch ungewiß 
ist, ob auch unsere Denkkraft dieselbe Fähigkeit be- 
halten wird für jene Betrachtung, die die Einsicht in 
göttliche und menschliche Dinge bezweckt. Denn 
wenn man einmal beginnt, kindisch zu werden, so 
hört zwar das Vermögen zu atmen, zu verdauen, Vor- 
stellungen und Triebe zu haben und alles andere derart 
nicht auf; die Fähigkeit aber, seine Kräfte selbsttätig 
zu brauchen, seine jeweilige Pflicht zu berechnen, die 
Eindrücke zu zergliedern, sich darüber klar zu werden, 
ob es Zeit ist, bereits jetzt aus dem Leben zu scheiden 
und über andere derartige eine geübte Denkkraft er- 
fordernde Dinge, diese Fähigkeit ist in uns erloschen. 
Darum müssen wir eilen, denn wir nähern uns nicht 
nur mft jedem Augenblick dem Tode, sondern die 
Fassungskraft und die Fähigkeit zu denken hören oft 
schon früher auf. (1) 

Es verdient unsere Beachtung, daß auch Erschei- 
nungen, die sich zufällig in den Naturerzeugnissen 

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vorfinden, etwas Reizendes und Anziehendes besitzen: 
So hat z. B. manchmal das gebackne Brot Risse und 
Spalten, die zwar der Absicht des Bäckers nicht ent- 
springen, aber doch eine gewisse Annehmlichkeit be- 
sitzen und in eigentümlicher Weise unsere Eßlust er- 
regen. So brechen auch die Feigen, wenn sie über- 
reif sind, auf; und den überzeitigen Oliven verleiht 
gerade die Annäherung der Fäulnis der Frucht etwas 
besonders Liebliches. Die niederhängenden Ähren, 
die faltige Stimhaut des Löwen, der aus des Ebers 
Rachen triefende Schaum und vieles andere derart 
ist, an und für sich betrachtet, fem von aller Wohl- 
gestalt, und doch trägt es, weil es zur Natur eines 
Dinges gehört, mit zu seinem Schmuck bei und macht 
uns Vergnügen. Wenn daher jemand nur Empfäng- 
lichkeit und tieferes Verständnis für alles, was im 
All geschieht, besitzt, so gibt es kaum, etwas, das 
nicht auch unter solchen Nebenumständen ihn die 
Harmonie auch des Kleinsten mit dem Weltall lehren 
könnte. Wer das begriffen hat, wird den natürlichen 
Rachen wilder Tiere mit nicht geringerem Vergnügen 
betrachten, als den von Malern und Bildhauern näch- 
gebildeten, und seinem von der Weisheit geöffneten 
Auge wird sich ebenso die eigenartige Schönheit be- 
tagter Frauen und alter Männer enthüllen wie die 
liebliche Jugendblüte von Knaben. Derart gibt es 
noch vieles, was nicht jedermann, sondern nur den 
anspricht, der für die Natur und ihre Werke einen 
erschlossenen Sinn besitzt. (2) 

Hippokrates, der doch so viele Krankheiten geheilt 
hatte, wurde selbst krank und starb. Die Chal- 
däer, die vielen den Tod prophezeit hatten, eriagen 

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schließlich doch demselben Geschick. Alexander, 
Pompeius und Gaius Cäsar hatten so oft ganze Städte 
von Grund aus zerstört und viel tausend Mann zu 
Pferd und zu Fuß in den Schlachten vernichtet, aber 
endlich wurden auch sie hinweggerafft. Heraklit, der 
so viele naturphilosophische Betrachtungen über den 
Weltuntergang durch Feuer angestellt hatte,, mußte 
an der Wassersucht sterben, in Rindsdünger gehüllt. 
Den Demokrit brachte Ungeziefer um; Sokrates erlag 
dem Ungeziefer in Menschengestalt. Wozu diese 
Erwägungen? Auch du hast das Lebensschiff be- 
stiegen, bist abgefahren und im Hafen angelangt: 
steige nun aus; isfs zu einem andern Dasein, so ist 
ja nichts götterlos, auch dort nicht; ist's aber in einen 
Zustand der Fühllosigkeit, so enden deine Leiden 
und Freuden, du bist nicht mehr in ein Gefäß ein- 
geschlossen, dessen Wertlosigkeit durch den Wert 
des darin Dienenden erst recht deutlich wird. Denn 
dies ist der vernünftige Geist, der Genius in dir, 
jenes dagegen Erde und Verwesung. (3) 

Verschwende nicht den Rest deines Lebens mit 
Gedanken an andere, wofern sie keine Beziehung 
zum allgemein Nützlichen haben. Denn du versäumst 
dadurch ein anderes Geschäft, wenn du darüber nach- 
denkst, was der oder jener tut und warum und was er 
redet, denkt oder beabsichtigt und dergleichen Erwä- 
gungen, die dich von der Beobachtung der leitenden 
Vernunft abziehen. Darum muß man das Zufällige und 
Vergebliche aus der Reihe unserer Vorstellungen ver- 
bannen, vor allem aber die Neugier und Arglist; da- 
gegen muß man sich daran gewöhnen, nur solche 
Vorstellungen zu haben, über die man, wenn uns 



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jemand plötzlich fragt: „Was denkst du im Augen- 
blick?* freimütig antworten könnte: „An dies oder 
das," so daß man ohne weiteres erkennt, hier ist 
alles einfach und voller Güte, wie es einem geselligen 
Wesen geziemt, welches alle Vorstellungen der Wollust 
oder eines sonstigen Genusses und ebenso der Streit- 
sucht, des Neides, des Argwohns und dergleichen, 
was uns erröten machen könnte, gar nicht in sich 
aufkommen läßt. Wahrlich, ein solcher Mann, der 
nichts unterläßt, sich den Besten anzureihen, ist wie 
ein Priester und Diener der Götter, in innigem Ver- 
kehr mit dem Genius, der in ihm seinen Tempel hat. 
Der madit ihn zu einem Menschen, den Lüste nicht 
beflecken, Schmerzen nicht verletzen, Kränkung nicht 
beugt, Bosheit nicht trifft, zu einem Helden im 
schwersten aller Kämpfe, in dem mit den Leiden- 
schaften, tief durchdrungen vom Geist der Gerechtig- 
keit, aus vollem Herzen alles gerne hinnehmend, was 
ihm zustößt und beschert wird. Selten und nur, 
wenn es das Gemeinwohl unbedingt fordert, denkt 
er daran, was wohl ein anderer sagt, tut oder meint 
Nur was in den Kreis seiner Pflichten gehört, ist 
Ziel seiner Tätigkeit, und was im Gewebe des Ganzen 
das Geschick ihm gesponnen hat, beständig Gegen- 
stand seines Nachdenkens. Jenes verrichtet er so 
gut er kann, dieses nimmt er mit fester Überzeugung 
für gut hin. Ist ja doch das einem jeden zugeteilte 
Los auch für jeden zuträglich. Auch daran denkt 
er, daß alle vernünftigen Wesen miteinander verwandt 
sind und daß es in der menschlichen Natur liegt, 
alle Menschen zu lieben, daß man nicht nach der 
Anerkennung aller, sondern nur derer, die natur- 

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gemäS leben, streben mufi; stets hält er sich vor 
Äugen, wie die, welche nicht so leben, daheim und 
auSer dem Haus, bei Tag und bei Nacht, sich be- 
nehmen, und mit was für Leuten sie sich gemein 
machen. Auf das Lob solcher Menschen, die nicht 
einmal sich selbst genfigen können, legt er keinen 
Wert. (4) 

Tue nichts widerwillig, nichts ohne Rücksicht aufs 
allgemeine Beste, nichts übereilt, nichts im Ge- 
triebe der Leidenschaft. Kleide deine Gedanken 
nicht in das Gewand zierlicher Redensarten, sei nicht 
weitschweifig, noch vielgeschäftig; immer sei der 
Gott in dir Führer eines gesetzten, gereiften, staats- 
klugen Mannes, eines echten Römers, eines Herrschers, 
der sich selbst einen Posten angewiesen hat, auf dem 
er, ohne eines Eides oder der Zeugenschaft anderer zu 
bedürfen, bereitwillig das Signal erwartet, das ihn aus 
dem Leben ruft. In dir sei heitre Klarheit, du brauchst 
nicht die Hilfe, die von außen her kommt, und kannst 
den Frieden entbehren, den andere gewähren. Stehe 
selbst aufrecht, ohne von andern aufrecht gehalten 
zu werden 1 (5) 

Wenn du im Menschenleben etwas Besseres findest 
als Gerechtigkeit, Wahrheit, Selbstbeherrschung, 
Mannhaftigkeit, mit einem Wort als eine Seele, die 
hinsichtlich ihrer vernunftgemäßen Handlungsweise 
mit sich selbst, hinsichtlich dessen, was nicht in ihrer 
Gewalt steht, mit dem Schicksal zufrieden ist, wenn 
du, sage ich, etwas Besseres als das findest, so wende 
dich dem mit ganzem Herzen zu und freue dich des 
höchsten Gutes. Wenn dir aber nichts besser er- 
scheint als der in dir wohnende Genius, der die 



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eigenen Begierden sich unterworfen hat, seine Vor- 
stellungen genau prüft, sich, wie Sokrates zu sagen 
pflegte, von der Herrschaft der Sinne befreit und der 
Leitung der Götter unterwirft und für Menschenwohl 
sorgt — wenn alles andere dir demgegenüber gering 
und wertlos erscheint, so gib auch keinem andern 
Dinge Raum. Denn hast du dich einmal hinreißen 
lassen, so steht es nicht mehr in deiner Macht, jenem 
einzigen Gute, das in Wahrheit dein eigen ist, den 
Vorrang einzuräumen. Denn jenem Gut der Ver- 
nunft und des Handelns, irgend etwas Fremdartiges, 
wie den Beifall der Menge, Herrschermacht, Reichtum 
oder Sinnengenüsse an die Seite zu stellen, wäre ein 
Unrecht. All dies würde, wenn es dir anfangs auch nur 
wenig zu taugen schiene, bald die Oberhand gewinnen 
und dich ablenken. Du aber, sage ich, wähle mit 
geradem und freiem Sinn das Bessere und halte 
daran fest. Das Bessere ist aber auch das Zuträgliche; 
das, was dir als vernünftigem Wesen nützt, bewahre, 
wenn es aber nur dem Tierischen in dir förderiich 
ist, so laß es fahren, und erhalte dein Urteil frei von 
Vorurteilen, damit deine Entscheidung auch richtig 
ausfällt. (6) 

Halte nie etwas für dich zuträglich, was dich nötigen 
könnte, je dein Wort zu brechen, deine Ehre 
zu verlieren, einen Menschen zu hassen, ihn zu ver- 
dächtigen oder zu verwünschen und dich vor ihm zu 
verstellen; wünsche nie etwas, das der Wände und 
Vorhänge bedürfte. Denn wer die Vernunft und den 
inneren Genius und den seiner Herrlichkeit geweihten 
Dienst allem vorzieht, vor dessen Schwelle wird das 
Tragische Halt machen, er wird nicht stöhnen, wird 

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sich weder nach Einsamkeit noch nach dem Umgang 
mit einer großen Gesellschaft sehnen, er wird Meister 
sein der höchsten Lebenskunst: leben, ohne das Leben 
ängstlich zu suchen oder zu fliehen, gleichgültig, ob 
seine Seele einen längeren oder kürzeren Zeitraum 
hindurch im Körper eingeschlossen sein soll. Und 
wenn er sich eben jetzt vom Leben trennen sollte, 
wird er ebenso gerne aus demselben scheiden, als 
wenn er eine andere mit Ehre und Anstand überein- 
stimmende Handlung erfüllen müßte. Nur davor 
hütet er sich sein Leben lang, seine Seele einer Rich- 
tung zu überlassen, die eines denkenden und ge- 
selligen Wesens unwürdig ist (7) 
In der Seele eines erzogenen und ^läuterten Men- 
schen findet sich nichts Eiterndes, Unreines oder 
innerlich Faules. Auch entreißt ihm das Geschick 
sein Leben nicht unvollendet, wie man von einem 
Schauspieler sagen könnte, daß er von der Bühne 
abgetreten sei, ohne seine Rolle ausgespielt zu haben. 
An ihm findet sich nichts Knechtisches, nichts Ge- 
ziertes, keine Aufdringlichkeit, keine Zerrissenheit, 
nichts Tadelnswertes noch Lichtscheues. (8) 
|-^flege deine Urteilskraft I Sie allein kann dich davor 
Jl bewahren, daß in dir Ansichten entstehen, die 
mit der Natur und der Beschaffenheit eines vernünf- 
tigen Wesens im Widerspruch stehen. Sie aber ver- 
langt von uns Enthaltung von vorschnellen Urteilen, 
Wohlwollen im Verkehr mit den Menschen, Gehorsam 
gegenüber den Göttern. (9) 

Lege alles andere beiseite, halte nur an jenem einen 
fest, und bedenke überdies, daß wir nur diesen 
kurzen gegenwärtigen Augenblick leben; die übrige 



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Zeit ist entweder schon durchlebt oder liegt noch im 
Dunkel. Unbedeutend ist also das Leben eines jeden, 
unbedeutend das Fleckchen Erde, auf dem er sich 
herumtreibt, unbedeutend auch der dauerndste Nach- 
ruhm; denn er pflanzt sich fort durch eine Reihe 
schnell dahinsterbender Menschen, die nicht einmal 
sich selbst kennen, geschweige denn einen längst 
vor ihnen Gestorbenen 1 (10) 

Den hier ausgesprochenen Lebensregeln muß noch 
eine beigefügt werden: von jedem Gegenstande, 
der in den Kreis deiner Vorstellungen fällt, bilde dir 
einen genauen bestimmten Begriff, so daß du ihn 
nach seinem wirklichen Wesen unverhüllt, ganz und 
nach allen seinen Bestandteilen anschaulich erkennen 
und ihn selbst wie auch die einzelnen Merkmale, 
aus denen er zusammengesetzt ist und in die er sich 
wieder zerlegen läßt, mit ihrem richtigen Namen be- 
nennen kannst. Nichts nämlich kann uns hoch- 
herziger machen als die Fähigkeit, jedes uns im Leben 
begegnende Ding nach richtiger Methode zu unter- 
suchen und es immer von der Seite ins Auge zu 
fassen, die uns seinen Zusammenhang mit dem 
Ganzen beleuchtet, die uns erkennen läßt, welchen 
Nutzen es bietet, welchen Wert für das Ganze, welchen 
für den Einzelmenschen als Bürger jenes höchsten 
Staates, zu dem sich die übrigen Staaten nur wie 
einzelne Häuser zur ganzen Ortschaft verhalten. Sage 
zu dir selbst: Was ist denn das, das jetzt in mir 
diese Vorstellung auslöst, woraus ist es zusammen- 
gesetzt, wie lange kann es seiner Natur nach be- 
stehen? Welche Seite meines Wesens muß ich ihm 
gegenüber entfalten? Ehre, Sanftmut, Mannhaftigkeit, 

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Wahrheitsliebe, Vertrauen, Einfalt, Selbstgenügsam- 
keit oder sonst eine Tugend? Darum muß man bei 
jedem Ereignis sagen: dies kommt von Gott, dies 
von der durchs Geschick gewobenen Verkettung der 
Dinge und von einem zufälligen Zusammenfluß der 
Umstände, oder endlich, dies lührt von einem 
Stammesgenossen, Verwandten oder Freund her, der 
aber nicht weiß, was für ihn natürlich ist. Ich aber 
weiß es. Darum behandle ich ihn nach dem natür- 
lichen Gesetz der Gemeinschaft, wohlwollend und 
gerecht Ebenso bemühe ich mich, gleichgültige Dinge 
nach ihrem wahren Werte zu schätzen. (11) 

Wenn du, immer folgsam der gesunden Vernunft, 
das, was der Augenblick von dir verlangt, mit 
Eifer, Kraft, Freundlichkeit betreibst und, ohne den 
Blick nach rechts oder links zu wenden, den Genius 
in dir rein zu erhalten suchst, als ob du ihn sogleich 
zurückgeben müßtest, wenn du so ohne Furcht und 
ohne Hoffnung dir an der jeweils natürlichen Tätig- 
keit und heldenmütigen Wahrheitsliebe in deinen 
Reden und Äußerungen genügen läßt, wirst du ein 
glückliches Leben führen, und niemand kann dich 
daran hindern. (12) 

Wie die Ärzte immer für unerwartete Operationen 
ihre Instrumente und Eisen bei der Hand haben, 
so sollst auch du deine Grundsätze stets bereit haben, 
um göttliche und menschliche Dinge zu erkennen 
und, im Hinblick auf den gegenseitigen Zusammen- 
hang beider, alles, auch das Kleinste darnach zu 
verrichten. Denn du wirst ebensowenig etwas Men- 
schenwürdiges ohne Aufblick zum Göttlichen als 
umgekehrt glücklich zuwege bringen. (13) 



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Schweife nicht mehr abl Denn du kommst ja doch 
nimmer dazu, deine eigenen Denkwürdigkeiten 
oder die Geschichten der alten Römer und Griechen 
oder die Auszüge aus anderen Schriftstellern zu lesen, 
die du für dein Alter zurückgelegt hast. Eile also 
zum Ziel, laS leere Hoffnungen fahren, und hilf dir 
selber, solange du es noch kannst, wenn du dich 
selbst ein wenig lieb hast. (14) 

Die Menschen wissen nicht, was alles Wörter wie 
„stehlen, säen, kaufen, ruhen, sehen was man 
tun muß", bedeuten; freilich, mit unsem leiblichen 
Augen kann man solches nicht erkennen, dazu be- 
darf es einer andern Sehkraftl (15) 
Leib, Seele, Vernunft; zum Leib gehören die Empfin- 
dungen, zur Seele die Triebe, zur Vernunft die 
Grundsätze. Durch äußere Eindrücke Vorstellungen 
zu empfangen, ist auch den Tieren eigen; durch 
Triebe mechanisch erregt zu werden, ist den wilden 
Tieren und den Halbmenschen wie Phalaris und 
Nero gemein. Und sich durch die Vernunft nur zu 
Handlungen des äußeren Anstandes leiten zu lassen, 
das verstehen auch die Gottesleugner, Vaterlands- 
verräter und geheimen Sünder. Wenn nun so dies 
allen gemeinschaftlich ist, so bleibt als eigentümlich 
für den Guten nur, daß er alles, was ihm das Schicksal 
bietet, mit Liebe aufnehme, den in seiner Brust 
thronenden Genius nicht beflecke, noch durch ein 
Gewirr von Vorstellungen beunruhige, sondern ihn 
heiter erhalte, unbeirrt der Gottheit folge und niemals 
die Wahrheft mft seiner Zunge noch die Gerechtigkeft 
mft seiner Tat verletze. Und wenn auch alle Men- 
schen ihm nicht glauben, daß er ein einfaches, sitt- 

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sames und wohlgemutes Leben führt, so wird er 
darüber weder jemandem böse sein, noch sich von 
dem Weg abbringen lassen, der uns dem Ziel ent- 
gegenführt, bei dem wir rein, ruhig, bereit und voll 
williger Ergebung in das Geschick ankommen 
müssen. (16) 




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Wenn das in uns Herrschende seiner Natur folgt, 
stellt es sich den Ereignissen gegenüber so, da6 
es sich immer leitht in das Mögliche und Gegebene 
zu finden weiß. Denn es liebt nicht einen bestimmt 
auserlesenen Stoff der Tätigkeit, sondern die wünschens- 
werten Dinge sind nur mit Ausnahme Ziel seines 
Strebens. Was ihm aber an deren Stelle begegnet, 
macht es sich selbst zum Stoff seines Handelns, der 
Flamme gleich, die sich des in sie hineinfallenden 
Stoffes bemächtigt, durch den ein schwaches Licht 
erlöschen würde; ein helles Feuer aber pflegt das, 
was ihm zugeführt wird, sich gar schnell anzueignen 
und zu verzehren, und seine Flammen schlagen da- 
durch nur um so höher empor. (1) 
Keine deiner Handlungen sei unüberlegt, keine ge- 
schehe anders als nach den Regeln vollendeter 
Lebenskunst. (2) 

Einsamkeit suchen die Menschen auf ländlichen 
Fluren, am Meeresufer, in den Bergen; und auch 
deine Seele sehnt sich immer lebhaft darnach. Doch 
einer wie beschränkten Ansicht entspringt dieser 
Wunschi Kannst du doch, so oft du nur willst, 

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dich in dich selbst zurückziehen. Gibt es doch nirgends 
eine stillere und ungestörtere Zufluchtsstätte, als die 
Menschenseele, zumal wenn sie in sich Eigenschaften 
birgt, deren Betrachtung eine harmonische Seelen- 
stimmung hervorruft; diese aber kann nur aus edler 
Sittlichkeit entstehen. Recht oft drum gönne dir diese 
Seeleneinsamkeft, und verjünge dich so selbst. Ein- 
fach aber und kurz seien die Grundsätze, die ge- 
nügen werden, deine Seele heiter zu stimmen und 
dich, fem von allem Unwillen, wieder in die Welt 
zurückzubegleiten, die du ertragen mußt. Worüber 
solltest du auch unwillig sein? Ober der Menschen 
Schlechtigkeit? Aber denke doch an den Grundsatz, 
daß die vernünftigen Wesen füreinander geboren 
sind, daß Verträglichkeft ein Teil der Gerechtigkeit 
ist und daß die Menschen unfreiwillig fehlen und 
dann, wie viele händelsüchtige und argwöhnische, 
feindselige und haßerfüllte Menschen schon im Tode 
erstarrt und zu Asche geworden sindl Also, weg mit 
deinen Sorgen I Aber vielleicht bist du unzufrieden 
mit dem Los, das dir des Weltalls Ordnung be- 
stimmte? Denke da an die beiden Möglichkeiten: 
Entweder gibt es eine Vorsehung, oder alles ist nur 
ein Wirbel von Atomen; oder erinnere dich auch der 
Beweise, daß die Welt einer Stadt ähnlich ist. Aber 
dich belästigen vielleicht deines Leibes Beschwerden? 
Da mußt du eben beherzigen, daß der denkende Geist, 
wenn er sich gesammelt hat und seiner Kraft sich 
bewußt geworden ist, von keinem sanften oder rauhen 
Windhauch der Sinnenweft mehr berührt wird, und 
denke auch an alle andern Sätze, die du über Lust 
und Leid gehört und dir angeeignet hast. Aber am 



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Ende treibt dich die Ruhmsucht in der Welt umher? 
Da sieh hin, wie schnell alles ins Grab der Ver- 
gessenheit sinkt, sieh hin auf den unermeßlichen Ab- 
grund der Zeit vor dir und nach dir, mache dir klar 
die Nichtigkeit des Lobgetöns, die Wandelbarkeit und 
Urteilslosigkeit derer, die dir Beifall klatschen, und 
die Enge des Raumes, der deinen Ruhm umfa^l bt 
doch die ganze Erde nur ein Punkt im All» und welch 
kleiner Winkel auf ihr ist deine Wohnung! Und hier, 
wie viele sind es, die dich preisen, und wer ist's? 
Darum denke daran, dich in das Gebiet, das kleine, 
das du selbst bist, zurückzuziehen und vor allem: 
zerstreue und übeneize dich nicht, bleibe frei und 
sieh die Dinge an wie ein Mann, wie ein Mensch, 
wie ein Bürger, — wie ein sterbliches Wesen. Unter 
den Wahrheiten aber, die du immer zur Hand haben 
sollst, merke dir vor allem zwei: Erstens, daß die 
Außenwelt deine Seele nicht berühren kann, sondern 
immer unbeweglich draußen steht, also Störungen 
deines inneren Friedens nur aus deiner Einbildung 
entstehen, und zweitens, daß alles, was du siehst, 
sich gar schnell verändert und nicht mehr sein wird. 
Und wie vieler Veränderungen Augenzeuge bist du 
nicht selbst schon gewesen? Die Welt ein ewiger 
Wechsel, das Leben ein Wahnl (3) 

Wenn wir das Denkvermögen miteinander ge- 
meinsam haben, so ist auch die Vernunft ge- 
meinsam, durch die wir vernünftig sind ; ist dies der 
Fall, so haben wir auch die innere Stimme gemein, 
die uns vorschreibt, was wir tun sollen und was 
nicht; wenn aber dies, dann auch ein gemeinsames Ge- 
setz, wenn dies, dann sind wir alle Bürger eines uns 

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allen gemeinschaftlichen Staates, dann ist aber die 
Welt gleichsam ein Staat; welchen andern gemein- 
samen Staat könnte auch jemand nennen, der das 
ganze Menschengeschlecht umfaßte? Eben daher, von 
diesem gemeinsamen Staat, haben wir auch das Denk- 
vermögen, die Vernunft und die Gesetzmäßigkeit, 
oder woher sonst? Denn wie das Erdartige an mir 
sich von gewissen Erdteilen abgesondert hat und das 
Feuchte von einem andern Grundstoff, und mein Atem 
und das Warme und Feurige je aus einer eigentüm- 
lichen Quelle herrührt, — denn nichts entsteht aus 
dem Nichts, so wenig als ein Etwas je in das Nichts 
übergeht — so ist natüriich auch das Denkvermögen 
irgend woher gekommen. (4) 

Der Tod ist ebenso wie die Geburt ein Geheimnis 
der Natur, diese eine Zusammensetzung, jener 
eine Auflösung derselben Grundstoffe. Also nichts, 
dessen man sich schämen müßte; widerstreitet es doch ^ 
nicht dem Begriff eines vernünftigen Wesens und eben- 
sowenig der Art und Weise seiner Einrichtung. (5) 
Daß Leute, die so und so beschaffen sind, so und 
nicht anders handeln müssen, ist ganz natüriich; 
wollen, daß dies anders sei, heißt wollen, daß der 
Feigenbaum keinen Saft hal)e. Oberhaupt denke nur 
immer daran, daß in kürzester Zeit ihr beide, du und 
er, sterben müßt; bald darauf aber wird nicht einmal 
euer Name mehr übrig sein! (6) 

Laß den Wahn schwinden, dann ist auch das „Wehe 
mir!" geschwunden. Mit dem „Wehe mir!** aber 
auch das Wehe. (7) 

Was den Menschen selbst nicht schlechter macht/» 
als er von Natur ist, das kann auch sein Leben 

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nicht verschlimmem und schadet ihm weder änßer^ . 
lieh noch innerlich. (8) 

Weil es nützlich ist, handelt die Natur notwendiger* 
weise so, wie sie handelt (ß} 

Alles, was geschieht, geschieht mit Recht Bei 
sorgfältiger Beobachtung wirst du das finden. 
Ich meine damit nicht nur: „nach der natürlichen 
Ordnung," sondern: „nach dem Prinzip der Gerechtig- 
keit," und wie von einem Wesen herrührend, das 
alles nach Würdigkeit verteilt. Fahre nun in deiner 
Beobachtung fort, wie du begonnen hast, und was 
du auch tust, tue mit dem Bestreben gut zu sein» 
gut in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Das 
sei dir Regel bei allem deinem Tun. (10) 

Fasse die Dinge nicht so auf, wie sie dein Beleidiger 
beurteilt; noch, wie er will, daß du sie beurteilst; 
sondern 'betrachte sie so, wie sie in Wahrheit sind. (11) 

Zu zweierlei mußt du stets bereit sein; einmal nur 
so zu handeln, wie es dir die königliche Gesetz- 
geberin Vernunft um des Menschenwohls willen ein- 
gibt, und dann, deine Meinung zu ändern, wenn je- 
mand dich dazu veranlaßt dadurch, daß er dich von 
einer unrichtigen Meinung abbringen will. Diese 
Meinungsänderung muß aber immer nur von der 
Überzeugung, daß sie gerecht oder gemeinnützig oder 
dergleichen sei, ausgehen, aber nie davon, daß sie 
Annehmlichkeiten oder Ruhm mit sich bringe. (12) 

Hast du Vernunft? Ja. Warum gebrauchst du sie 
denn aber nicht? Tut sie nur das ihrige, was 
willst du dann noch weiter? (13) 

Als ein Teil des Ganzen hast du bisher existiert, 
und du wirst verschwinden in dem, was dich 

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erzeugt hat. Vielmehr du wirst nach dem Gesetz der 
Umwandlung zurückgenommen werden in den Lebens- 
keim der Welt. (14) 
Viele Weihrauchkömer fallen auf denselben Altar, 
die einen früher, die andern später, aber das 
bleibt sich ganz gleich 0- (15) 

In zehn Tagen wirst du denen ein Gott scheinen, 
die dich heute für ein wildes Tier und einen Affen 
halten, wenn du zu den Grundsätzen und zur Ver- 
ehrung der Vernunft zurückkehrst (16) 
Lebe nicht, wie wenn du Tausende von Jahren zu 
leben hättest. Der Tod schwebt über dirl So- 
lange du noch lebst, solange es noch Tag, sei 
gut! (17) 
viTTieviel Muße gewinnt der, der nicht auf seines 
Vv Nächsten Reden, Tun oder Denken sieht, sondern 
sich nur darum kümmert, ob seine eigenen Hand- 
lungen gerecht, fromm und gut sind; sieh also nicht 
die schwarzen Laster der Umgebung, sondern wandle 
auf eigener Bahn deinen Lauf unbeirrt. (18) 

Wer um Nachruhm buhlt, überlegt nicht, daS alle, 
die seiner gedenken, gar schnell selbst sterben 
werden und so wiederum jedes weitere Geschlecht, 
bis endlich dieser ganze Ruhm mit den Ruhmsüchtigen 
selbst, die ihn fortgepflanzt haben, gleichfalls gänzr 
lieh erlöschen wird. Aber selbst angenommen, dafi, 
wer deiner gedenkt, unsterblich wäre, und unsterblich 
deines Namens Gedächtnis, was soll dir das nützen? 
Ich meine nicht nach deinem Tode, sondern wenn 
du noch lebst? Was frommt das Lob selbst dem 
Lebenden, außer eben in Verbindung mit gewissen 
zeitlichen Vorteilen? Laß darum beizeiten jenes nichtige 



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Geschenk fahren, das doch nur von fremdem Gerede 
abhängt (19) 

Alles Schöne, welcher Art es auch sein mag, ist an 
und für sich schön und in sich selbst vollendet 
Das Lob bildet keinen Bestandteil seines Wesens. 
Durch das Lob wird also ein Gegenstand weder 
schlechter noch besser. Das gilt von allem, was man 
so gewöhnlich schön nennt, z. B. von dem Natur- 
schönen und dem Kunstschönen. Fehlt dem wahr- 
haft Schönen noch irgend etwas? Gewiß so wenig, 
wie dem Gesefcs, so wenig wie der Wahrheit, so 
wenig wie dem Wohlwollen und der Sittsamkeit! 
Wird eines dieser Dinge durch Lob erst schön? Oder 
durch Tadel schlecht? Wird der Smaragd wertlos, 
wenn er nicht gelobt wird? Oder das Gold, das 
Elfenbein, der Purpur, oder eine Leier, ein Schwert, 
ein Bltimlein und ein Bäumchen? (20) 

Wenn die Seelen fortdauern, wie kann der Luft- 
raum sie von Ewigkeit her fassen? Aber wie 
faßt denn die Erde die Leichname all derer, die seit 
so langer Zeit in ihr begraben wurden? Ebenso wie 
diese hier nach einiger Zeit des Aufenthalts sich ver- 
wandeln und auflösen und so andern Toten Platz 
machen, so dauern auch die in den Luftraum ver- 
setzten Seelen noch eine Weile fort, verwandeln sich 
dann, zerfließen, verbrennen, werden in den Lebens- 
keim der Welt aufgenommen und machen so den 
Nachkommen Platz* Das darf man vielleicht auf die 
Frage nach der Fortdauer der Seelen antworten. Man muß 
dabei aber auch außer der Menge der so begrabenen 
Menschenleiber auch noch die der Tiere hinzurechnen, 
die täglich von uns und anderen Lebewesen verzehrt 

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werden. Denn wie groß ist nicht die Anzahl der 
täglich verzehrten und so gleichsam in den Leibern 
derer, die sich von ihnen nähren, begrabenen? Und 
doch faßt sie alle derselbe Raum, weil sie hier teils 
in Blut tibergehen, teils sich in Luft und Wärmestoff 
verwandeln. Wie erklärt sich nun in Wahrheit diese 
Erscheinung? Durch die Auflösung in die Materie 
und den Urgrund der Erscheinungen. (21) 

Doch laß dich von Zweifeln nicht hin- und her- 
reißen, sondern bei allem Streben denke an das, 
was recht ist, und bei allem Denken halte dich ans 
Begreifliche. (22) 

Deine Harmonie, ö Welt, ist auch die meinige. 
Nichts kommt mir zu früh, nichts zu spät, was 
für dich zur rechten Zeit kommt. Alles, was deine 
Stunden, o Natur, reifen, ist mir liebliche Frucht. Von 
dir geht alles aus, in dir ruht alles, in dich kehrt 
alles zurück. Jener Aristophanes sagt: „O liebe 
Kekropsstadt," und du solltest nicht sagen können: 
.0 liebe Gottesstadt?" (23) 

Tue weniges, sagt Demokrit, wenn du zu innerem 
Frieden gelangen willst. Wäre es nicht vielleicht 
besser, zu sagen: Tue was notwendig ist, nämlich 
das, was die Vernunft eines von Natur zur Staats- 
gemeinschaft bestimmten Wesens gebietet und so, 
wie sie es gebietet? Dann erlangen wir nicht nur 
den Frieden, der aus einer schönen Handlung, sondern 
auch den, der aus dem Wenigtun entspringt. Und 
gewiß, wenn wir nur das meiste in unserem Reden und 
Tun, was nicht notwendig ist, wegließen, hätten wir 
mehr Muße und weniger Unruhe. Frage dich drum 
bei allem: Gehört dies zu den unnötigen Dingen? 



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Aber man muß nicht nur unnütze Handlungen, sondern 
auch unnütze Gedanken vermeiden; so allein werden 
diesen keine unnützen Taten folgen. (24) 

Versuches doch einmal, wie sich's als tüchtigerMann 
lebt, der mit dem ihm vom All bestimmten Ge- 
schick zufrieden ist und in seiner eigenen recht- 
schaffenen Handlungsweise und seiner wohlwollenden 
Gesinnung sein Genüge findet. (25) 

Hast du dir das ins Herz geschrieben? So denke 
auch noch an folgendes: Beunruhige dich selbst 
nicht! Sei schlicht! Vergeht sich jemand an dir? 
Er vergeht sich an sich selbst! Ist dir etwas zu- 
gestoßen? Gut, das ist dir seit Urbeginn der Welt 
so bestimmt, und jedes Ereignis ist durch Schicksals- 
schluß beschieden. Überhaupt: kurz ist das Leben; 
den Augenblick muß man nützen mit feinem Sinn 
und rechter Tat und die Nüchternheit wahren auch 
bei der Erholung. (26) 

Ist die Welt ein wohlgeordnetes Ganzes oder ein zu- 
fälliges Gemenge, das man dennoch Weltordnung 
nennt? Doch wie? In dir selbst kann Ordnung 
herrschen, im Weltganzen aber Unordnung? Und 
das bei der so harmonischen Verknüpfung aller ein- 
ander widerstreitenden und zerteilten Kräfte? (27) 
Es gibt schwarze Charaktere, weibische, starrköpfige, 
tierische, kindische, träge, zweideutige, gecken- 
hafte, betrügerische, tyrannische Charaktere. (28) 
Wenn der ein trüber Gast in der Welt ist, der 
nicht weiß, was in ihr vorhanden ist, so ist 
nicht weniger ein trüber Gast, wer nicht weiß, was 
in ihr geschieht Ein Flüchtling ist, wer sich dem 
Staatsgedanken entzieht, ein Blinder, wer das Geistes- 

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äuge verschließt, ein BetÜer, wer anderer bedarf und 
nicht alles, was zum Leben nötig ist, in sich selber 
trägt, eine Geschwulst am Körper der Welt, wer von 
der allgemeinen Weltvemunft sich dadurch trennt und 
lossagt, daß er mit den Ereignissen unzufrieden ist, 
bringt doch sie dies hervor, sie, die auch dich hervor- 
gebracht hat; ein Staatsverräter ist, wer seine eigne 
Seele von der allem Vernünftigen gemeinsamen einen 
Allseele losreißt. (29) 

Hier ist einer Philosoph, der nicht einmal einen 
Rock besitzt, dort einer ohne Buch, ein dritter 
halbnackt! Brot habe ich nicht, sagt er, aber meiner 
Idee bleibe ich getreu! Auch mir fehlt die Geistes- 
nahrung der Wissenschaften, und doch bleibe ich 
ihnen getreu! (30) 

Die Kunst, die du gelernt hast, behalte lieb, und 
bei ihr suche deine Ruhe. Den Rest deines 
Lebens durchwandere wie einer, der alles von ganzem 
Herzen den Göttern überlassen hat, keines Menschen 
Herr, keines Menschen Sklave. (31) 

Betrachte einmal, zum Beispiel, die Zeiten Vespasians, 
und du wirst dieselbe Welt finden wie jetzt: Men- 
schen, die freien, Kinder erziehen, krank sind, sterben, 
in den Krieg ziehen, Feste feiern, Handel treiben, 
ihre Felder bebauen, Schmeichler, Anmaßende, Arg- 
wöhnische, Schurken, Menschen, die den Tod andrer 
vom Himmel herunterbeten, über die Gegenwart 
murren, in Liebe glühen. Schätze sammeln, die Hand 
nach Konsulaten und Königskronen ausstrecken. Und 
jetzt? Ist ihr Leben nicht gänzlich verschwunden? 
Gehe dann weiter zu den Zeiten Traians. Wiederum 
dasselbe Schauspiel! Doch auch jene. Zeit ist ge- 



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storben. In gleicher Weise betrachte die anderen 
Zeitabschnitte und Geschichtsperioden und siehe, wie 
viele, die Großes leisteten, in kurzer Zeit dahinsankeh 
und in die Grundstoffe aufgelöst wurden. Besonders 
aber rufe dir die ins Gedächtnis zurück, die du per- 
sönlich gekannt hast, halte dir vor Augen, wie sie 
in dem Haschen nach üblen Dingen es unterließen, 
das, was ihrem allereigensten Wesen entsprechend 
gewesen wäre, zu tun und daran unablässig festzu- 
halten und darin ihren Lebenszweck zu finden. Du 
mußt auch daran denken, daß die auf jedes Geschäft 
verwandte Sorgfalt in richtigem Verhältnis zu dessen 
Wichtigkeit stehen muß. Denn so wird aller Unmut 
in dir schwinden, wenn du dich mit Kleinigkeiten nie 
mehr, als nötig, abgibst. (32) 

Vordem gebräuchliche Worte sind jetzt veraltet; so 
sind auch die Namen einst weltberühmter Männer 
wie Camillus, Cäso, Volesus, Leonnatus jetzt sozu- 
sagen veraltet, und bald wird es aber auch mit Scipiö 
und Cato, nachher mit Augustus, und dann mit 
Hadrian und Antonin nicht anders sein. Denn alles 
vergeht, wird rasch zum Märchen und sinkt schnell 
in den Strom der Vergessenheit. Und das ist das 
Geschick derer, die einst so wunderbar glänzten I 
Denn die übrigen vollends schwinden mit ihrem 
letzten Atemzug „unrühmlich" dahin, „weder gehört 
noch gesehen". Was bedeutet denn aber auch ein 
unsterblicher Nachruhm? Ein reines Nichts. Was 
bleibt also nur noch, worauf wir unsern Eifer lenken 
sollen? Nur das eine: gerechte Sinnesart, gemein- 
nütziges Handeln, beständige Wahrhaftigkeit und ein 
Cemüt, das alles» was uns trifft, als etwas Notwendiges 

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und Bekanntes gern hinnimmt , da es doch aus der 
allen gemeinsamen Urquelle entspringt (33) 

Freiwillig gib dich der Parze hin, damit sie dich 
verflechte, in welche Verhältnisse sie will. (34) 
Alles dauert einen Tag, die da rühmen und die 
da gerühmt werden. (35) 

Versenke dich ganz in den Gedanken, wie alles 
Werdende durch Umwandlung entsteht, und ge- 
wöhne dich an die Einsicht, daß die Allnatur nichts 
so sehr liebt, als das, was da ist, zu verwandeln und 
Neues von ähnlicher Art zu schaffen; denn alles, was 
da ist, ist gewissermaßen der Keim dessen, was aus 
ihm werden soll. Du aber meinst, nur das seien Keime, 
was in die Erde oder den Mutterschoß fällt. Das 
ist aber eine sehr oberflächliche Ansicht! (36) 

Bald wirst du tot sein, und bist doch immer noch 
nicht lauter, nicht leidenschaftslos, nicht frei vom 
Wahn, daß dich Außendinge unglücklich machen 
könnten, nicht mild gegen alle, nicht gewohnt, die 
Weisheit allein im Rechthandeln zu verwirklichen. (37) 

Die herrschenden Gesinnungen der Menschen suche 
zu ergründen, sieh, was die Weisen fliehen und 
wonach sie trachten. (38) 

In der herrschenden Denkungsart eines andern hat 
dein Übel seinen Grund nicht; und gewiß auch 
nicht in der Veränderung und Umstimmung deiner 
körperlichen Hülle. Wo nun? Nirgends anders, als wo 
dein Vermögen, über Übel Meinungen zu haben, seinen 
Sitz hat. Wenn dort kein Wahn herrscht, ist alles 
gut Und wenn selbst das mit ihm so eng ver- 
bundene Körperchen geschnitten, gebrannt wird, ver- 
eitert, verfault, so soll doch der Teil deines Wesens, 



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der über dies alles seine Meinungen hegt, ruhig 
bleiben, das heißt, er urteile, dafi das, was in gleicher 
Weise den Schlechten und Guten treffen kann, weder 
ein Übel noch ein Gut ist. Denn was den natur- 
widrig und natürlich lebenden Menschen ohne Unter- 
schied trifft, ist selbst weder natariich noch natur- 
widrig. (39) 
Als ein lebendes Wesen mit einer Substanz und 
mit einer Seele mußt du dir die Welt bestandig 
vorstellen; betrachte, wie alles zur einen Empfindung 
dieses Wesens gelangt, wie es aus einer inneren 
Kraft alles wirkt, wie alles bei allem Geschehenden 
mitwirkende Ursache ist und von welcher Art die 
Verwebung und Verknüpfung ist (40) 

Ein Seelchen bist du, das einen Toten trägt, sagt 
Epiktet. (41) 

Kein Übel ist es, in einer Umwandlung begriffen 
zu sein, kein Gut kraft einer Umwandlung zu 
existieren. (42) 

Ein Fluß des Geschehens, ein reißender Strom ist 
die Zeit; alles wird, kaum in die Erscheinung 
getreten, auch wieder mit fortgerissen und ein anderes 
wird herbeigetragen, um bald wieder weggeschwemmt 
zu werden. (43) 

Alles, was uns auch trifft, ist so gewöhnlich und 
bekannt wie die Rose im Lenz und die Frucht 
zur Erntezeit; solcher Art sind auch Krankheit, Tod, 
Verieumdung, Gezänk und was sonst einen Toren 
erfreuen oder betrüben mag. (44) 

Das Folgende schließt sich dem Vorhergegangenen 
immer verwandtschaftlich an. Es ist da nicht 
wie bei einer Zahlenreihe ungleichartiger Größen, 

44 

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die man zufällig nebeneinander stellt, sondern hier 
herrscht eine logische Verbindung; und wie bereits 
in allem, was existiert, ein vollkommener Zusammen- 
hang herrscht, so offenbart auch das eben erst Werdende 
keine rein äußerliche Aufeinanderfolge der Dinge, 
sondern ihre wunderbare innere Zusammengehörig- 
keit. (45) 
Immer sollst du an Heraklits Ausspruch denken: 
daß es der Erde Tod sei, zu Wasser zu werden, des 
Wassers Tod, zu Luft zu werden, der Luft, zu Feuer 
zu werden und umgekehrt Denke femer an den 
Menschen, der es vergaß, wohin ihn sein Weg führte, 
und daran, wie wir uns mit der alles durchwaltenden 
Vernunft, mit der wir doch täglich verkehren, im 
Zwiespalt befinden, weil uns oft Dinge, auf die wir 
täglich stoßen, fremd scheinen; weiter, daß wir nicht 
wie Schlafende handeln und reden sollen — nur ein 
Schein ist in diesem Zustand unser Reden und 
Handeln — und endlich, daß wir es nicht wie die 
verzogenen Kinder machen sollen, die da sagen: 
so hat's meine Mutter gemacht und dabei will ich 
bleiben. (46) 

Wenn ein Gott dir sagte: du mußt morgen oder 
spätestens übermorgen sterben, so würdest du 
wohl nicht darauf bestehen, lieber übermorgen als 
morgen zu sterben, außer wenn du ein Feigling bist, 
denn wie kurz ist der Zwischenraum! Ebenso halte 
es für gleichgültig, ob du erst nach langen Jahren 
oder morgen schon sterben mußt. (47) 

Halte dir stets vor Augen, wie viele Ärzte schon 
gestorben sind, die oft am Lager ihrer Kranken 
die Stime in ernste Falten gelegt, wie viele Astro- 



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logen, die andrer Menschen Tod wie ein Wunder vor- 
ausgesagt haben 1 Wie viele Philosophen, die über Tod 
und Unsterblichkeit tausenderlei ausgesponnen; wie 
viele Kriegshelden, die viel Volks getötet; wie viele 
Gewaltherrscher, die ihre Macht über fremdes Leben 
in gewaltigem Obermut gemißbraucht haben, wie 
wenn ihnen selber der Tod nicht nahen könne 1 Wie 
viele Städte sind sozusagen mit Mann und Maus ge- 
storben, wie Heiice, und Pompei und Herkulanum 
und noch manch andre! Und dann betrachte dir 
deine Bekannten, einen nach dem andern: der eine 
hat diesen, der andre jenen begraben und mußte bald 
selber von hinnen, und das alles in kurzer Zeit. Im 
ganzen also: alles Menschliche, wie flüchtig und 
jämmerlich ist es jederzeit! Gestern noch Keim, 
morgen schon einbalsamiert oder ein Häuflein Asche. 
Darum durchlebe deinen Augenblick nach der Natur, 
und scheide heiteren Sinnes, wie die reife Olive, 
welche noch im Fallen den Baum segnet, der sie 
hervorgebracht hat und dem Aste dankt, der sie ge- 
tragen! (48) 
Gleiche dem Fels, an dem sich beständig die 
Wogen brechen — er bleibt unerschüttert, und 
zu seinen Füßen schlafen die wilden Wasser ein. 
„Wie bin ich unglücklich, daß ich das erleben mußte!" 
Nicht doch, sondern: „Wie bin ich glücklich, daß ich 
trotz dieses Schlages kummerlos bleibe, nicht von 
der Gegenwart gebeugt, nicht von der Zukunft ge- 
ängstigt!" Konnte doch derselbe Schlag jeden andern 
ebenso treffen; aber nicht jeder andere wäre dabei 
kummerlos geblieben. Warum soll nun jenes eher 
ein Unglück als dies ein Glück sein? Ist denn über- 

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haupt das f&c den Menschen ein Unglück, was mit 
der Menschennatur nicht im Widerspruch steht? Oder 
scheint dir etwas der Menschennatur zu widersprechen, 
was nicht gegen den Willen seiner Natur ist? Was 
ist aber dieser Wille? Du kennst ihn. Hindert dich nun 
aber dein Geschick gerecht, hochherzig, besonnen, ver- 
ständig, vorurteilslos, ohne Falsch, bescheiden, frei- 
mütig zu sein und alle andern der Menschennatur 
wirklich eigenen Tugenden zu entfalten? Bei allem 
also, was dich traurig machen könnte, suche bei dieser 
Wahrheit Zuflucht: dies ist kein Unglück, es edel zu 
tragen aber ein Glück! (49) 

Zvar ein gewöhnliches, aber wirksames Hilfsmittel 
zur Todesverachtung ist es, sich die zu vergegen- 
wärtigen, die mit Zähigkeit am Leben hingen. Was 
haben sie jetzt vor denen voraus, die früher ge- 
storben sind? Sind sie ja doch alle unterlegen, 
Cadicianus, Fabius, Julianus, Lepidus und alle, die 
viele bestattet haben, um dann selbst bestattet zu 
werden. Kurz ist da die Zwischenzeit, und unter 
wie viel Mühseligkeiten, in welcher Umgebung und 
in welchem Leib muß man diese Zeit hinbringen! 
Mach dir also nicht viel daraus! Schau auf die un- 
ermeßliche Zeit hinter dir und die andere Endlosig- 
keit vor dir: welch ein Unterschied ist denn da noch 
zwischen einem, der drei Tage, und einem andern, 
der drei Menschenalter gelebt hat? (50) 

Immer wandle den kürzesten Weg. Er ist der natür- 
liche; man folgt da im Reden und Tun nur der 
gesunden Vernunft. Ein solcher Entschluß nämlich 
erspart dir Kümmemisse, Kämpfe, Rücksichten jeder 
Art und Eitelkeiten. (51) 



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FÜNFTES BUCH 



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Des Morgens, wenn du unwillig aufstehst, denke, 
ich erwache, um als Mensch zu wirken! Soll ich 
verdrießlich sein, wenn ich hingehe, das zu tun, wes- 
halb ich geworden bin und wozu ich in die Welt 
gesandt bin? oder bin ich etwa dazu geboren, um 
auf meinem Lager liegend mich zu pflegen? „Aber 
das ist so sOB!" Also bist du zum Genuß geboren 
und gar nicht zur Tätigkeit? Siehst du denn nicht 
die Pflanzen, die Sperlinge, die Ameisen, die Spinnen 
und die Bienen? Alle verrichten sie ihr Geschäft und 
dienen jedes in seiner Art der Weltharmonie I Und 
du willst nicht tun, was dir als Mensch obliegt und 
eilst nicht hin, deine Bestimmung zu erfüllen? „Aber 
man muß doch auch ausruhen!" Gewiß! Aber auch 
dafür hat die Natur eine bestimmte Grenze gesetzt, 
wie auch im Essen und Trinken, Du aber über- 
schreitest diese Grenze und willst über das Bedürfnis 
hinausgehen! In den Äußerungen deiner Tätigkeit 
allerdings nicht; hier bleibst du im Gegenteil hinter 
dem Möglichen zurück. Liebe dich selbst tiefer, 
dann wirst du auch deine Natur und was sie verfangt, 
tiefer lieben! Mühen sich doch ab schon alle, die 

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nur ein annliches Handwerk liebenj sie vergessen 
das Bad und fragen nicht nach der Mahlzeit I Und 
du solltest deine Natur weniger achten als der Erz- 
gießer seine Formen, der Tänzer seine Sprünge, der 
Geizhals sein Geld, der Ruhmsüchtige sein bißchen 
Ruhm? Auch diese lassen, ihrer Leidenschaft zuliebe, 
eher vom Schlaf und von der Nahrung als von der 
Vermehrung dessen, was ihnen so lockend scheint: 
und du solltest Handlungen für die Allgemeinheit ge- 
ringer achten und weniger der Anstrengung wert? (1) 
Wie leicht ist es, jede verwirrende oder unpassende 
Vorstellung von sich abzuwehren und fortzu- 
weisen und sofort wieder das seelische Gleichgewicht 
zu erreichen. (2) 

Alles natürliche Reden und Tun ist deiner würdig. 
Laß dich darum nie durch darauffolgende Vor- 
würfe oder einfältiges Gerede deiner Umgebung aus 
der Bahn bringen, sondern ist etwas schön zu tun 
oder zu sagen, so halte es deiner nicht für unwürdig. 
Denn jene andern haben eben ihr eigenes Ich und 
folgen ihren Neigungen; darum kümmere du dich 
nicht, sondern gehe ruhig geradeaus und folge deiner 
und der gemeinsamen Natur; beide haben ja ein 
und denselben Weg. (3) 

Ich gehe meinen natürlichen Weg, bis ich hinsinke 
und ausruhe, ausgehaucht in dasselbe Element, 
das mir täglich Lebensluft gibt, hingesunken zur Erde, 
von der mein Vater den Zeugungsstoff, meine Mutter 
das Blut und meine Amme die Milch erhielt; zur 
Erde, von der ich jeden Tag so viel Jahre lang Speise 
'und Trank empfange, die mich trägt, der sie mit 
Füßen tritt und so oft mißbraucht! (4) 

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Wenn auch niemand Grund hat, dich wegen deiner 
Geistesschärfe zu bewundem, was tufs? Aber 
viel anderes gibt es, wovon du nicht sagen kannst: 
dazu fehlt mir die Anlage. Entwickle also aus dir 
heraus, was in deiner Macht steht: sei lauter, ehrbar, 
geduldig, lafi das Vergnügen, sei zufrieden mit deinem 
Geschick, genügsam, freundlich, freimütig, einfach, 
ernst und großherzig. Fühlst du nicht, welche Fähig- 
keiten du schon aus dir hättest entwickeln können, 
ohne den Mangel an Anlagen und Geschick dafür 
als Entschuldigung vorschützen zu können? Und 
doch bleibst du freiwillig hinter dieser Vollkommen- 
heit zurück? Oder zwingt dich etwa deine fehlerhafte 
Naturanlage zu murren, träge zu sein, zu schmeicheln, 
dein Körperchen anzuklagen, seinen Launen nachzu- 
geben, groß zu tun, und darum der Seele so oft die 
Ruhe zu rauben? Nein, bei den Göttern, so ist es 
nicht! Vielmehr hättest du von diesen Mängeln schon 
längst frei sein können! Wenigstens hättest du, wenn 
du wirklich Grund hast, dich etwas schwer von Be- 
griff und langsam im Denken zu nennen, diesem 
Mangel durch Übung abhelfen sollen, anstatt dich 
nicht darum zu kümmern oder gar deine Untätigkeit 
zu lieben! (5) 

Mancher, der einem andern Dienste erwiesen hat, 
ist sogleich bei der Hand, sie ihm in Rech- 
nung zu stellen; ein anderer ist zwar dazu nicht ohne 
weiteres bereit, sieht aber sonst in jenem seinen 
Schuldner und merkt sich genau, was er geleistet 
hat. Ein dritter aber weiß sozusagen nicht einmal, 
was er geleistet hat; er gleicht dem Weinstock, der 
Trauben trägt und weiter nichts will, wenn er einmal 

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seine Frucht getragen hat. Wie ein rennendes Pferd, 
ein Hund auf der Jagd und eine Biene, die Honig 
bereitet: so sei der Mensch, der Gutes erwiesen: er 
posaunt nicht aus, was er getan, soridern schreitet 
weiter zu anderem Wohltun, dem Weinstock gleich, 
der neu sich berankt, um zu seiner Zeit wieder 
Trauben zu tragen. Man muß also zu denen ge- 
hören, die dergleichen ohne Überlegung tun? Gewiß. 
Aber, man muß doch wissen, was man tut? denn 
einem geselligen Wesen ist es doch, wie es heißt, 
eigentümlich, zu wissen, daß es fflr das Ganze wirke 
und, bei Gott, auch zu wollen, daß sein Mitmensch 
das merke I Zugegeben! Doch verstehst du mich nicht 
recht und wirst darum zu denen gehören, derer ich 
vorhin gedacht habe; denn sie lassen sich durch eine 
Scheinwahrheit irreleiten; wenn du aber den wahren 
Sinn des Gesagten erfassen willst, so fürchte nicht, 
darüber eine gemeinnützige Tat zu unterlassen. (6) 

Die Athener beten: „Laß regnen, lieber Zeus, laß 
regnen über die Fluren und Gefilde der Athener!" 
Entweder gar nicht oder so mußt du beten, so ein- 
fach und freimütig nämlich! (7) 
Wie man sagt: der Arzt hat dem oder jenem das 
Reiten, ein kaltes Bad oder das Barfußgehen 
verordnet, so kann man sagen: die Allnatur hat dem 
oder jenem eine Krankheit, eine Verstümmelung, einen 
Verlust oder etwas anderes der Art verordnet. Denn 
dort bedeutet das „er hat es verordnet" so viel wie: 
„er hat es ihm als seiner Gesundheit dienlich verr 
ordnet", hier aber so viel wie: „was jedem Menschen 
begegnet, ist für ihn als nach Schicksalsschluß dien- 
lich verordnet". Denn gerade wie der Baumeister 

4^ 51 

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von den Quadersteinen in den Mauern und Pyramiden 
sagt: „sie passen", wenn sie sich irgendwie zusammen- 
fügen lassen, — ebenso sagen wir: „das oder das paßt 
für uns". Denn das All durchwaltet eine Harmonie; 
und wie aus dem Zusammenwirken aller Körper der 
eine vollendete Weltkörper wird, so wird auch aus 
dem Zusammenwirken aller Ursachen jene vollendete 
Ursache, das Schicksal. Es verstehen aber dies Wort 
auch die unwissendsten Menschen, denn sie sagen: 
„Das fügte ihm das Geschick". Also wurde es uns 
bestimmt, wir wollen es darum annehmen, wie die 
Mittel, die der Arzt verordnet. Ist auch manches 
bittere Tränklein dabei, so bringt es doch Gesundheit 
Denke dir also unter dem zweckmäßigen Geschehen 
im Weltall etwas deiner Gesundheit Ähnliches, und 
heiße alles, was geschieht, mag es dir auch noch so 
iiart erscheinen, willkommen, weil es zum Ziel hin- 
führt, welches da heißt: Gesundheit der Welt und 
freies Schaffen und Seligkeit des höchsten Gottes. 
Denn nichts sendet er einem Menschen, was nicht 
dem Ganzen zuträglich ist Sendet ja nicht einmal 
die zufällige Natur einem von ihr abhängigen Wesen 
etwas, das ihm nicht zuträglich ist. Aus zwei Gründen 
also mußt du mit deinem Geschick zufrieden sein: 
einmal, weil es dir bestimmt und verordnet wurde 
und in der Verkettung mit einer langen Reihe voraus- 
gegangener Ursachen irgendwie auf dich Bezug hatte; 
dann aber, weil es für den das All durchwaltenden 
Geist Bedingung seines freien Schaffens, seiner Voll- 
kommenheit und, bei Gott, seiner Fortdauer ist 
Denn verstümmelt würde das Weltganze, wenn du 
auch nur das Geringste vom Zusammenhang und 

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Zusammenhalt der Bestandteile wie der wirkenden 
Ursachen lostrennen wolltest. Du trennst es aber 
los, so weit du es vermagst, wenn du damit un- 
zufrieden bist und es gewissermaßen wegschieben 
willst. (8) 

Halte dir den Unmut fem, laß deinen Eifer und 
deinen Mut nicht sinken, wenn es dir nicht 
gleich vollständig gelingt, jede einzelne Handlung 
mit deinen Prinzipien in Einklang zu bringen! Ist 
dir etwas mißlungen, fange frisch von neuem an, zu- 
frieden, wenn wenigstens die Mehrzahl deiner Hand- 
lungen der Menschennatur entspricht, und behalte 
lieb das, worauf du zurückkommst. Auch zur Philo- 
sophie kehre nicht zurück, wie ein ängstlicher Schul- 
knabe zum schlägereichen Lehrer hinschleicht, sondern 
wie die Augenkranken zum Augenarzt oder andere 
zum Pflaster und zur Wasserkur. Denn so wird es 
für dich keine Qual sein, der Vernunft zu gehorchen, 
sondern eine Befriedigung dich ihr anzuvertrauen. 
Denke immer: die Philosophie verlangt nur, was 
deiner Natur entspricht; und du solltest etwas anderes, 
also etwas Naturwidriges wollen? Was von beiden ist 
denn anziehender? Täuscht uns denn nicht die Lust 
durch leeren Schein? Sieh doch einmal zu, ob nicht 
eine hochgemutete Seele, ein freier Geist, ein ein- 
fältiges Gemüt und ein gerechter und unsträflicher 
Sinn doch anziehender sind! Oder was ist anziehender 
als die Einsicht, wenn du darunter ein fertiges Ver- 
mögen der Einsicht und des Wissens verstehst, wie 
man in allem ohne Anstoß seine Zwecke erreicht? (9) 

Die Dinge der Welt sind gewissermaßen in solches 
Dunkel gehüllt, daß sie nicht wenige Philosophen 



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und zwar nicht die ersten besten, für durchaus un- 
begreiflich halten. Auch die Stoiker halten sie für 
schwer ergründlich. Und in der Tat sind auch alle 
unsere Begriffe wandelbar; denn wo ist der Mensch^ 
der noch nie seine Urteile geändert hätte? Und nun 
erst die erkannten Gegenstände selbst! Wie kurz ihre 
Dauer, wie nichtig ihr Wert, und sie können sogar 
das Eigentum eines Schandbuben, einer Dirne, eines 
Räubers werden! Und nun sieh dir den Geist deiner 
Zeit an: kaum der angenehmste deiner Mitmenschen 
ist noch erträglich, davon zu schweigen, daß mancher 
kaum sich selbst noch ertragen kann! Was bei solchem 
Dunkel, solch widrigen Zuständen und dem so raschen 
Vergehen der Dinge, der Zeit, der Bewegung und 
des Bewegten noch der Hochschätzung oder des 
Strebens überhaupt wert sein kann, kann ich nicht 
einsehen. Im Gegenteil, getrost muß man seine 
natürliche Auflösung erwarten, und über ihren Ver- 
zug nicht in Unwillen ausbrechen, sondern mit fol- 
genden Gedanken allein sich beruhigen: erstens, es 
kann mir nichts geschehen, was nicht dem Gesetze 
des Ganzen entspräche, und dann, in meiner Hand 
liegt es, gegen den Gott und Genius in meinem Innern 
mich nicht aufzulehnen; denn niemand kann mich 
dazu zwingen. (10) 

Wozu nütze ich denn nun meine Seele? So mußt 
du dich immer selbst fragen und dann weiter- 
forschen: was geht jetzt in dem Teilchen meines 
Wesens vor, das man das lenkende nennt? Und 
wessen ist meine Sede heute? Etwa die eines Kindes, 
oder eines Jünglings, oder eines Weibleins? Oder eines 
Tyrannen, einesLasttiers, oder eines wilden Tieres? (11) 

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Welcher Art die Dinge sind^ die den Allzuvielen 
Güter scheinen, kannst du auch aus folgendem 
entnehmen: Wenn nämlich jemand an Güter denkt, 
die es in Wahrheit sind, wie Einsicht, Selbstzucht, 
Gerechtigkeit, Tüchtigkeit, so wird es ihm angesichts 
solcher Gedanken unmöglich sein, noch über jene 
„Güter"* etwas anzuhören; denn das paßt nicht zu* 
sammen; denkt er dagegen zunächst an die Schein* 
guter der Allzuvielen, so wird er aufhorchen und 
jenes Wort des Aristophanes: „der Besitzer derartiger 
Güter habe vor lauter Reichtum kein Plätzchen, wo 
er seine Notdurft verrichten könne" als eine treffende 
Äußerung sich gefallen lassen. So kann man den 
Unterschied auch den Allzuvielen klar machen. Denn 
sonst würde uns ja jenes witzige Wort nicht als an- 
stößig und unwürdig erscheinen, sondern wir würden 
es als einen passenden und geistreichen Einfall auf* 
nehmen, wenn es auf den Reichtum und die Förde* 
rungsmittel der Wollust und der Ehrsucht angewendet 
wird. Geh nun hin und frage, ob Dinge schätzbar 
und als Güter zu betrachten sind, deren Vorstellung 
einem das eben genannte Wort des Aristophanes 
ins Gedächtnis ruftl (12) 

Ich bestehe aus einem bildenden und einem stoff- 
lichen Teil, keines von beiden wird in nichts 
vergehen, wie es auch nicht aus dem Nichts ent* 
standen ist Es wird also jeder Teil meines Wesens 
durch Umwandlung in irgend einen andern Teil der 
Welt gewandelt und jener wieder in einen andern 
Teil derselben Welt und sofort ins Unermeßliche. 
Einer solchen Umwandlung verdanke auch ich meici 
Dasein und ebenso meine Eltern das ihre und so 



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rückwärts ins Unermeßliche. Denn nichts hindert 
uns so zu reden, wenn auch die Welt nach fest- 
begrenzten Umläufen gelenkt wird. (13) 
Die Vernunft und die von ihr geleitete Lebens- 
kunst sind Kräfte, die mit sich selbst und ihren 
Wirkungen im Einklang stehen. Sie gehen von ihrem 
eigenen Prinzip aus und streben geradeswegs dem 
ihnen vorliegenden Ziel zu; darum nennt man auch 
die aus diesem Prinzip entspringenden Handlungen 
„rechte", weil sie den „rechten" Weg weisen. (14) 

Dinge, die den Menschen in seiner Eigenschaft 
als Mensch nicht angehen, dürfen unter keinen 
Umständen als menschliche Eigentümlichkeit be- 
trachtet werden. Sie sind keine Erfordernisse des 
Menschen, die menschliche Natur verheißt sie nicht, 
noch bringen sie der Menschennatur eine Vervoll- 
kommnung. Also liegt in ihnen weder das Ziel der 
Menschheit noch das, was das Ziel verwirklicht, näm- 
lich dsis Gute. Zudem, wenn eines von ihnen den 
Menschen anginge, so stünde ihm deren Verachtung 
oder Bekämpfung schlecht an; und wer sich so stellt, 
als brauche er sie nicht, wäre nicht zu loben; und 
selbst, wer sich eines derselben versagte, wäre kein 
guter Mensch, wenn sie wirklich Güter wären. Nun 
aber ist man um so besser, je mehr man sich viele 
dieser und ähnlicher Dinge versagt oder sich ihre 
Versagung gefallen läßtl (15) 

Von der Beschaffenheit der Dinge, die du dir am 
häufigsten vorstellst, wird deine Gesinnung ab- 
hängen. Denn die Seele wird von den Vorstellungen 
gleichsam gefärbt. Netze sie darum mit einer Reihe 
von Vorstellungen wie: wo man leben muß, kann 

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man auch giacklich leben; du mufit aber am Hofe 
leben, also kannst du auch am Hofe glücklich leben. 
Femer: der Grund, warum jedes Ding entstand, ist 
auch der Zweck seiner Entstehung, und diesem strebt 
es zu; in dem aber, dem es zustrebt, liegt auch sein 
Ziel; wo aber das Ziel, da ist auch das Wohl und 
Gut eines Dinges; das Wohl eines vernünftigen 
Wesens liegt aber in der Gesellschaft; denn daß wir 
zur Geselligkeit geboren sind, ist längst erwiesen. 
Oder ist das nicht klar, daß die niederen Wesen um 
der höheren willen, die höheren umeinander willen 
da sind? Höher aber als die leblosen sind die be- 
lebten Wesen, die vernünftigen aber höher als die 
nur belebten. (16) 

Unmöglichem nachjagen ist Wahnsinn. Unmöglich 
aber ist es, daß die schlechten Menschen andere 
als schlechte Handlungen hervorbringen. (17) 

Keinem widerfährt etwas, das er nicht seiner Natur 
nach auch ertragen könnte. Dasselbe widerfährt 
einem andern und er — entweder aus Unkenntnis 
dessen, was ihm widerfährt oder weil er Geistes- 
größe zeigen will — bleibt ruhig und unverletzt: Un- 
kenntnis und Eitelkeit sollen also stärker sein als 
Einsicht? Ist das nicht schrecklich? (18) 

Die Außenwelt selbst hat gar keinen Einfluß auf 
die Seele; sie hat keinen Zugang zur Seele und 
kann sie weder umstimmen noch irgend bewegen; die 
Seele stimmt und bewegt sich vielmehr selber allein; 
und entsprechend den Urteilen, die sie übersieh selber 
fällt, schätzt sie auch die ihr vorliegenden Dinge. (19) 

In einer Hinsicht ist der Mensch das uns am nächsten 
stehende Wesen, insofern wir ihm wohltun und 



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ihn ertragen sollen; insofern aber ein Mensch mich 
an der Erfüllung meiner Pflichten hindert, wird er für 
mich zu einem gleichgültigen Ding, nicht anders wie 
die Sonne, der Wind, die Tierwelt Von diesen 
kann zwar meine äußere Wirksamkeit gehemmt 
werden, für mein Wollen aber und meine Gesinnung 
gibt es keine Hemmnisse, sondern nur bedingende 
Ausnahmen und andere Richtungen. Denn es wendet 
und" lenkt der Verstand jedes Hindernis seiner Wirk- 
samkeit zum Besseren um, und so wird förderlich für 
eine Handlung, was sie zuvor hemmen wollte, und 
einen Weg zeigt mir, was mir zuvor den Weg ver- 
Spenen wollte. (20) 

Unter allen Dingen der Welt ehre das Vollkom- 
menste; es ist dies aber das Wesen, das alles 
in seinem Dienste hat und alles beherrscht. Ebenso 
ehre aber auch, was in dir das Vollkommenste ist, 
und es ist das jenem verwandt. Denn es ist das in dir, 
was alles andere in seinem Dienste hat, und dein 
Leben wird von ihm geleitet. (21) 

Was dem Staat nicht schädlich ist, kann auch dem 
Bürger nicht schaden; bei jeder Vorstellung 
eines Schadens wende folgenden Satz an: Wird der 
Staat dadurch nicht beschädigt, so kann auch ich 
dadurch keinen Schaden erleiden; wird aber der 
Staat beschädigt, so soll ich doch dem Schadenstifter 
nicht zürnen. (22) 

Oft stelle dir vor die Seele, wie schnell alles 
Seiende und Werdende fortgerissen und hin- 
weggerafft wird; denn das Wesen der Dinge ist wie 
ein Strom in ewiger Bewegung; und ihre Wirkungen 
sind einem unaufhörlichen Wechsel und ihre Ursachen 

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unzähligen Veränderungen unterworfen. Fast nichts 
besteht, und nahe bei uns liegt jener gähnende Ab- 
grund der Vergangenheit und Zukunft, in dem alles 
verschwindet. Ist darum nicht ein Tor, wer auf diese 
Dinge stolz ist, ihretwegen sich quält oder darüber 
jammert als über etwas Lästiges, das von langer 
Dauer und nicht nur flüchtig ist? (23) 

Denke an die Gesamtheit des Seins, von dem du 
nur ein winziges Teilchen bist und an die un- 
endliche Zeit, von der nur ein kurzer und kleiner 
Abschnitt dir zugemessen ist und an das Geschick, 
wovon deines nur einen Bruchteil bildet! (24) 

Es vergeht sich ein Mensch an mir: gut, möge er 
selber zusehen! Er hat seine eigene Gesinnung, 
seine eigene Art zu handeln. Ich aber habe jetzt, 
was ich nach dem Willen der Allnatur jetzt haben 
soll und tue, was ich nach dem Willen meiner eigenen 
Natur jetzt tun soll. (25) 

Der herrschende und gebietende Teil deiner Seele 
bleibe bei tiefen und heftigen Regungen im Be- 
reich deiner rein körperlichen Sphäre unerschüttert. 
Er mische sich nicht mit ihr, sondern beschränke 
sich auf sein Gebiet und umgrenze jene Stimmen 
der Körperlichkeit in seinen Gliedern; wenn sie aber 
entsprechend ihrer anderen Mitteilbarkeit in das Denk- 
vermögen, das ja vom Körperlichen nicht ganz ge- 
trennt ist, eindringen, dann versuche nicht gegen eine 
natüriiche Empfindung zu kämpfen. Nur den Wahn, als 
ob es sich um ein Gut oder Übel handle, den füge das 
in dir leitende Prinzip nicht von sich aus hinzu! (26) 

Mit den Göttern in Gemeinschaft leben! Das tut 
aber nur, wer ihnen stets eine Seele zeigt, die 



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mit ihrem Lose zufrieden ist, und in allem so handelt, 
wie es der Genius will, den einem jeden die Gottheit 
als einen Bruchteil ihres eigenen Wesens gab, daS 
er ihm Führer und Leiter sei. Das aber ist eines 
jeden Vernunft und Verstand. (27) 

Zürnst du etwa einem Menschen, der mit üblen 
Ausdünstungen behaftet ist? Was kann er daftir? 
Er hat nun einmal solche Glieder, die derlei Dünste 
aushauchen. Aber der Mensch hat Vernunft, sagt mir 
jemand, und kann bei einiger Aufmerksamkeit wohl 
einsehen, worin er sich vergeht. Gewiß! Also hast 
auch du Vernunft! Erwecke also mft deiner Vernunft 
auch die Vernunft des andern. Zeige, wie man es 
machen muß, ermahne! Denn wenn er auf dich hört, 
wirst du ihn heilen und brauchst nicht zu zürnen; 
es gibt dann kein Gejammer und keine entwürdigende 
Hingebung. (28) 

\C[p^ du am Ende deines Lebens wünschest gelebt 
Vv 2U haben, so kannst du jetzt schon leben. 
Wenn dir aber das deine Umgebung nicht gestattet, 
dann gehe ruhig aus dem Leben, so, wie wenn dir 
kein Übel widerfahren wäre. Es raucht irgendwo, 
gut, so gehe ich eben weg. Was scheint dir das 
Großes zu sein? Solange mich aber nichts derart 
hinaustreibt, bleibe ich freiwillig, und niemand soll 
mein Tun hemmen. Mein Wille aber ist der eines 
vernünftigen und geselligen Wesens. (29) 

Die Weltvemunft will, daß Geselligkeft sei. Darum 
hat sie unvollkommene Wesen um der voll- 
kommenen willen hervorgebracht und die vollkom- 
menen miteinander harmonisch vereint Du siehst 
doch, wie sie alles einander unter- und beigeordnet» 

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jedem entsprechend seinem Werte das Seine zugeteilt 
und die edelsten Wesen zu gegenseitiger Eintracht 
miteinander verbunden hat. (30) 

Wie hast du dich bisher gegen die Götter, deine 
Eltern, Geschwister, Gattin, Kinder, Lehrer, Er- 
zieher, Verwandte und Hausgenossen betragen? Darfst 
du allen diesen gegenüber sagen: „Weder durch Worte 
noch Taten hat je er einen beleidigt!" Rufe dir aber 
auch ins Gedächtnis zurück, was du schon alles 
durchgemacht und was .zu tragen du Kraft gehabt 
hast; denke daran, dafi zu Ende die Geschichte deines 
Lebens und dein Dienst bereits vollbracht ist. Wie- 
viel Schönes hast du schon gesehen, wieviel Freuden 
der Sinne und wieviel Leiden verachtet, wieviel Eitel- 
keiten übersehen, gegen wieviel lieblose Menschen 
dich liebevoll erwiesen! (31) 

Warum sollten rohe und ungebildete Gesellen ein 
gebildetes und einsichtsvolles Gemüt aus der 
Fassung bringen können? Was ist aber eine gebildete 
und einsichtsvolle Seele? Keine andere als die, 
welche den Ursprung und das Ziel der Dinge kennt 
und den die Körperwelt durchdringenden Geist, der von 
Ewigkeit zu Ewigkeit nach bestimmten Zeitläufen 
das All verwaltet. (32) 

Wie bald, und du bist Asche und ein Knochen- 
gerippe und nur noch ein Name, oder nicht 
einmal ein Name mehr! Der Name aber ist Hall und 
Widerhall. Und die vielgerühmten Güter des Lebens? 
Eitel, modernd, nichtig, wie Hündlein, die sich herum- 
beißen, und Kinder, die sich balgen, jetzt lachen, 
dann wieder weinen! Treue aber und Ehrfurcht, ge- 
rechter und wahrhaftiger Sinn, die sind „zum Olymp 



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der weitstraßigen Erde entflohen". Was hält dich 
also noch hier auf Erden? Ist doch alles Sinnliche 
so wandelbar, so unbeständig, die Sinne selbst aber, 
wie sind sie trübe und leicht zu täuschen 1 Und dein 
Seelchen, was ists anderes als ein Aufdampfen des 
Blutes? Unter solchen Menschen berühmt sein, wie 
nichtigl Warum also siehst du nicht mit heiterer 
Miene deinem Erlöschen, deiner Umwandlung ent- 
gegen? Bis aber jener Augenblick kommt, was bleibt 
übrig? Was anderes, als die Götter zu ehren und zu 
preisen, den Menschen wohlzutun, sie zu ertragen 
oder zu meiden und zu bedenken, daß alles, was 
außerhalb der engen Grenzen deiner körperlichen 
und geistigen Sphäre liegt, weder dein ist noch von 
dir abhängt. (33) 

Es liegt in deiner Hand, daß dein Leben immer 
ruhig dahinfließe, wenn du nur dem rechten Weg 
folgen und auf ihm urteilen und handeln willst Denn 
der Seele Gottes und des Menschen und überhaupt 
jedes vernünftigen Lebewesens sind folgende zwei 
Eigenschaften gemein: sie läßt sich von nichts anderra 
hindern, und ihr Wohl beruht auf einer gerechten Ge- 
sinnung und Handlungsweise, und darnach allein geht 
all ihr Streben. (34) 

Wenn etwas weder durch meine Schlechtigkeit 
noch durch eine Wirkung derselben geschieht, 
und auch die Allgemeinheit dadurch keinen Schaden 
erleidet, warum bin ich darüber unruhig? Und was 
könnte denn das Universum dabei erleiden? (35) 

Laß dich nicht von deinen Einbildungen hinreißen, 
sondern sei hilfreich nach deinen Kräften und wie 
es die Menschen verdienen; wenn sie aber in gleich- 

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gültigen Dingen Verluste leiden, so denke nicht 
gleich, sie hätten einen wirklichen Schaden erlitten. 
Denn das ist eine schlimme Gewohnheit, sondern mache 
es, wie jener Greis, der seinem Zögling einen Kreisel 
abforderte und dann weiter ging, wusste er doch, daß 
es nur ein Kreisel sei. Wenn du aber vor dem Volk 
auf der Rednerbtihne sprichst, Mensch, vergißt du, 
was daran ist? „Ja, aber darauf muß man doch allen 
Eifer verwenden!* Aber warum mußt du denn auch 
so ein Tor werden? Nein, sondern sage dir immer: 
ich kann, wenn auch noch so einsam, an allen Orten 
glücklich sein; denn glücklich ist, wer sich selbst 
ein glückliches Los bereitet hat; glückliche Lose aber 
sind: gute Gemütsstimmung, gute Neigungen, gute 
Handlungen. (36) 




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D 



U 



SECHSTES BUCH 



-I 





Der Weltstoff ist fügsam und leicht verwandlungs- 
fähig; die alles durchwaltende Weltvemunft aber 
hat in sich keinen Grund zum Bösen; denn Bos^ 
heit hat sie keine, tut auch nichts Böses, noch wird 
.von ihr etwas beschädigt. Alles aber wird durch sie 
und vollendet sich durch sie. (1) 

Wenn du deine Pflicht tust, darf es dir nicht darauf 
ankommen, ob du vor Kälte erstarrst oder vor 
Hitze glühst, ob du schläfrig bist, oder genügend 
geschlafen hast, ob man dich tadelt oder lobt, ob du 
dem Tode dich nahst oder etwas anderes derart zu 
erleiden hast. Denn auch das Sterben ist ja eine von 
unsern Lebensaufgaben. Begnüge dich drum damit, auch 
sie glücklich zu lösen, wenn sie dir gestellt wird. (2) 

Nach innen richte den Blick I Keines Dinges Be- 
schaffenheit, noch sein Wert entgehe dir. (3) 
Alle Dinge der Welt verwandeln sich sehr schnell und 
lösen sich entweder in Dampf auf, wenn die Kör- 
perwelt ein Ganzes bleibt, oder sie werden zerstreut. (4) 
Die alles durchwaltende Weltvemunft weiß wohl, 
wie ihr Verhältnis zur Welt ist, wie sie wirkt und 
auf welchen Stoff. (5) 

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Die beste Art, sich zu wehren, ist: nicht Gleiches 
mit Gleichem vergelten. (6) 

In dem allein suche deine Freude und Befriedigung: 
der Gottheit dir bewußt von einer gemeinnützigen 
Tat zur andern fortzuschreiten. (7) 

Das leitende Prinzip im Menschen ist es, das sich 
selber weckt und lenkt und zu dem macht, was 
es ist und sein will und jedes Erlebnis zu dem macht, 
was es in seinen Augen sein soll. (8) 

Nach der Natur des Ganzen geschieht alles, nicht 
nach irgend einer andern Natur, die etwa die 
Dinge von auSen umschließt, oder in ihrem 
Innern verschlossen, oder völlig von ihnen getrennt 
ist (9) 

Entweder ist alles nur ein Gemisch von Dingen, 
die sich bald miteinander verflechten, bald von- 
einander lösen oder ein Ganzes voll Einheit, Ordnung 
und Vorsehung; wenn jenes, warum sollte ich dann 
noch darnach Verlangen tragen in einem chaotischen 
Gewirre, in solch einem Gemengsei zu verweilen? 
Was könnte mir denn erwünschter sein, als einst 
wieder Erde zu werden? Was bin ich auch so un- 
ruhig? Kommen wird auch über mich die Auflösung, 
was ich auch tuel Im andern Fall aber verehre ich 
den Allerhalter, bin ruhigen Gemütes und vertraue 
auf ihn. (10) 

Wenn dich je die Gewalt der Umstände in eine 
Art von Gemütsunruhe versetzen sollte, so kehre 
bald in dich selbst zurück und laß dich nicht über 
Gebühr aus dem Takt bringen, denn wenn du stets 
wieder zu einer harmonischen Stimmung der Seele zu- 
rückkehrst^ wirst du ihrer immer mächtiger werden. (11) 

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Wenn du zugleich eine Stiefmutter und eine leib- 
liche Mutter hättest, wOrdest du zwar jene ehren, 
aber doch beständig bei deiner leiblichen Mutter 
deine Zuflucht suchen. Ebenso steht es bei dir mit 
dem Hof und mit der Philosophie. Bei dieser weile 
immer wieder und ruhe dich aus bei ihr; durch sie 
wird dir auch das dortige Leben erträglich und du 
selbst am Hofe erträglich werden. (12) 

Wie man bei Fleischgerichten und anderen Eß- 
waren derart denken soll: das ist nur der 
Leichnam eines Fisches oder der eines Vogels oder 
eines Schweins und eben so beim Falemerwein: das 
ist nur der ausgedrfickte Saft einer Traube, oder beim 
Purpur: er ist nichts als Schafwolle, in das Blut einer 
Schnecke getaucht, und beim Geschlechtsakt: er ist 
nur die Reibung eines Gliedes und Ausscheidung von 
Schleim mit Zuckungen verbunden, weil solche Vor- 
stellungen den Gegenständen wirklich ganz entsprechen 
und ihr Wesen durchdringen, so daß man recht eigent- 
lich sieht, was an ihnen ist, ebenso nun muß man's 
im ganzen Leben machen, und wenn einem Dinge in 
noch so beifallswürdiger Gestalt vorgespiegett werden, 
sie entiarven, ihren Unwert sich anschaulich machen, 
und das schimmernde Gewand, womit sie sich brüsten, 
ihnen abreißen, denn ein gar gewaltiger Betrüger ist 
der Schein, und gerade, wenn man glaubt, sich mit 
den wichtigsten Dingen der Welt zu beschäftigen, 
bezaubert er am meisten. Denke daran, was Krates 
selbst von einem Xenokrates gesagt hat! (13) 

Das meiste von dem, was die große Menge be- 
wundert, gehört zu den allergewöhnlichsten 
Dingen der Welt; teils sind es Gegenstände von 

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festem und natürlichem Zusammenhalt, wie Steine 
und Holzarten, wie Feigenbäume, Weinstöcke und 
Ölbäume, teils sind es beseelte Gegenstände, wie 
Herden von Klein- und Großvieh; diese finden ihre 
Bewunderer mehr unter den mittleren Ständen. Leute 
von noch höbererBildung interessieren sich fOr Wesen, 
die eine gebildete Seele haben, nicht sowohl eine 
weltbürgerliche als vielmehr eine auf die Künste ge- 
richtete oder sonstwie geartete Seele. Diese Men- 
schen legen oft einen hohen Wert auf den Besitz 
einer Menge von Sklaven. Wer aber eine vernünftige 
weit- und staatsbürgerliche Seele hochschätzt, hat für 
andere Dinge kein Interesse mehr; vor allem aber 
sucht er seine eigene Seele in vernünftiger und ge- 
meinnütziger Verfassung und Tätigkeit zu erhalten 
und hierzu auch seinen Brüdern behilflich zu sein. (14) 

Hier strebt etwas ins Dasein, dort strebt etwas aus 
dem Dasein, und von dem Werdenden ist man- 
dies wieder verschwunden. Fluten und Veränderungen 
erneuern unaufhörlich die Welt, wie der ununter- 
brochene Lauf der Zeit uns immer wieder eine neue, 
unbegrenzte Dauer aufglänzen läfit. In diesem Strom, 
wo man keinen festen Fuß fassen kann, kann man 
doch keines von den vorübereilenden Dingen be- 
sonders wertschätzen? Das wäre doch gerade, wie 
wenn jemand sich in einen vorüberfliegenden Vogel 
verlieben wollte, der ihm kaum, daß er ihn gesehen, 
wieder aus den Augen entschwunden ist. So ist aber 
auch jedes Menschenleben, es ist nichts anderes, als 
das Aufdampfen von Blut und das Einatmen der 
Luft. Denn es ist ganz dasselbe, die Luft einmal 
einzuatmen und sie dann wieder von sich zu geben. 



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wie wir es jeden Augenblick tun, oder das ganze 
Atmungsverraögen, das du gestern oder früher mit 
deiner Geburt bekamst, wieder dahin zurückzugeben, 
von woher du es zuerst bekommen hast (15) 

Nicht, daß wir ausdünsten wie die Pflanzen, oder 
Atem holen wie die Tiere, macht unsem Wert 
aus, ebensowenig, daß wir durch unser Vorstellungs- 
vermögen Eindrücke von der Außenwelt erhalten oder 
durch unsere Triebe in Bewegung gesetzt werden, 
oder uns zusammengesellen und uns nähren, denn 
dies ist nicht mehr wert, als das Wiederausscheiden 
der verdauten Nahrung; was aber macht uns denn 
eigentlich achtungswert? Etwa, daß wir beklatscht 
werden? Gewiß nicht. Also auch nicht die Beifalls- 
bezeugungen mit der Zunge; denn die Lobes- 
erhebungen von Seiten der großen Menge sind doch 
nichts anderes als Klatsch. Laß also das bißchen 
Ruhm fahren! Was bleibt aber wirklich Achtungs- 
wertes übrig? Ich glaube dieses: dich nach den dir 
innewohnenden Fähigkeiten zu rühren und Zweck- 
entsprechendes zu schaffen; darauf leiten auch die Ge- 
werbe und Künste hin. Hat doch jede Kunst das 
Ziel, ihr Erzeugnis dem Zwecke anzupassen, zu dem 
es hervorgebracht wurde. Das ist des Gärtners Ab- 
sicht, wenn er den Weinstock pflegt, das die Absicht 
der Rossebändiger und Hundewärter. Erziehung aber 
und Unterricht der Jugend, was bezwecken diese? 
Hier liegt also das Achtungswerte. Bist du davon 
überzeugt, so wirst du dir um andere Dinge keine 
Sorge machen. Und doch willst du nicht aufhören, 
so viel andere Dinge hochzuschätzen? Dann bist 
du eben kein freier, selbstgenügsamer, leidenschafts- 

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loser Mensch. Denn du mußt ja neidisch, eifer- 
süchtig, argwöhnisch werden gegen die, welche dir 
jene Dinge nehmen können, und du mufit denen 
nachstellen, die das von dir Hochgeschätzte besitzen. 
Überhaupt muß ja der, welchem etwas davon fehlt, 
von Unruhe verzehrt werden und dazu noch gegen 
die Götter murren; aber die ehrerbietige Scheu vor 
deiner eigenen denkenden Seele wird dich mit dir 
selbst zufrieden, deinen Mitmenschen gefällig und mit 
den Göttern einträchtig machen, das heißt, du wirst 
alles, was sie dir schicken und verleihen, dankbar 
annehmen. (16) 

Hinauf, hinab, im Kreislauf bewegen sich die 
Elemente; die Bewegung der Tugend abergeht 
auf keiner von diesen Bahnen; sie ist etwas Gött- 
licheres und schreitet auf gutem, wenn auch schwer 
zu begreifendem Weg ihrem Ziel entgegen. (17) 

Wie lächerlich ist doch das Tun der Menschen! 
Ihren Zeitgenossen, mit denen sie zusammen- 
leben, verweigern sie das Lob, sie selbst aber schlagen 
das Lob von selten der Nachkommen, welche sie 
niemals gesehen haben, noch sehen werden, sehr 
hoch an: das ist doch beinahe ebenso, wie wenn 
man sich darüber betrüben wollte, daß auch die Vor- 
fahren uns nicht mit Lobreden überschüttet haben* (18) 
Glaube nicht, wenn dir etwas schwer fällt, dass 
es nicht menschenmöglich sei, sondern, wenn 
etwas menschenmöglich und durchführbar ist, so halte 
das auch für erreichbar. (19) 

Wenn uns auf dem Turnplatz zufällig jemand mit 
einem Nagel ritzt oder durch einen Stoß am 
Kopf eine Beule beibringt, so werden wir deshalb 

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nicht zornig oder ärgerlich noch für die Zukunft 
argwöhnisch gegen ihn, als trachte er uns nach dem 
Leben; aber wir hüten uns vor ihm, nicht als ob es 
ein Feind oder ein verdächtiger Mensch wäre, sondern 
wir gehen ihm nur gelassen aus dem Weg. Gerade 
so muß man es auch in den übrigen Verhältnissen 
des Lebens machen und über vieles bei denen hin- 
wegsehen, die auf dem Spielplatz des Lebens unsere 
Genossen sind. Denn wie gesagt, es ist ganz gut 
möglich, ohne Argwohn und Groll gewissen Leuten 
aus dem Wege zu gehen. (20) 

Wenn mich jemand überzeugen kann, daß ich 
nicht richtig urteile oder handle, so will ich's 
mit Freuden anders machen, denn ich bin ein Wahr- 
heitssucher, und von der Wahrheit hat noch nie je- 
mand Schaden gelitten. Schaden leidet aber, wer 
auf seinem Irrtum und auf seiner Unwissenheit be- 
harrt. (21) 
Ich tue meine Pflicht; das übrige kümmert mich 
nicht, denn es ist entweder seelenlos oder ver- 
nunftlos oder verirrt und des Weges nicht kun- 
dig. (22) 
Die vemunftlosen Wesen und überhaupt die ganze 
Sinnenweft behandle als vernünftiger Mensch, 
weil ihr die Vernunft fehlt, hochherzig und edel; die 
Menschen aber, weil sie Vernunft besitzen, behandle 
mit Liebe. Bei allem rufe die Götter an, und kümmre 
dich nicht darum, wie lange du noch so handeln 
darfst, denn schon drei solcher Stunden reichen 
hin. (23) 

Alexander von Mazedonien und sein Maultierfreiber 
haben nach ihrem Tod ganz das gleiche Schick- 

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sal erfahren, denn entweder wurden sie in dieselben 
Weltkeime aufgenommen, oder der eine wie der 
andere in die Atome zerstreut (24) 

Mache dir klar, wie viel bei einem jeden von uns 
in einem und demselben Augenblick vorgeht, 
Leibliches und Geistiges; so wird es dich nicht mehr 
wundem, daß noch viel mehr, ja daß alles Werdende 
in der einen Gesamtheit, die wir Welt nennen, zu- 
gleich existiert. (25) 
Wenn man dir die Frage vorlegte, wie der Name 
Antoninus geschrieben wird, würdest du etwa 
jeden einzelnen Buchstaben mit angestrengter Stimme 
hervorstoßen? Und wenn man dir darüber zürnte, 
würdest du etwa wieder zürnen? Oder nicht vielmehr 
die einzelnen Buchstaben ohne weiteres ruhig auf- 
zählen? Das sei dir ein Beispiel dafür, daß jede 
Pflicht aus einzelnen Bestandteilen zusammengesetzt 
ist, die du einhalten und fem von Beunmhigung 
und Erbittemng gegen erbitterte Tadler auf die rechte 
Weise vollenden mußt. (26) 

Welche Grausamkeit, den Menschen nicht zu ge- 
statten, nach dem zu streben, was ihnen an- 
gemessen und zuträglich scheint! Und doch, was tust 
du anderes als dies, wenn du über ihre Fehler un- 
gehalten bist? Denn sie lassen sich ja überall durch 
den Schein des Angemessenen und Zuträglichen dazu 
fortreißen. Du sagst: Sie betrügen sich selbst. So 
belehre sie denn und zeige ihnen das Rechte, ohne 
über sie ungehalten zu sein. (27) 

Der Tod: das Ende für die Widersprüche der 
sinnlichen Wahmehmung, das Ausmhen von den 
Erregungen der Triebe und der fortwährenden Arbeit 

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des Denkens, die Freiheit von der Knechtschaft des 
Fleisches. (28) 

Wie schändlich, wenn im Leben die Seele schon 
ermüdet, ohne daß noch der Leib müde ist (29) 
Hüte dich, ein Tyrann zu werden, nimm einen 
solchen Schein gar nicht an; denn es geschieht 
so leicht Erhalte dich also einfach, gut, lauter, ernst- 
haft, prunklos, als Freund der Gerechtigkeit, voll 
Ehrfurcht gegen das Göttliche, wohlwollend, liebreich, 
standhaft in der Pflichterfüllung. Ringe darnach, der 
Mann zu bleiben, zu dem dich die Philosophie 
machen wollte. Ehre die Götter, fördere das Heil 
der Menschen! Das Leben, wie kurz; eine Frucht 
des irdischen Daseins nur: Edle Gesinnung und ge- 
meinnütziges Tun. Sei in allem ein Schüler Antonius: 
Wie er beharrlich im Gehorsam gegen die Gebote 
der Vernunft, wie er gleichmütig in allen Stücken, 
wie er unsträflich und heiter in deiner Miene, wie er 
freundlich und ohne Ruhmbegierde, wie er eifrig be- 
müht um die Erkenntnis der Dinge. Nichts ließ er 
je an sich vorübergehen, ohne es zuvor ganz genau 
betrachtet und reiflich durchdacht zu haben; geduldig 
ertrug er seine ungerechten Tadler, ohne sie wieder 
zu tadeln; nichts übereilte er, keiner Verleumdung 
schenkte er Gehör; sorgfältig beobachtete er seinen 
Charakter und seine Handlungen; fem war ihm die 
Schmähsucht, die Ängstlichkeit, das argwöhnische 
und klügelnde Wesen. Mit wenigem war er zufrieden, 
in Wohnung, Nachtlager, Kleidung, Nahrung und 
Dienerschaft. Arbeitsamkeit und Langmut waren sein 
Wesen. Auch bei seiner einfachen Lebensweise war 
er imstande, bis zum Abend auszuhalten, ohne das 

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Bedürfnis der Entleerung anders als um die ge^ 
wohnliche Stunde zu verspüren; treu und sich immer 
gleichbleibend in seiner Freundschaft, voll Duldsam- 
keit gegen diejenigen, die seinen Ansichten freimütig 
entgegentraten, und sogar erfreut, wenn man ihn eines 
Besseren belehrte, voll Gottesfurcht ohne Aberglauben; 
so war er. Möchte doch auch deine letzte Stunde 
wie die seine bei so gutem Gewissen dir einst 
schlagen! (30) 

Erwache und finde dich selbst wieder! Und wie 
du beim Wiedererwachen erkennst, daß dich nur 
Träume beunruhigt haben, so sieh auch wachend 
die Unannehmlichkeiten des Lebens nur als Träume 
an. (31) 

Aus Körperlichem und Seelischem bestehe ich. 
Für den Körper ist alles gleichgültig, denn er 
kann keine Unterschiede wahrnehmen. Für die Denk- 
kraft jedoch ist nur das gleichgültig, was nicht von ihr 
bewirkt ist. Ihre eigenen Wirkungen aber hängen 
alle nur von ihr selbst ab. Das gilt aber nur von 
denen, die sich auf den gegenwärtigen Augenblick 
beziehen, denn ihre zukünftigen und vergangenen 
Wirkungen sind für sie auch schon gleichgültig. (32) 

Keine Verrichtung der Hand oder des Fußes ist 
unnatürlich, solange der Fuß das Seinige, die 
Hand das Ihrige tut. So ist auch für den Menschen 
als solchen keine Verrichtung unnatüriich, solange 
der Mensch das Seinige tut. Widerstreitet sie aber 
nicht seiner Natur, so ist sie für ihn auch kein 
Übel. (33) 

Wieviel sinnliche Lüste haben nicht Räuber, Vater- 
mörder, Schandbuben, Tyrannen genossen. (34) 



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Siehst du nicht, wie die gewöhnlichen Künstler sich 
bis zu einem gewissen Grad nach dem Geschmack 
der großen ungebildeten Menge richten, und dennoch 
die Vorschriften ihrer Kunst zu beobachten und von 
diesen sich nicht abbringen zu lassen suchen? Ist 
es nicht schrecklich, daß der Arzt und der Bau- 
künstler vor den Gesetzen seiner Kunst mehr Achtung 
hat, als der Mensch vor den Gesetzen seiner Vernunft, 
die er doch mit den Göttern gemein hatl (35) 

Asien, Europa: Winkel der Welt; der ganze Ozean: 
ein Tropfen im All; der Athos: eine Erdscholle 
im Weltall; die ganze Gegenwart: ein Augenblick 
der Ewigkeit I Alles klein, veränderlich, verschwindend ; 
alles kommt von einer Quelle, von jenem gemein- 
samen Allbeherrscher unmittelbar oder infolge seiner 
Wirksamkeit. Also sind auch der Rachen des Löwen, 
das Gift, alles Schlechte, wie Domen und Sümpfe 
notwendige Stücke jener prachtvollen und herrlichen 
Welt. Fort also mit dem Wahn, als seien sie dem 
Wesen, das du verehrst, fremd, betrachte vielmehr 
die Quelle aller Dinge. (36) 

Wer gesehen hat, was jetzt vorhanden ist, hat alles 
gesehen, was von jeher war und in alle Ewigkeit 
sein wird. Denn alles ist von derselben Natur und 
Form. (37) 

Bedenke oft den Zusammenhang aller Dinge in der 
Welt und ihr gegenseitiges Verhältnis, denn ge- 
wissermaßen sind sie alle ineinander verflochten, und 
insofern ist keines dem andern feind; eines folgt 
ja aus dem andern und zwar kraft ihres örtlichen 
Zusammenwirkens, ihrer Obereinstimmung und der 
Einheit alles Seienden. (38) 

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Der Lebenslage, in die dich dein Los versetzt hat, 
passe dich an, und den Menschen, mit denen 
dich das Schicksal zusammenführt, erweise Liebe, 
aber aufrichtig. (39) 

Jede Maschine, jedes Werkzeug, jedes Gefäß ist 
in gutem Zustand, wenn es leistet, wozu es ge- 
bildet worden ist; und doch ist hier, der es bildete, 
vielleicht ferne; bei den Dingen aber, welche die 
Natur umfaßt, ist und bleibt die bildende Kraft im 
Innern. Sie sollst du demnach umsomehr verehren 
und dabei glauben, daß, wenn du nur nach ihrem 
Willen beständig lebst, alles bei dir nach der Ver- 
nunft sich richten wird; denn so richtet sich auch 
im Weltall alles nach der Weltvemunft. (40) 

Wenn du irgend eines von den Dingen, die außer 
deiner Willkür stehen, als ein Gut oder als ein 
Übel betrachtest, so mußt du notwendig, wenn ein 
solches Übel dich trifft oder ein solches Gut aus- 
bleibt, über die Götter munren und die Menschen 
hassen, die daran schuld sind, oder nach deinem 
Argwohn das zukünftige Ausbleiben oder Eintreffen 
derartiger Dinge verursachen sollen. Und so begehen 
wir viel Unrecht, weil uns derartige Dinge nicht 
gleichgültig sind. Wenn wir aber nur die von uns 
abhängigen Dinge für Güter oder Übel erklären, so 
bleibt kein Grund übrig, die Gottheit anzuklagen oder 
gegen einen Menschen eine feindliche Stellung ein- 
zunehmen. (41) 
Wir alle wirken zusammen auf ein Ziel; die einen 
bewußt und mit Einsicht, die andern unbewußt 
Ja sogar die Schlafenden sind, wie, glaub ich, Heraklit 
sagt, Arbeiter und Mitwirker am Weltgeschehen. 



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Jeder arbeitet auf eine andere Weise mit; im Ober- 
maß sogar der Tadler, der dem Geschehen entgegen- 
zutreten und es wegzuräumen sucht. Denn auch eines 
solchen Menschen bedurfte die Welt Dir bleibt 
übrig zu aberlegen, wem du dich anschließen willst 
Der Beherrscher des Alls wird dich zwar auf alle 
Fälle richtig zu verwenden wissen und dich als ein 
Glied unter die Zahl der Mitwirker und Gehilfen 
aufnehmen. Du aber hüte dich, ein solches Glied zu 
werden, wie jener schlechte und lächerliche Vers im 
Drama, den Chrysipp*) erwähnt (42) 

Verlangt etwa die Sonne» die Dienste des Regens 
zu leisten? Oder Äskulap die der Fruchtspenderin? 
Und die Gestirne, wirken sie nicht, trotz ihrer Ver- 
schiedenheit, alle auf ein Ziel hin? (43) 
Wenn die Götter über mich und über mein Ge- 
schick etwas beschlossen haben, so haben sie 
Gutes beschlossen; denn ein ratloser Gott ist nicht 
leicht denkbar; aus welchem Grund aber sollten sie 
mir weh tun wollen? Denn was könnte für sie oder 
für das Ganze, für das sie doch vorzüglich sorgen, 
dabei herauäLommen? Wenn sie aber über mich 
im einzelnen nichts beschlossen haben, so haben sie 
zum mindesten über das Ganze im allgemeinen etwas 
beschlossen, und ich muß darum auch mein daraus- 
folgendes Geschick willkommen heißen und lieb- 
gewinnen. Fassen sie aber über gar nichts Beschlüsse 
— das zu glauben ist gottlos — wozu dann unsere 
Opfer, unsere Gebete, unsere Eide, wozu die übrigen 
Handlungen, die wir im Glauben an die Gegenwart 
und lebendige Gemeinschaft mit den Göttern ver- 
richten? Wenn also die Götter selbst in gar nichts^ 

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was uns angeht, eingreifen, nun so stehts in meiner 
Macht, aber mich selbst etwas zu beschließen, und 
ich kann, was mir zuträglich ist, erwägen. Zuträglich 
aber ist jedem Wesen, was seinen Anlagen und 
seiner Natur entspricht Meine Natur aber ist ver- 
nünftig und fürs Zusammenleben bestimmt; meine 
Stadt und mein Vaterland, insofern ich Antonin heiße, 
ist Rom, sofern ich Mensch heiße, die Welt. Was 
diesen Staaten frommt, das allein ist für mich ein 
Gut. (44) 

Was immer jedem begegnet, ist dem Ganzen zu- 
träglich. Schon dies genügte eigentlich. Aber 
bei genauer Betrachtung wirst du auch überall noch 
das finden: was dem Einzelmenschen zuträglich, ist 
es auch den übrigen Menschen. Es ist nämlich hier 
der Ausdruck „zuträglich" auch von den gleichgültigen 
Dingen zu verstehen, (45) 

Wie die Vorstellungen im Theater und an ähn- 
lichen Plätzen, ein ewiges Einerlei für den 
Zuschauer, dir widerstehen und das Gleichförmige 
derselben dir ihren Anblick zum Ekel macht, so er- 
lebst du das gleiche im ganzen Leben; denn alles 
über und unter dir ist immer das gleiche und hat 
denselben Ursprung. Bis wie lange denn noch? (46) 

Denke beständig an die Gestorbenen aus allen 
Ständen, allen Berufsarten und allen Völkern, 
und steige in dieser Reihe bis zu einem Philistion, 
Phöbus, Origanion. Dann gehe zu den andern 
Klassen über. Dorthin müssen ja auch wir wan- 
dern, wo so viele gewaltige Redner, so viel ehr- 
würdige Philosophen, wie Heraklit, Pythagoras, So- 
krates, so viel Helden der Vorzeit, so viel Heerführer 



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und Gewaltherrscher späterer Tage, und außer diesen 
Eudoxos, Hipparch, Ä-chimedes und andere scharf- 
sinnige, hochherzige, arbeitsliebende, allgewandte, 
selbstgefällige Geister, ja selbst des nichtigen, einen 
Tag dauernden Menschenlebens, Verächter wie ein 
Menippus und so viel andere seiner Art verweilen. 
Von all diesen stelle dir vor, daß sie längst im Grabe 
liegen. Warum soll dies für sie so furchtbar sein? 
Warum fQr die, deren Namen niemand mehr nennt? 
Eins nur besitzt hohen Wert: im Bunde mit Wahrheit 
und Gerechtigkeit das ganze Leben hindurch auch 
gegen Lügner und Ungerechte voll Wohlwollen 
zu sein. (47) 

Willst du dich erfreuen, beherzige die Vorzüge 
deiner Zeitgenossen: so des einen Tatkraft, des 
andern Bescheidenheit, eines dritten Freigebigkeit 
und an einem vierten sonst eine gute Eigenschaft 
Denn nichts erfreut so sehr, als die Bilder der Tüchtig- 
keiten, die aus dem Tun und Treiben unserer Zeit- 
genossen in reicher Fülle uns in die Augen fallen. 
Darum muß man sie sich auch immer gegenwärtig 
halten. (48) 

Du wirst dich doch nicht darüber grämen, daß du 
nur so und so viel Pfund und keine 300 wiegst? So 
gräme dich denn auch nicht darüber, daß du nur so 
und so viel Jahre und nicht noch mehr zu leben 
hast! Denn wie du mit dem dir bestimmten Körper- 
gewicht zufrieden bist, so sei es auch^ mit der dir 
bestimmten Lebensdauer. (49) 

Versuch es, die andern zu überzeugen! Handle 
aber auch gegen ihren Willen, wenn es Ge- 
rechtigkeit und Vernunft also verlangen. Widersetzt 

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sich aber dir einer mit Gewalt, so wende dich der 
Zufriedenheit und Gemütsruhe zu und nütze jenen 
Widerstand zu einer andern Tüchtigkeit; und denke 
daran, daß du nur bedingungsweise etwas erstrebst 
und nicht nach Unmöglichem trachtest. Wonach also? 
Nach solch einer Willensrichtung. Sie erringst du, 
mag auch das ersehnte Ziel unerreicht bleiben. (50) 

Wer den Ruhm liebt, sucht sein eigen Gut im 
Benehmen eines andern gegen ihn; wer die 
Lüste liebt, in seiner eigenen Leidenschaft, wer aber 
Vernunft hat, in seiner eigenen Tätigkeit (51) 

Du brauchst über dies oder das keine Meinung 
zu haben und kannst so deiner Seele alle Unruhe 
ersparen; denn die Dinge selbst sind nicht derart, 
daß sie uns Urteile abnötigen. (52) 

Gewöhne dich auf die Rede eines andern genau 
zu achten, und versetze dich so viel wie möglich 
in des Redenden Seele. (53) 

Was dem Bienenschwarm nicht zuträglich ist, ist 
auch der Biene nicht zuträglich. (54) 

Wollten die Schiffsleute den Steuermann, die 
Kranken den Arzt schmähen, würden sie da 
noch sonst auf einen achten? Oder wie sollte da 
jener den Eingeschifften die glückliche Landung oder 
dieser den Kranken die Gesundheit verschaffen? (55) 

Wie viele derer, mft denen ich auf die Welt 
gekommen, sind bereits wieder daraus ge- 
schieden! (56) 
Gelbsüchtigen kommt der Honig bitter vor; von 
der Hundswut Befallenen das Wasser furchtbar, 
und Kindern ein Ball schön. Warum also sich er- 
eifern? Oder meinst du, falsche Ansichten hätten 



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weniger Einfluß als die Galle beim Gelbsfichtigen 
oder das Gift beim Wasserscheuen? (57) 

Dem Gesetz deiner Natur zu leben, kann dich 
niemand hindern; dem Gesetz der gemeinsamen 
Natur zuwider kann dir nichts zustoßen. (58) 

Wer sind denn die, denen man gefallen möchte, 
und um welcher Vorteile willen und durch 
welcherlei Mittel? Wie schnell wird die Zeit alles 
verschlingen, und wie vieles hat sie schon ver- 
schlungen I (59) 




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Was ist Schlechtigkeit? Nur das, was du so oft 
schon gesehen hast Und so vergegenwärtige 
dir denn bei jedem Erlebnis: es ist nur etwas, was 
du schon oft gesehen hast. Du wirst dann finden, 
daß alles, wovon die Jahrbücher der alten, mittleren 
und neueren Geschichte und alles, wovon auch jetzt 
noch die Staaten und Familien voll sind, in jeder 
Hinsicht ganz dasselbe ist. Nichts Neues 1 Alles ge- 
wöhnlich und kurz dauernd. (1) 
Wie kann man anders Vorurteile ertöten, wenn 
die Vorstellungen, die sie hervorbringen, nicht 
ausgelöscht werden, deren beständige Wiederan- 
fachung von dir abhängt? Ich kann über eine Sache 
so urteilen, wie ich soll; kann ich 's aber, was bin ich 
so unruhig? Was außerhalb meiner Denkkraft liegt, hat 
überhaupt keine Bedeutung für meine denkende Seele. 
Fühle das, und du stehst fest da; ein neues Leben 
zu beginnen, hängt nur von dir selber ab. Betrachte 
nur die Dinge von einer andern Seite, als du es bisher 
tatest; denn darin besteht das neue Leben. (2) 

Nichtige Mühe um festliches Gepränge, Bühnen- 
spiele, Herden von Klein- und Großvieh, Fechter- 

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spiele, ein Knochen unter junge Hunde, ein Brocken 
in einen Fischbehälter geworfen, die mühsame Last- 
trägerei der Ameisen, das Hin- und Herlaufen er- 
schrockener Mäuse, bewegliche Gliederpuppen hal)en 
im Grunde denselben Wert. Mitten in diesem Ge- 
triebe muß man freundlich und ohne Leidenschaft 
dastehen; man muß erkennen, daß der eine denselben 
Wert hat wie der andere und wie die Gegenstände, 
um die er sich so abmüht! (3) 

Beim Reden muß man auf die Ausdrücke, beim 
Handeln auf die Erfolge achten. Bei diesem 
muß man sogleich zusehen, auf welchen Zweck es 
hinzielt, bei jenem prüfen, welchen Sinn die Worte 
haben. (4) 

Reicht mein Verstand zu diesem Geschäft aus oder 
nicht? Reicht er aus, so verwende ich ihn dazu 
als ein mir von der Allnatur verliehenes Werkzeug. 
Reicht er nicht aus, so überlasse ich die Ausführung 
des Geschäftes dem, der es besser fertig bringt, wenn 
es anders nicht zu meinen Pflichten gehört; oder ich 
vollbringe es nach besten Kräften und bediene mich 
dabei der Hilfe eines andern, der, von meiner Geistes- 
kraft unterstützt, vollbringen kann, was dem all- 
gemeinen Besten gerade jetzt dienlich und nützlich 
ist. Denn was ich auch durch eigene Kraft oder mit 
Hilfe eines andern vollende, es soll immer nur 
das allgemeine Beste und Ersprießliche zum Ziel 
haben. (5) 

Wie viele Weitbesungene sind nicht schon der 
Vergessenheit überiieferti Und wie viele, die 
jene besungen haben, sind schon längst hinweg- 
geräumt! (6) 

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Schäme dich nicht, dir helfen zu lassen; denn dir 
ist, wie dem Krieger beim Sturmlaufen, nur vor- 
geschrieben, deine Pflicht zu tun. Wie nun, wenn 
du deines lahmen Fußes wegen allein die Schanie 
nicht ersteigen kannst, wohl aber mit Hilfe eines 
andern! (7) 

Was in Zukunft sein wird, laß dich nicht anfechten. 
Wirst du es ja doch, wenn es bestimmt ist, einst 
erleben, begabt mit derselben Vernunft, die dir jetzt 
in der Gegenwart Dienste leistet. (8) 

Alles ist ineinander verflochten wie durch ein 
heiliges Band, und beinahe nichts ist dem andern 
fremd. Eines ist dem andern beigeordnet und dient 
zur Harmonie derselben Welt. Denn eine Welt ist 
vorhanden, aus allem zusammengesetzt, eine Gottheit, 
alles durchwaltend, ein Urstoff, ein Gesetz, eine 
Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemeinsam und 
eine Wahrheit, alles unter der Voraussetzung, daß 
es auch eine Vollkommenheit für all diese ver- 
wandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen 
gibt. (9) 

Alles Stoffliche verschwindet schnell wieder im Ur- 
stoff des Ganzen, und jede wirkende Kraft wird 
schnell wieder in die Vernunft des Ganzen aufge- 
nommen. Und ebenso schnell fließt die Erinnerung 
an alles dahin ins Grab des ewigen Zeitlaufes. (10) 

Für ein vernünftiges Wesen ist eine natüriiche Hand- 
lung auch eine vernünftige Handlung. (11) 
Entweder stehst du von selbst aufrecht oder mußt 
dich aufrecht halten lassen. (12) 
Wie bei einem vereinten Körperganzen die Organe, 
so verhalten sich trotz ihrer Trennung die 

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einzelnen vernünftigen Wesen zueinander: sie sind 
zum Zusammenwirken eingerichtet. Diese Einsicht 
wird um so größeren Eindruck auf dich machen, wenn 
du oft zu dir sagst: ich bin ein Organ der Gesamt- 
heit von Vemunftwesen; erklärst du dich aber nur 
für einen Teil des Ganzen, so liebst du die Men- 
schen noch nicht von Herzen, so erfreut dich das 
Wohltun noch nicht aus reiner Oberzeugung. Du 
übst es bloß, weil es die Sitte so will, aber noch 
nicht, weil es dir selbst ein Bedürfnis ist. (13) 

Mag^ was will, die Teile, die äußeren Einflüssen 
zugänglich sind, treffen, diese Teile mögen, 
wenn sie wollen, darüber murren; ich aber habe, so 
lange ich das Begegnis nicht für ein Obel halte, noch 
nicht darunter gelitten; und ich muß es ja nicht dafür 
halten 1 (14) 

Was auch einer tun oder sagen mag, ich muß 
jedenfalls rechtschaffen sein. So könnte auch 
das Gold oder der Smaragd stets sagen: was auch 
einer tun oder sagen mag, ich muß ein Smaragd 
sein und meine Farben behalten. (15) 

Die gebietende Vernunft beunruhigt sich selbst 
nicht, sie stürzt sich z. B. nicht in Furcht noch 
in Schmerz; wenn aber ein anderer ihr Furcht oder 
Traurigkeit einflößen kann, so mag er es tun; sie 
selbst wird sich durch ihr Urteil in keine solche Ge- 
mütsbewegung versetzen. Daß aber der Körper nichts 
leide, dafür mag er selbst sorgen, wenn er kann, und 
es sagen, wenn er leidet. Die Seele aber, der eigent- 
liche Sitz der Furcht, der Traurigkeit und der dahin 
gehörenden Vorstellungen wird wohl nicht, wenn sie 
sich nicht selbst zu deriei Urteilen verführt, leiden. 

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Denn die herrschende Vernunft ist an und für sich 
bedürfnislos, wenn sie sich nicht selbst Bedürfnisse 
schafft. Eben darum kennt sie auch weder Unruhen 
noch Hindemisse, wenn sie sich selbst nicht beun- 
ruhigt und hindert (16) 
Glücklich sein, heißt einen guten Genius haben 
oder gut sein. Was machst du also hier, Ein- 
bildung? Hebe dich hinweg, bei den Göttern, wie 
du gekommen bist; ich brauche dich nicht. Du bist 
gekommen nach deiner alten Gewohnheit Ich zürne 
dir nicht; nur geh wieder! (17) 

Du fürchtest dich vor der Verwandlung? Was kann 
denn ohne Verwandlung werden? Was ist also 
der Allnatur lieber oder angemessener? Kannst du 
selbst auch nur ein Bad nehmen, ohne daß das Holz 
sich verändert, kannst du Nahrung genießen, ohne 
daß die Speisen sich verwandeln? Oder kann irgend 
etwas anderes Nützliches ohne Verwandlung zur Voll- 
kommenheit gelangen? Siehst du also nicht ein, daß 
es mft deiner eigenen Verwandlung sich gerade so 
verhält, und daß sie für die Ällnatur gerade so not- 
wendig ist? (18) 
Durch den Stoff der Welt, wie durch einen reißen- 
den Strom eilen alle Körper dahin und sind wie 
die Teile unseres Leibes untereinander mit dem Ganzen 
innig verbunden und zusammenwirkend. Wieviel 
Männer wie Chrysipp, wie Sokrates, wie Epiktet hat 
nicht schon der Zeiten Lauf verschlungen. Diesen 
Gedanken vergegenwärtige dir beim Anblick jedes 
Menschen und jedes Dinges. (19) 

Eins nur ist mein Bestreben, daß ich für meine 
Person nichts tue, was die natürliche Einrichtung 



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des Menschen überhaupt nicht will oder nicht so oder 
nicht gerade im jetzigen Augenblick. (20) 

Bald wirst du alles vergessen haben, und bald 
werden auch dich alle vergessen haben. (21) 
Es ist dem Menschen eigentümlich, auch die, welche 
sich verfehlen, zu lieben. Dieser Zustand tritt 
ein, wenn es dir klar wird, daß die Menschen mit 
dir eines Geschlechtes sind, dafi sie aus Unwissen- 
heit und gegen ihren Willen fehlen und daß ihr beide 
nach kurzer Zeit tot sein werdet, vor allem aber, 
daß dein Widersacher dich nicht beschädigt hat; denn 
er hat die in dir gebietende Vernunft nicht schlimmer 
gemacht, als sie vorher war. (22) 

Die Allnatur bildet aus dem Gesamtstoff der Welt, 
wie der Künstler aus Wachs, bald ein Pferd, 
bald schmilzt sie es wieder ein und verwendet 
seinen Stoff mit, um einen Baum, dann ein Kind, 
dann wieder ein anderes Wesen hervorzubringen* 
Jedes derselben besteht nur sehr kurze Zeit. Es ist 
aber doch nichts Schreckliches für ein Kistchen, ob 
es zusammengenagelt oder wieder auseinandergelegt 
ist. (23) 

Ein zorniges Gesicht ist etwas sehr Unnatürliches; 
Wenn die Sanftmut im Innern erstirbt, erlischt 
auch die freundliche Miene ganz, so daß sie gar nicht 
wieder aufgeheitert werden kann. Schon durch diese 
Erwägung versuche dir klar zu machen, daß der Zorn 
vernunftwidrig ist Denn wenn einmal für uns das 
Bewußtsein unserer Fehler geschwunden ist, was haben 
wir dann noch für einen Grund zum Weiterleben? (24) 

Alles, was du siehst, wird die allwaltende Natur 
gar bald verwandeln und aus diesem Stoff anderes 

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schaffen und wiederum anderes aus demselben Stoff, 
damit die Welt immer verjüngt sei. (25) 

Hat jemand in etwas gegen dich gefehlt, so er- 
wäge sogleich, welche Ansicht über Gut und 
Böse ihn zu diesem Vergehen bestimmt habe. Denn 
sobald dir dies klar ist, wirst du ihn nur bemitleiden, 
dich aber weder verwundem noch erzürnen; denn 
entweder hast du über Gut und Böse dieselbe An- 
sicht wie er, oder doch eine ähnliche, dann mußt du 
verzeihen; oder du hast über Gut und Böse nicht 
dieselben Ansichten wie er, in diesem Fall wird dir 
das Wohlwollen gegen den Irrenden umso leichter 
sein. (26) 

Denke nicht an das, was dir fehlt, sondern an das, 
was jetzt noch für dich da ist, und wähle dir 
unter den vorhandenen Gütern die annehmbarsten 
aus und erinnere dich daran, mit welcher Anstrengung 
du sie suchen würdest, wenn sie nicht vorhanden 
wären; aber hüte dich zugleich, daß dieses Wohl- 
gefallen daran dich nicht an ihre Oberschätzung ge- 
wöhne, sonst müßte ihr einstiger Verlust dich nur 
beunruhigen. (27) 

In dich selbst ziehe dich zurück! Die in uns ge- 
bietende Vernunft ist ja von der Natur, daß sie 
im Rechttun Heiterkeit und Selbstzufriedenheit fin- 
det. (28) 
Mache den Einbildungen ein Ende. Hemme den 
Zug der Leidenschaften. Behalte die Gegen- 
wart in deiner Gewalt. Durchschaue das, was dir 
oder einem andern begegnet. Trenne und zerlege 
jeden Gegenstand in seine Urkraft und seinen Stoff. 
Denke an deine letzte Stunde. Die Fehler, die 



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andere begehen, lafi da, wo sie begangen worden 
sind. (29) 

Richte deine ganze Aufmerksamkeit auf das, was 
gesprochen wird; versenke deinen Geist in die 
Betrachtung derBegebenheiten und ihrerUrsachen. (30) 

Dein Schmuck sei Einfalt, Bescheidenheit und 
Gleichgültigkeit gegen alles, was zwischen 
Tugend und Bosheit in der Mitte liegt. Liebe das 
Menschengeschlecht, folge der Gottheit. Alles ge- 
setzlich! sagt jener Dichter, und wenn auch keine 
Götter wären, sondern nur Grundstoffe, so muß man 
doch bedenken, daß alles mit sehr geringen Aus- 
nahmen gesetzlich geschieht. (31) 
Vom Tode: entweder Zerstreuung, nämlich Auf- 
lösung in die Atome oder Vernichtung, oder ein 
Auslöschen oder ein Obergang. (32) 

Vom Schmerz: ist er unerträglich, so führt er aus 
dem Dasein hinaus, dauert er fort, so läßt er 
sich tragen. Und die denkende Seele in uns bewahrt 
durch Sammlung in sich selbst dabei ihre Heiterkeit, 
und die gebietende Vernunft erleidet so keinen Schaden. 
Die vom Schmerz beschädigten Teile aber mögen, 
wenn sie können, sich darüber äußern. (33) 

Vom Ruhm: betrachte die Gesinnungen der Ruhm- 
süchtigen, wie sie sind, und was sie meiden 
und was sie suchen. Denke femer daran, daß, wie 
die früheren Sandhügel verdeckt werden, wenn neuer 
Sand über sie hergetrieben wird, so auch im Leben 
das Frühere vom Nachfolgenden gar bald bedeckt 
wird. (34) 

Aus Piaton: „Wem ausgezeichnete Denkkraft und 
Einsicht in jede Zeit und jedes Wesen zu Oe- 

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böte steht, glaubst du, dafi der das Menschenleben 
für etwas Großes hält?« — „Unmöglich!« — „Also 
wird ein solcher auch den Tod nicht als etwas 
Fürchterliches betrachten?« „Gewiß nicht« (35) 

Ein Wort des Antisthenes: „Königlich ist es, wohl 
zu tun, und Schmähungen ruhig über sich ergehen 
zu lassen." (36) 

Schmachvoll ist es, wenn unser Angesicht, dem 
Verstand gehorsam, nach seinen Befehlen sich 
formen und zieren läßt, der Verstand selbst aber nicht 
durch seinen eigenen Willen geformt und geordnet 
wird. (37) 

Der Außenwelt soll man durchaus nicht zürnen; 
sie kümmert sich um nichts. (38) 

Den unsterblichen Göttern und uns verleihe Ent- 
zücken! (39) 
Das Leben ernte, wie fruchtreiche Ähren, die eine 
reift, die andere welkt schon hin. (40) 
Werd' ich samt Kind verlassen von den Göttern. 
Auch das hat seinen Grund. (41) 
.as Gute und das Rechte ist mit mir, (42) 



D' 



Nicht jammern mit den anderen, nicht mit ihnen 
aufjubeln! (43) 

Platonische Aussprüche: „Diesem würde ich mit 
Recht antworten: du urteilst unrichtig, o Mensch, 
wenn du meinst, daß ein Mann, der auch nur 
einigen Wert hat, in der Wahl zwischen Leben 
und Sterben die Gefahr scheuen und nicht vielmehr 
das nur erwägen soll, ob, was er tue, recht oder 
unrecht und die Tat eines Guten oder Schlechten 
sei.« (44) 



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Ja, ihr Männer von Athen, so verhält es sich in der 
Tat Den Posten, aufweichen einer, in der Meinung, 
dafi es der beste sei, sich selbst gestellt hat oder 
von seinem Feldherm gestellt worden ist, muß er, 
dünkt mich, auch in Gefahr behaupten und dabei alles, 
selbst den Tod verachten, nur die Schande nicht." (45) 

Sieh doch genau zu, mein Freund, ob das Edle 
und Gute nicht in etwas anderem bestehe, als in 
Erhaltung eines fremden oder des eigenen Lebens. 
Denn wer in Wahrheit ein Mann ist, der soll nicht 
wünschen, so oder so lange zu leben, noch mit feiger 
Liebe am Leben hängen, sondern die Bestimmung 
hierüber Gott überlassen und glauben, was selbst die 
Weiber wissen, daß auch nicht einer seinem Schick- 
sal entrinnen kann. Nur der eine Gedanke beschäftigt 
ihn, wie er die ihm noch beschiedene Lebenszeit so 
gut als möglich durchlebe." (46) 

Betrachte den Umlauf der Gestirne, als wenn dein 
Leben mit ihnen umliefe, und erwäge beständig 
die wechselnden Übergänge der Grundstoffe inein- 
ander. Denn solche Vorstellungen reinigen dich vom 
Schmutz des Erdenlebens. (47) 

Schön ist der Ausspruch Piatons: „Wer über Men- 
schen reden will, der muß, wie von einem höheren 
Standpunkt aus, auch ihre irdischen Verhältnisse ins 
Auge fassen, ihre Versammlungen, Kriegszüge, Feld- 
arbeiten, Heiraten, Friedensschlüsse, Geburten, Todes- 
fälle, lärmenden Gerichtsverhandlungen, verödete 
Landesteile, die buntgemischten fremden Völker- 
schaften, ihre Feste, Totenklagen, Jahrmärkte, dieses 
Gemenge und diese Zusammensetzung aus den 
fremdartigsten Bestandteilen." (48) 

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Lafi die Vergangenheit an dir vorüberziehen, den 
häufigen Wechsel so vieler Reiche; daraus kannst 
du auch die Zukunft vorhersehen! Denn sie wird 
dem Gewesenen ganz ähnlich sein und kann unmög* 
lieh von der Regel der Gegenwart abweichen. Darum 
ist es auch einerlei, ob du das Menschenleben vierzig 
oder zehntausend Jahre lang erforschst. Denn was 
würdest du mehr sehen? (49) 

Was aus der Erde stammt, muß wieder Erde werden, 
Doch was des Äthers Saat entkeimte, kehrt zurück 
Zum Himmel wieder . . ." 

mit andern Worten: es ist eine Auflösung der in- 
einander verflochtenen Atome oder eine Art Zer- 
streuung der empfindungslosen Grundstoffe. (50) 
Durch Essen, Trinken und durch Zaubermittel 
Sind wir bemüht, das Todesschicksal abzu- 
wenden . . • 
Doch müssen wir den Hauch, der von der Gottheit 

weht, 
Sei's auch mit vielem Leid, hinnehmen ohne Klage." (51) 

Mag jemand immerhin kämpf geübter sein als du! 
Nur sei er nicht menschenliebender, nicht an- 
spruchsloser, nicht mehr gefafit allen Ereignissen 
gegenüber, nicht nachsichtiger gegen die Verirrungen 
seiner Nebenmenschen! (52) 

Wo etwas im Einklang mit der den Göttern und 
Menschen gemeinsamen Vernunft getan werden 
kann, da kann keine Gefahr sein; denn wo die Mög- 
lichkeit besteht, etwas Nützliches zu schaffen in glück- 
lich fortschreitender, unseren Anlagen nicht wider- 
sprechender Tätigkeit, da braucht man keinen Schaden 
zu befürchten. (53) 



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U** berall und jederzeit ist es in deiner Macht, in 
deiner gegenwärtigen Lage gottergebene Zu- 
friedenheit zu beweisen, gegen deine Mitmenschen 
Gerechtigkeit walten zu lassen, und deinen augen- 
blicklichen Vorstellungskreis sorgfältig zu prüfen, da- 
mit sich nichts Unbegreifliches einschleiche. (54) 
Sieh dich nicht nach den leitenden Grundsätzen 
anderer um, sondern schaue vielmehr unverwandten 
Blickes auf das Ziel, worauf die Natur dich hinführt, 
sowohl die Allnatur durch das, was dir zustößt, als 
deine eigene durch das, was sie von dir verlangt. 
Jeder aber hat zu leisten, was eine Folge seiner An- 
lagen ist. Nun sind at)er die übrigen Wesen der 
vernünftigen halber hervorgebracht, sowie überhaupt 
das Niedere um des Höheren willen, die Vemunft- 
wesen aber sind füreinander da. Von den Anlagen 
des Menschen ist die erste sein Trieb zur Gesellig- 
keit, die zweite aber seine Überiegenheit über die 
Verlockungen der Sinne. Denn der vernünftigen und 
verständigen Tätigkeitskraft ist es eigen, sich selbst 
zu beschränken und weder den Anforderungen der 
Sinne noch der Triebe je zu unteriiegen. Beide sind 
ja tierisch. Die Vemunftkraft aber will den Vorrang 
haben und sich nicht von jenen meistern lassen, und 
das mit Recht; denn dazu ist sie von Natur da, jene 
überall ihren Zwecken dienstbar zu machen. Der 
dritte Vorzug in den Anlagen eines vernünftigen 
Wesens besteht darin, nicht blindlings beizupflichten, 
noch sich täuschen zu lassen. Mit diesen Eigen- 
schaften ausgestattet, wandle die gebietende Ver- 
nunft ihren geraden Weg, und sie hat, was ihr ge- 
bührt (55) 



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Wie wenn du schon gestorben wärest und nicht 
länger leben solltest, mußt du die Zeit, die dir 
wie aus dem Überfluß geschenkt ist, im Einklang 
mit der Natur durchleben. (56) 

Liebe, was dir widerfährt und zugemessen ist; denn 
was steht mehr im Einklang mit deiner Natur? (57) 
Bei allen deinen Erlebnissen habe die vor Augen, 
die gleiches erlebten und sich sofort darüber 
beschwerten, es mit Befremden aufnahmen, darüber 
klagten; und jetzt, wo sind sie? Nirgends. Und du 
willst es gerade so machen? und nicht vielmehr der- 
gleichen fremdartige Gemütsbewegungen denen über- 
lassen, die auf diese Weise sich und andere aufregen, 
dich selbst aber nur damit beschäftigen, wie du diese 
Erlebnisse benützen kannst? Denn du kannst sie sehr 
gut benutzen, und sie werden dir einen trefflichen 
Stoff bieten: du mußt nur aufmerksam sein und bei 
all deinem Tun den Willen haben, vor dir selber 
rechtschaffen zu erscheinen. Denke immer an diese 
beiden Sätze, sonst ist dein Tun zwecklos. (58) 

Blicke in dein Inneres! Da ist die Quelle des 
Guten; sie wird immer sprudeln, wenn du nur 
immer nachgräbst! (59) 

Es muß auch der Körper eine feste Haltung haben 
und darf weder in der Bewegung noch in der 
Ruhe sich gehen lassen. Denn wie deine Seele 
sich in deinen Mienen verrät und Nachdenken und 
Ehrbarkeit darin sich zeigen, so läßt sich Ähnliches 
vom ganzen Körper fordern. Nur muß das alles auf 
ungekünstelte Weise beobachtet werden. (60) 

Die Lebenskunst hat mit der Fechtkunst mehr Ähn- 
lichkeit als mit der Tanzkunst ^ weil man auch 



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auf unvorhergesehene Streiche gerüstet sein und un- 
erschütterlich fest stehen muß. (61) 
Mache dir beständig klar, wer die sind, nach deren 
Anerkennung dich verlangt, und welche Grund- 
sätze sie haben. Denn dann wirst du weder über 
ihre unvorsätzlichen Fehler zürnen, noch ihre An- 
erkennung verlangen, wenn du einen Blick in die 
Quellen ihrer Meinungen und Triebe getan hast. (62) 

Jede Seele*, sagt Piaton, „wird nur gegen ihren 
Willen der Wahrheit beraubt. Ebenso auch der Ge- 
rechtigkeit, der Selbstbeherrschung, des Wohlwollens 
und jeder anderen Tugend. Es ist aber sehr nötig, 
daran immer zu denken, denn man wird so milder 
gegen jedermann." (63) 

Bei jedem Schmerz sei dir der Gedanke gegen- 
wärtig, daß er nichts Entehrendes sei, noch auch 
die leitende Denkkraft in dir schlechter mache; denn 
diese kann weder an und für sich, ihrem Wesen nach, 
noch in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft betrachtet, 
zerrüttet werden. Doch möge dich bei den meisten 
schmerzlichen Empfindungen der Ausspruch Epikurs 
stärken, daß sie ebensowenig unerträglich, als von 
ewiger Dauer sind,, wofern du sie nicht durch Einbildung 
vergrößerst und bedenkst, daß alles seine Grenzen 
hat. Erinnere dich aber auch dessen, daß manches, 
was mit dem Schmerz einerlei ist, in uns, ohne daß 
wir's bemerken, Unlust erregt, wie Schläfrigkeit, Er- 
hitzung und Appetitlosigkeit. So oft dich nun etwas 
der Art in schlechte Stimmung bringen will, sage zu 
dir selbst: du erliegst ja dem Schmerz. (64) 

Hüte dich, selbst gegen Unmenschen ebenso zu 
handeln, wie sie gegen andere Menschen tun. (65) 

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Woher wissen wir, ob nicht Telauges ^ einen edleren 
Charakter besafi als Sokrates? Denn hier ist 
es nicht damit getan, daß Sokrates auf ruhmvollere 
Art starb, daß er in seinen Unterredungen mit den 
Sophisten mehr Geist entwickelte, daß er mit mehr 
Geduld die Nacht unter eiskaltem Himmel verbrachte, 
daß er dem Befehl,den Salaminier^) zu holen, sich mit 
noch größerer Seelenstärke widersetzte, daß er, was 
man, selbst wenn es wahr wäre, kaum glauben kann, 
auf den Straßen stolz einherschritt. Man muß da- 
gegen folgende Fragen stellen: wie war Sokrates' 
Seele beschaffen? Gentigte ihm die Gerechtigkeit 
gegen die Menschen und die Frömmigkeit gegen 
die Götter? Hat er sich nie grundlos über die 
Schlechtigkeit anderer geärgert, nie ihrer Unwissenheit 
nachgegeben? Hat er die Schicksale, die ihm vom 
Weltganzen bestimmt waren, nie mit Befremden auf- 
genommen oder sich unter sie nur wie unter ein un- 
erträgliches Joch gebeugt? War nie seine Vernunft 
Genossin der Leiden des armseligen Fleisches? (66) 

Die Natur hat dich nicht in dem Grade mit der 
Körpermasse zusammengeschweißt, daß du dich 
nicht auf dich selbst beschränken und deine Pflicht 
mit ungehinderter Freiheit tun könntest. Denn man 
kann recht wohl ein göttlicher Mensch sein, ohne 
von jemandem dafür erkannt zu werden. Daran denke 
immer und vergiß auch nie, daß zur Glückseligkeit 
nur sehr wenig nötig ist; und wenn du auch die* 
Hoffnung aufgeben mußtest, es in Dialektik und Natur- 
philosophie weit zu bringen, so darfst du doch nicht 
darauf verzichten, ein freigesinnter, bescheidener, gesel- 
liger und derGottheit ergebener Mensch zu werden. (67) 



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Ohne Anfechtung kannst du in höchster Seelen- 
ruhe leben, wenn auch alle Menschen nach 
Herzenslust ein Geschrei wider dich erheben und 
wenn auch wilde Tiere die schwachen Glieder deiner 
Körperhülle zerfleischen sollten. Denn was hindert 
dich trotz alledem, deiner Seele die Heiterkeit, ein 
richtiges Urteil über die Welt und eine erfolgreiche 
Benützung der ihr gebotenen Gelegenheiten zu be- 
wahren? Dann sagt das Urteil zum Ereignis: das ist 
dein Wesen, wenn du auch äußerlich anders scheinst; 
und die Benützung sagt zur Gelegenheit: gerade dich 
hab ich gesucht, denn immer bietet mir die Gegen- 
wart Stoff zur Betätigung einer vernünftigen und 
bürgerlichen Tüchtigkeit, überhaupt einer Kunst, die 
eines Menschen, die eines Gottes würdig ist. Denn 
alles, was dich trifft, steht mit der Gottheit oder dem 
Menschen in einem gewissen Verwandtschaftsverhält- 
nis und ist mithin nichts Unerhörtes oder schwer zu Be- 
handelndes, sondern etwas Bekanntes und Leichtes. (68) 
Es zeugt von sittlicher Vollkommenheit, wenn man 
jeden Tag, als wäre er der letzte, verlebt, ohne 
Aufwallung, ohne Ermattung, ohne Falsch. (69) 

Die Götter sind nicht unwillig darüber, daß sie, 
die Unsterblichen, eine Ewigkeit lang eine so 
große Menge schlechter Menschen ertragen müssen, 
im Gegenteil, sie sorgen für sie auf alle mögliche 
Weise! Und du, dessen Ende nicht mehr weit ist, 
und der selber zu den Bösen gehört, wolltest er- 
müden? (70) 
Lächerlich ist es, die eigene Schlechtigkeit nicht 
meiden zu wollen, was doch möglich, dagegen 
die Schlechtigkeit anderer, was unmöglich ist! (71) 

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Was die vernünftige und zu bürgerlicher Tüchtig- 
keit berufene Tatkraft nicht vernünftig oder ge- 
meinnützig findet, hält sie mit Recht unter ihrer 
Würde. (72) 

Hast du eine Wohltat erwiesen und hat ein anderer 
deine Wohltat empfangen, was suchst du, wie 
die Dummen, noch ein drittes, nämlich den Ruhm 
des Wohltäters oder eine Gegenleistung? (73) 

Niemand ermüdet, wenn er seinen Nutzen sucht; 
Nutzen aber gewährt eine Tätigkeit im Einklang 
mit der Natur. Werde drum nie müde, deinen Nutzen 
zu suchen, indem du andern nützest! (74) 

Die Allnatur fühlte den Drang zur Weltschöpfung; 
darum ist alles Geschehen eine notwendige 
Folge des Weltplanes, oder es ist auch das Größte, 
dessen Verwirklichung die weltbeherrschende Vernunft 
anstrebt, grundlos vorhanden. Oft wird dir dieser 
Gedanke Seelenruhe geben können. (75) 




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Auch das kann dich vor eitler Ruhmbegierde be- 
wahren, daß du nicht dein ganzes Leben, zumal 
nicht von Jugend auf, als Philosoph hast verbringen 
können, sondern vielen andern und nicht zuletzt dir 
selbst als ein Mensch erschienen bist, der mit Philo- 
sophie wenig zu tun hati Es entstand mithin eine 
Unordnung in deinem Denken; und es ist jetzt recht 
schwierig für dich, den Ruhm eines Philosophen zu 
erwerben. Auch deine Lebensstellung tritt dir dabei 
entgegen. Wenn du nun wirklich eingesehen hast, 
worin das Wesentliche besteht, so laß ab von allem 
Dünkel, begnüge dich, deinen Lebensabend im Ein- 
klang mit der Natur zu verbringen. Erwäge ihre 
Anforderungen und laß dich durch nichts davon ab- 
bringen. Du hast ja allerlei versucht, bist unter vielen 
Gegenständen umhergeirrt und hast nirgends das 
Glück des Lebens gefunden. Nicht in Vemunft- 
schlüssen, nicht im Reichtum, nicht im Ruhm, nicht 
im Sinnesgenuß, nirgends. Wo ist es denn nun 
eigentlich? Da, wo man tut, was die Menschennatur 
verlangt. Aber wie läßt sich das tun? Wenn man 
Grundsätze besitzt, denen alle unsere Bestrebungen 

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und Handlungen entspringen. Was für Grundsätze? 
Grundsätze über Güter und Übel, nach denen nichts 
für den Menschen ein Gut ist, was ihn nicht gerecht, 
weise, mannhaft, freigesinnt macht, und nichts ein 
Übel, was nicht das Gegenteil von dem Gesagten 
bewirkt. (1) 

Bei all deinem Tun frage dich selbst: in welchem 
Verhältnis zu mir steht diese Handlung? Werde 
ich sie bereuen müssen? Über ein kleines und ich 
bin tot, und alles ist aus. Was verlange ich denn 
mehr, wenn meine gegenwärtige Handlungsweise 
der eines vernünftigen und geselligen Wesens ent- 
spricht, das mit der Gottheit unter gleichen Gesetzen 
steht? (2) 

Alexander, Caius und Pompeius, was sind sie, 
verglichen mit einem Diogenes, Heraklit und 
Sokrates? Diese erkannten die Dinge, ihre Ursachen 
und Bestandteile und bewahrten sich ihre Seelen- 
ruhe; bei jenen aber, welche Besorgnis vor so 
vielem und welch knechtische Abhängigkeit von so 
vielem! (3) 

Und wenn du darüber bersten solltest, sie werden 
immer gleich handeln. (4) 

Vor allem lafi dich nicht beunruhigen! Alles steht 
ja im Einklang mit der Allnatur; eine kurze 
Spanne Zeit — und du bist nirgends mehr, so wenig 
wie Hadrian und Augustus. Sodann fasse deine 
Lebensaufgabe unverwandten Blicks ins Auge und 
bedenke, daß du ein guter Mensch sein sollst, und 
tue unentwegt, was die Natur des Menschen von dir 
fordert, und rede nur, was dir durchaus gerecht scheint; 
sei bescheiden, ruhig und ohne Heuchelei! (5) 



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Die Allnatur arbeitet immer daran, die vorhandenen 
Dinge von einer Stelle an die andere zu ver- 
setzen, sie umzuwandeln, sie von hier wegzuräumen 
und dorthin zu verpflanzen. Oberall Wechsel und 
doch nirgends etwas Neues; alles gewöhnlich, aber 
auch überall die gleichen Gesetze. (6) 

Jedes Wesen ist zufrieden, wenn es ihm wohl geht 
Einem Vemunftwesen aber geht es wohl, wenn 
es unter seine Vorstellungen nichts Unwahres, Un- 
klares aufnimmt, seinen Willen nur auf gemeinnützige 
Handlungen richtet, seine Neigungen und Abnei- 
gungen nur auf das lenkt, was in unserer Macht 
steht, und was uns die Allnatur zuteilt, mit Freuden 
annimmt. Denn ein Vemunftwesen ist doch ein Teil 
von ihr, wie das Blatt ein Teil der Pflanze ist, nur 
mit dem Unterschied, daß das Blatt ein Teil einer 
empfindungslosen, vemunftleeren, Hindernissen unter- 
worfenen Natur ist, dagegen die Menschennatur ein 
Teil einer über alle Hindemisse erhabenen, ver- 
nünftigen und gerechten Natur, insofern sie jedem 
Wesen, seinem Werte entsprechend, gleichen Anteil 
an Dauer, Stoff, Ursächlichkeit, Wirksamkeit, Begeg- 
nissen verleiht. Um das zu erkennen, vergleiche nicht 
die einzelnen Eigenschaften der Wesen miteinander, 
sondern die Gesamtheit aller Eigenschaften der einen 
mit der Gesamtheit der Eigenschaften eines andem. (7) 

Zum Studieren hast du keine Zeit. Aber du hast 
Zeit, deinen Hochmut zu bekämpfen, Lust und 
Schmerz zu bemeistem, über eitle Ruhmsucht dich 
erhaben zu zeigen, gefühllosen und undankbaren 
Menschen nicht zu zürnen, ja noch mehr, dich ihrer 
anzunehmen! (8) 

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Niemand soll von dir eine Beschwertle At)er-da6 Hot-- 
leben oder über dein eigenes Löbeft^-hÖfetit (ö)* 
Die Reue ist eine Art Angriff ojiT sich: scliTst;.iy]Bil- 
man sich etwas Nützliches haV'eri^jehen Ikäseh; 
das Gute aber ist notwendig nützlich, und darum 
mufi der gute und edle Mann sich um das Gute 
kümmern; dagegen hat es ein guter und edler Mann 
wohl noch nie bereut, daß er sich ein Vergnügen 
hat entgehen lassen. Es ist also das Vergnügen 
weder etwas Nützliches noch ein Gut. (10) 

Dieser Gegenstand hier, was ist er seinem Wesen 
und seiner Beschaffenheit nach? Was ist er 
seinem Stoff nach? Worin besteht seine wirkende 
Kraft? Was tut er in der Welt und wie lange be- 
steht er? (11) 
Wenn du ungern vom Schlaf erwachst, denke 
daran, daß die Ausübung gemeinnütziger Hand- 
lungen sowohl deinen Anlagen als der Menschennatur 
entspricht, daß du das Schlafen aber sogar mit den 
vemunftlosen Tieren gemein hast; was aber der Natur 
eines jeden Wesens entspricht, ist demselben auch 
mehr verwandt, mehr angemessen, ja sogar an- 
genehmer. (12) 
Ohne Unterlaß und womöglich bei jeder Vor- 
stellung wende die Lehren der Physik, Ethik 
und Dialektik an. (13) 

Mit wem du auch verkehrst, frage dich sogleich: 
welche Ansichten hat dieser Mensch über Gut 
und Böse? Denn, je nach den Ansichten, die er über 
Lust und Schmerz und die Ursachen beider, über 
Ehre und Unehre, über Tod und Leben hegt, kann 
es mich nicht wundem noch befremden, wenn er so 



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.Ojder so/JipiKtelt; und ich will denken, daß er ge- 
'"«wungeYi iäf,-s^o-'^zu handeln. (14) 

:jt:;yiei€iß*nich\ d^ß es ebenso töricht ist, sein Be- 
' • V 'fremderf ^däirüber zu äußern, daß die Welt das 
hervorbringt, wozu sie die Keime in sich trägt, als 
darüber, daß der Feigenbaum Feigen hervorbringt; 
wie töricht wäre doch auch ein Arzt und ein Steuer- 
mann, wollte jener über einen Fieberkranken, dieser 
über einen ungünstigen Fahrwind sein Befremden 
äußern. (15) 

Bedenke, daß du deine innere Freiheit bewahrst, 
ob du nun selbst deine Meinung änderst oder 
dem, der sie berichtigt, nachgibst Denn auch dann 
vollzieht sich deine Tätigkeit nach deinem Willen 
und Urteil, ja sogar nach deiner Absicht. (16) 

Kannst du es anders machen, warum tust du's? 
Hängt es aber von einem andern ab, wem machst 
du Vorwürfe? Den Atomen oder den Göttern? Beides 
wäre verrückt. Hier ist niemand anzuklagen, denn, 
kannst du es, so bessere den, der es tat; kannst 
du es aber nicht, so bessere wenigstens die Sache 
selbst; kannst du aber auch das nicht, wozu 
dann die Anklagen? Denn zwecklos muß man nie 
handeln. (17) 

Was stirbt, kommt darum noch nicht aus der Welt 
Wenn es also hier bleibt, so verwandelt es sich 
auch hier und löst sich in seine Grundstoffe auf, die 
es mit der Welt und mit dir gemein hat Ver- 
wandeln sich doch auch die Elemente, ohne zu 
murren. (18) 

Jedes Wesen, z. B. ein Pferd oder eine Rebe, ist zu 
irgend einem Zweck in der Welt. Was wunderst 

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du dich da? Auch Helios wird dir sagen: „Ich erfülle 
einen bestimmten Zweck", und ebenso die übrigen 
Götter. Was ist nun dein Zweck? Etwa das Leben 
für sinnliche Genüsse? Oberlege dir doch genau, ob 
vernünftiges Nachdenken das gestattet. (19) 

Die Natur berücksichtigt jedes Wesen, und zwar 
ebensosehr sein Ende wie seinen Anfang und 
seine Dauer; gerade wie der, der einen Ball in die 
Höhe wirft, ihn nicht aus dem Auge läßt. Was soll 
nun dem Ball Gutes widerfahren, wenn er empor- 
geworfen wird, was Schlechtes, wenn er hinabfährt 
oder zu Boden fälK? Was für eine Wohltat der 
Wasserblase, solange sie zusammenhält, was für ein 
-Leid, wenn sie zerplatzt? Ähnliches ließe sich auch 
über das Licht sagen. (20) 

Kehre einmal das Innere deines Leibes nach außen 
und schau, wie er inwendig beschaffen ist und 
was aus ihm werden wird, wenn Alter, Krankheit und 
Ausschweifung ihn aufreiben. Kurz lebt, wer lobt 
und wer gelobt wird, wer eines andern gedenkt und 
der, dessen gedacht wird. Außerdem geschieht es 
ja nur in einem kleinen Winkel dieses Erdstrichs, und 
selbst hier stimmen nicht alle miteinander, ja nicht 
einmal der einzelne stimmt mit sich selbst überein, 
und die ganze Erde ist nur ein Punkt. (21) 

Richte deine ganze Aufmerksamkeit immer auf das 
Gegenwärtige, sei's eine Ansicht, eine Handlung 
oder ein Ausdruck; sonst geschieht dir ganz recht. 
Du willst lieber erst morgen gut werden, als es heute 
schon sein. (22) 

All meine Handlungen geschehen mft Rücksicht 
auf Menschenwohlfahrt, all meine Erlebnisse 



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nehme ich hin als von den Göttern und dem all- 
gemeinen Urquell kommend, von dem alles, was 
geschieht, eng verbunden herfließt. (23) 

Beim Baden siehst du nichts als öl, Schweiß, 
Schmutz, klebriges Wasser, lauter ekelhafte Dinge; 
von eben der Art ist alles im Leben und was darin 
geschieht. (2^ 

Luzilla sah den Verus sterben und starb dann selbst, 
Sekunda den Maximus und folgte ihm nach, 
Epitynchanus den Diotimus und folgte bald, Antoninus 
die Faustina und starb bald darauf selbst, Geier den 
Hadrian und folgte ihm ins Grab. So ging's mit 
allen. Jene scharfsinnigen Menschen, jene Zukunfts- 
deuter, jene aufgeblasenen Hohlköpfe — wo sind sie? 
Wo z. B. scharfsinnige Männer wie Charax, Demetrius, 
der Platoniker, Eudämon und andere der Art? Alles 
Eintagsgeschöpfe, längst tot. Von einigen hat sich 
nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken erhalten, 
andere wurden Fabelhelden, wieder andere sind auch 
aus der Fabel bereits verschwunden. Denke also 
daran, daß auch dein Körpergewebe sich auflösen 
muß, daß dein Geist verlöscht oder auswandert oder 
anderswohin versetzt wird. (25) 

Des Menschen Freude besteht in wahrhaft mensch- 
lichen Handlungen; wahrhaft menschlich aber 
ist das Wohlwollen gegen seinesgleichen, Verachtung 
der Sinnenreize, Unterscheidung bestechender Vor- 
stellungen, Betrachtung der Allnatur und ihrer 
Wirkung. (2^ 

Dreierlei Beziehungen sind für den Menschen von 
Bedeutung, erstens zu der ihn umgebenden 
Körperhülle, zweitens zum göttlichen Ursprung, woher 

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alle Ereignisse rühren, drittens zu seinen Zeit- 
genossen. (27) 
Der Schmerz ist entweder für den Leib ein Übel 
— so geht es nur diesen an — oder für die 
Seele; diese aber kann ihre Heiterkeit und Ruhe be- 
wahren und ihn für kein Übel halten. Denn Urteil, 
Trieb, Neigung und Abneigung haben alle ihren 
Sitz in unserm Innern, und kein Übel kann hier 
eindringen. (28) 

Sei Herr deiner Vorstellungen und sage bei jeder 
Gelegenheit zu dir selbst: es steht ja ganz in 
meiner Macht, in dieser Seele keine Bosheit, keine 
Begierde, überhaupt keine Leidenschaft aufkommen 
zu lassen; dagegen will ich alles seinem Wesen nach 
betrachten und jedes Ding entsprechend seinem Werte 
benützen. Vergiß nicht diese dir von der Natur ver- 
liehene Gabel (29) 
Im Senat, wie im Umgangsleben rede mit Würde, ohne 
affektiert zu sein. Rede mit gesunder Vernunft. (30) 
Der Hof des Augustus, seine Gemahlin, seine 
Tochter, sein Enkel, seine Stiefsöhne, seine 
Schwester, Agrippa, seine Verwandten, Hausgenossen 
und Freunde, Arius, Mäcenas, seine Ärzte und Priester, 
kurz, sein ganzer Hof — eine Beute des Todes! Von 
da geh weiter, nicht etwa zum Tod eines Einzel- 
menschen, sondern ganzer Familien, wie der Familie 
der Pompeier I Auf so manchem Grabmal steht ge- 
schrieben: „der Letzte seines Geschlechts". Und nun 
stelle dir vor, wie sehr ihre Vorfahren um einen 
Stammhalter besorgt waren — und doch mußte einer 
notwendig der letzte sein! Überdies denke an den 
Tod ganzer Geschlechter! (31) 



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Man muß in sein ganzes Leben wie in jede Einzel- 
handlung Ordnung bringen; ist jede Handlung 
nach besten Kräften getan, so muß man sich dabei 
genügen lassen; daß du aber deine besten Kräfte 
einsetzest, daran kann dich niemand hindern. „Aber 
wenn mir ein äußerer Widerstand entgegentritt?" 
Keiner wird sich erheben gegen ein gerechtes, weises 
und überlegtes Handeln. „Wenn sich aber irgend 
etwas anderes mir in den Weg legt?" Dann laß dir 
jenes Hindernis gefallen und strebe dem dir noch 
Freistehenden mit Überlegung zu, so tritt sofort 
ein neuer Gegenstand der Tätigkeit an die Stelle, 
der sich in die Lebensordnung einfügen läßt, von 
der wir reden. (32) 

Man muß ohne Anmaßung nehmen, ohne Bedauern 
geben. (33) 

Gewiß hast du schon einmal eine abgeschnittene 
Hand, einen abgehauenen Fuß oder Kopf da- 
liegen sehen; gerade so etwas macht der aus sich, 
der über sein Geschick unwillig wird, sich einsiedle- 
risch zurückzieht oder gemeinschädliche Handlungen 
begeht. Du hast dich so gewissermaßen selbst von 
der natürlichen Einheit hinweggeschleudert; als ein 
Teil warst du so einverleibt und hast dich nun selbst 
davon abgesondert. Aber immer steht dir der wunder- 
volle Weg offen, dich mit ihr aufs neue wieder zu 
vereinen I Keinem andern Teil der Natur hat die 
Gottheit diese Möglichkeit veriiehen, nach Trennung 
und Verstümmelung wieder mit dem Ganzen sich zu 
einen. Mache dir den Vorzug, den die Gottheit dem 
Menschen verliehen hat, klar: denn beides hat sie in 
des Menschen Hand gelegt — seine Trennung vom 



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Ganzen von Anfang an zu venneiden, aber auch nach 
seiner Trennung sich wieder mit ihm zu einen, sich 
von neuem ihm einzuverleiben und seine Stellung 
als Teil wieder einzunehmen. (34) 

Jedes von uns vernünftigen Wesen hat neben seinen 
übrigen Kräften von der Allnatur auch noch fol- 
gende mitbekommen: wie sie nämlich allem, was ihr 
widerstrebt und entgegenwirkt, eine andere Wendung 
gibt, es in die Kette ihrer Notwendigkeiten einreiht, 
zu einem Bestandteil ihrer selbst macht, so kann 
jedes vernunftbegabte Wesen alle Hindemisse zu 
einem Gegenstand seiner Wirksamkeit machen und 
sie seinen jeweiligen Zwecken dienstbar machen. (35) 

Lafi dich nicht durch die Betrachtung des Lebens 
in seiner Gesamtheit entmutigen 1 Stelle dir nicht 
alle die Leiden, die dich vielleicht noch treffen können, 
nach ihrem Wesen und ihren Mengen auf einmal vor; 
sondern frage dich bei jedem einzelnen gegenwärtigen 
Vorfall: was ist denn daran so eigentlich unerträglich 
und unüberwindlich? Du mußt dich ja schämen, es 
zuzugestehen I Dann mache dir klar, daß, weder was 
vergangen, noch, was kommt, sondern nur, was ist, 
dich bedrücken kann; dies aber wird vermindert, 
wenn du es für sich betrachtest und es deiner Seele 
vorhältst, daß sie nicht einmal diese kleine Bürde 
tragen könne. (36) 

Sitzen etwa auch jetzt noch Panthea und Pergamus 
am Hügel des Verus? oder Chaurias und Diotimus 
am Grabe Hadrians? Lächerlicher Gedanke! Und 
wenn sie wirklich dasäßen, würden sie es fühlen, und 
wenn sie es fühlten, würden sie sich freuen, und 
wenn sie sich freuten, wären sie darum unsterblich? 



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War es nicht auch ihnen bestimmt, zuerst alte Frauen 
und Männer zu werden und dann zu sterben? Und 
können denn die Klagenden dem Tod entrinnen? 
Alles Menschliche gleicht einem Schlauche voll Unrat 
und Modergeruch. (37) 

Ist dir Scharf sieht eigen, nütze sie in weisen Urteilen I 
(38) 
Unter den Anlagen eines vernünftigen Wesens finde 
ich keine, die der Gerechtigkeit widerstrebt, wohl 
aber eine, die dem Gelüste widerstrebt, die Enthalt- 
samkeit. (39) 
Gib nur deine Meinung von dem auf, was dich 
zu betrüben scheint, und du hast dich selbst in 
vollkommene Sicherheit gebracht Wer ist dies 
„Selbst?** Die Vernunft „Aber ich bin doch nicht 
die Vernunft!" Du sollst es sein, und darum soll 
die Vernunft nicht sich selbst betrüben. Ist aber sonst 
noch etwas bei dir in schlimmem Zustand, so möge 
es selbst zusehen! (40) 

Beschränkung der Sinnlichkeit: ein Übel für die 
tierische Natur; Beschränkung des Triebes ebenso. 
So gibt es auch manches, was der Entwickelung des 
Pflanzenlebens hinderlich ist Gerade so ist aber 
Beschränkung der Vernunft ein Übel für die vernünf- 
tige Natur. Alles dies wende auf dich selbst an. 
Schmerz oder Lust berühren dich? Da mag die 
Sinnlichkeit zusehen. Gegen deinen Trieb erhebt 
sich ein Widerstand? Willst du nun deinem Trieb 
unbedingt nachgeben, so ist das schon ein Übel für 
dich als vernünftiges Wesen. Siehst du aber in jenem 
Widerstand etwas Gewöhnliches, so wird kein Nach- 
teil, kein Hindernis für dich eintreten. In den der 

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Vernunft angehörigen Kreis pflegt wahrlich nichts 
anderes störend einzugreifen; ihn berührt nicht Feuer, 
nicht Eisen, kein Gewaltherrscher, keine Lästerung, 
überhaupt nichts; solange eine Kugel besteht, bleibt 
sie rund nach allen Seiten. (41) 

Ich verdiene es nicht, mich selbst zu betrüben, 
habe ich doch nie einem andern absichtlich wehe 
getan. (42) 

Der eine freut sich über das, der andere über jenes, 
ich über den Besitz einer gesunden mich be- 
herrschenden Vernunft, die von keinem Menschen noch 
einem menschlichen Ereignis sich abwendet, sondern 
alles mit wohlwollendem Blick betrachtet und annimmt 
und alle Dinge je nach ihrem Werte benützt. (43) 

Benütze die Gegenwart; wer nämlich mehr auf 
Nachruhm baut, bedenkt nicht, daß die kom- 
menden Geschlechter nicht anders beschaffen sind, 
als die jetzigen, über die er sich beschwert. Auch 
jene sind ja sterblich. Oberhaupt, was kümmert es 
dich, ob unter ihnen diese und jene Stimmen über 
dich ertönen, ob sie diese oder jene Meinung von 
dir haben? (44) 

Nimm mich und versetze mich, wohin du willst; 
denn auch dort werde ich ja einen freundlichen 
Genius in mir haben, das heißt, einen, der damit zu- 
frieden ist, wenn er seinen eigentümlichen Anlagen 
entsprechend leben und wirken kann. Sollte wohl 
jene Lebensstellung so erheblich sein, daß um ihret- 
willen sich meine Seele schlecht befinde und schlimmer 
werde, daß sie, gedrückt, sehnsüchtig, zerrüttet, be- 
stürzt unter sich selbst herabsinke? Gibt es etwas, 
das eines solchen Opfers wert wäre? (45) 



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Keinem Menschen kann etwas begegnen, was nicht 
Menschen-Schicksal wäre, so wenig als dem 
Stier etwas begegnet, was nicht seiner Stiematur, 
oder der Rebe, was nicht ihrer Natur, oder dem 
Stein, was nicht seiner Natur angemessen wäre. 
Wenn nun jedem begegnet, was gewöhnlich und 
natürlich ist, was willst du darob murren? Denn 
nichts Unerträgliches hat ja die Allnatur über dich 
verhängt. (46) 

T rerursacht dir ein Gegenstand der Außenwelt Leid, 
V so ist er es nicht, der dich beunruhigt, sondern 
dein Urteil darüber. Dies aber ohne weiteres zu be- 
seitigen, steht ja in deiner Macht. Hat aber dein 
Leid in deinem Seele^izustand seinen Grund, wer 
hindert dich deine Ansichten zu berichtigen? Ebenso 
wenn es dir Leid bringt, daß du nicht wirken kannst, 
wie es dir vernünftig erscheint; warum nicht lieber 
wirken, wie es eben geht, als sich dem Leide hin- 
geben? „Aber ein Hindernis, stärker als ich, stellt 
sich mir in den Weg!" Laß dich trotzdem nicht an- 
fechten, der Grund deiner Untätigkeit liegt ja dann 
nicht in dir. „Aber das Leben ist für mich wertlos, 
wenn dies nicht getan wird." Nun, so verlaß das 
Leben, freundlich, wie wenn du es vollbracht hättest, 
in milder Stimmung gegen deine Widersacher. (47) 

Denke daran, daß die herrschende Vernunft, wenn 
sie sich in sich selbst zurückzieht und sich da- 
bei gentigen läßt, nichts zu tun, was sie nicht will, 
unüberwindlich wird, auch wenn sie einmal ohne 
genügenden Grund Widerstand leisten sollte. Wie- 
viel mehr also dann, wenn sie mit Grund und mit 
Bedacht über etwas urteilt. Darum ist die leidenschafts- 

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lose Seele wie eine feste Burg; denn keine stärkere 
Schutzwehr besitzt der Mensch, hinter der er ver- 
schanzt fortan unbezwinglich sein kann. Wer diese 
nun nicht kennt, ist unwissend, wer sie aber kennt, 
ohne seine Zuflucht zu ihr zu nehmen, ist un- 
glücklich. (48) 
Erträume nicht noch mehr zu dem hinzu, was 
die sinnlichen Wahrnehmungen dir unmittelbar 
verkünden. Du hast erfahren, der oder jener rede 
schlecht von dir. Das hast du erfahren; daß du aber 
dadurch Schaden leidest, das hast du nicht erfahren. 
Ich sehe, daß mein Kind krank ist. Das sehe ich; 
daß es aber in Gefahr schwebt, das sehe ich nicht. 
So bleibe immer bei den ersten Eindrücken stehen 
und träume nicht noch etwas aus deinem Inneren 
hinzu, und dir wird nichts geschehen. Oder besser, 
denke nur hinzu, was ein Mann, der die Welt kennt, 
hinzu denken würde. (49) 

Diese Gurke ist bitter: nun, so wirf sie weg. Es 
ist Domengestrüpp am Weg, weiche ihm aus; 
das genügt. Frage nicht noch: Wozu gibt es denn 
nur solche Dinge in der Welt? Sonst würde dich 
ein Naturkundiger auslachen, wie der Tischler und 
Schuster dich auslachen würden, wolltest du's ihnen 
zum Vorwurf machen, daß du in ihren Werkstätten 
Hobelspäne und Lederabfälle siehst. Und doch haben 
diese Leute noch einen Winkel, wo sie dergleichen 
hinwerfen können. Die Allnatur aber hat außer sich 
selbst nichts; sondern das Wunderbare ihrer Kunst 
besteht eben darin, daß sie in ihrer Selbstbegrenzung 
alle$, was in ihr zu verderben, zu altem und un- 
brauchbar zu werden droht, in ihr eigenes Wesen 



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umwandelt und eben daraus wieder anderes, Neues 
bildet. Und sie bedarf hierzu keines außer ihr be- 
findlichen Stoffes, noch braucht sie eine Stätte, um 
das Morschgewordene dort zu bergen. Sie läßt sich 
vielmehr genügen an ihrem eigenen Raum, ihrem 
eigenen Stoff und ihrer eigenen Kunst. j(50) 

Dein Tun laß nicht beherrscht sein von der Nach- 
lässigkeit, deine Reden nicht von der Unklarheit, 
deine Vorstellungen nicht von der Unordnung^ Laß 
deine Seele nie ganz einengen noch leidenschaftlich 
aufwallen; laß auch dein Leben nie ganz in den Ge- 
schäften aufgehen. Mögen sie dich töten, zerfleischen, 
mit ihren Verwünschungen verfolgen. Kann deine 
denkende Seele nicht trotzdem rein, verständig, weise, 
gerecht bleiben? eine klare und köstliche Quelle hört 
ja auch nicht auf, ihren Labetrunk hervorzusprudeln, 
sollte gleich jemand herzutreten und sie schmähen; 
und ob er auch Schmutz hineinwirft, alsbald wird 
sie ihn zerteilen oder wegspülen und nicht im ge- 
ringsten getrübt werden. Wie kannst du dir nur 
eine solche nie versiegende Quelle zu eigen machen? 
Wenn du dir selbst ohne Unterlaß Geistesfreiheit, ver- 
bunden mit Wohlwollen, Einfalt und Bescheidenheit 
zu erringen strebst (51) 

Wer nicht weiß, was die Welt ist, weiß auch nicht, 
wo er lebt. Wer aber nicht weiß, wozu sie da 
ist, weiß auch nicht, wer er ist, noch was die Welt 
ist. Wer aber eins dieser Dinge nicht weiß, kann 
auch nicht sagen, wozu er selbst da ist. In welchem 
Licht erscheint dir nun ein Mensch, der um den 
lauten Beifall derer buhlt, die nicht wissen, wo noch 
wer sie selber sind? (52) 

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Lob hören willst du von einem Menschen, der in 
einer Stunde dreimal sich selbst verflucht? Ge- 
fallen willst du einem Menschen, der sich selbst nicht 
gefällt? Oder gefällt sich selbst, wer beinahe alle 
seine Handlungen bereut? (53) 

Nicht nur dein Odem soll mit der dich umgeben- 
den Luft, sondern auch dein Sinn soll mit dem 
allumfassenden Vemunftwesen im Einklang sein. Denn 
die Vemunftkraft ist nicht minder über alles hin- 
gegossen und durchdringt nicht minder jeden, der 
sie an sich ziehen will, wie die Luft den, der sie 
einatmen kann. (54) 

Die Bosheit im allgemeinen schadet der Welt nicht, 
die Bosheit im einzelnen nicht dem Neben- 
menschen. Nur dem ist sie schädlich, der es ganz 
in seiner Macht hat, sich von ihr abzuwenden, wenn 
er nur will. (55) 

Für meine freien Entschließungen sind die meines 
Nebenmenschen ebenso gleichgültig, wie sein 
ganzes geistiges und leibliches Wesen; denn sind 
wir auch hauptsächlich füreinander geboren, so 
haben doch die in uns herrschenden Kräfte je ihr 
eigen Gebiet; denn sonst müßte ja auch die Bosheit 
meines Nebenmenschen meine eigene Bosheit sein, 
was aber nicht in der Absicht der Gottheit lag, auf 
daß nicht mein Unglück von der Willkür eines andern 
abhänge. (56) 

Die Sonne scheint ihre Strahlen herabzugießen, 
und obwohl sie sich überallhin ergießt, wird sie 
doch nicht ausgegossen. Denn diese Ergießung ist 
nur eine Ausdehnung. Denn „Ausdehnungen" (cIkti- 
ve?) heißen ja auch ihre leuchtenden Strahlen von 

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dem Worte »ausgedehnt werden*' (trreivcaeai). Wa$ 
aber ein Strahl an sich ist, kann man erkenneti, 
wenn man das Sonnenlicht beobachtet, wie es durch 
einen engen Spalt in ein dunkles Gemach eindringt. 
Es dehnt sich nämlich in gerader Richtung aus und 
bricht sich, indem es die Luft durchschneidet, wenn 
es auf einen festen Körper stößt; hier bleibt es dann 
stehen, ohne herabzugleiten oder zu fallen. So muß 
auch unsere Seele ausstrahlen und sich ergießen, 
keineswegs aber sich ausgießen, vielmehr nur sich 
ausdehnen und gegen die ihr begegnenden Hinder- 
nisse nicht gewaltsam und heftig anstürmen, aber auch 
nicht herabsinken, sondern stehen bleiben und be- 
strahlen, was dem Lichte zugänglich ist Es beraut)t 
sich aber selbst des Lichtes, wer seinen glänzenden 
Strahl nicht durchläßt. (57) 

Wer den Tod fürchtet, fürchtet entweder das Auf- 
hören alles Empfindens oder einen Wechsel 
der Empfindung. Aber wenn man gar nichts mehr 
empfindet, wird man auch kein Übel mehr empfinden. 
Wenn man aber eine andere Art des Empfindens 
erhält, wird man ein anderes Wesen sein und nicht 
aufhören zu leben. (58) 

Die Menschen sind füreinander geboren. Also 
belehre oder ertrage sie. (59) 

Anders der Flug des Geschosses, anders der Geistes- 
flug I Und doch bewegt sich der Geist, ob er 
einer Sache ausweicht oder beachtend bei ihr weilt, 
nicht minder in gerader Richtung und auf sein Ziel 
zu. * (60) 

Dringe ins Innere eines jeden; gestatte aber auch 
jedem andern den Eintritt in deine Seele. (61) 

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Wer unrecht tut, ist gottlos. Denn die Allnatur 
hat die vernünftigen Wesen füreinander ge- 
schaffen, auf daß sie einander nach Bedürfnis nützen, 
keineswegs aber schaden; wer ihren Willen übertritt, 
frevelt also gegen die älteste Gottheit Auch der 
Lügner frevelt gegen diese Gottheit Denn die All- 
natur ist des Seienden Reich. Das Seiende aber 
steht mit allem Vorhandenen in engster Verbindung. 
Femer wird die Allnatur auch die Wahrheit genannt 
und ist alles Wahren erste Quelle. Der absichtliche 
Lügner ist also gottlos, weil er durch Betrug unrecht 
tut; der unabsichtliche Lügner aber ebenso, weil er 
mit der Allnatur nicht im Einklang steht und durch 
seinen Streit mit der Weltnatur ihre Ordnung stört 
Doch auch gegen sich selbst streitet, wer sich zum 
Wahrheitswidrigen hinreißen läßt; denn er hatte von 
der Natur unter seinen Anlagen Abneigung dagegen 
erhalten, durch deren Vernachlässigung er nunmehr 
unfähig ist, das Falsche von dem Wahren zu unter- 
scheiden. Femer ist gottlos, wer dem Vergnügen 
wie einem Gute nachjagt, das Leiden aber wie ein 
Obel flieht; denn ein solcher muß notwendigerweise 

^ 115 



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sich gar oft über die gemeinsame Natur beschweren, 
als teile sie den bösen und den tüchtigen Menschen 
ihr Los nicht nach Verdienst zu; denn wie oft leben 
die Bösen in Wonne und verschaffen sich die Mittel 
hierzu, während die Tüchtigen dem Leide anheim- 
fallen und dem, was Leid bringt; außerdem kann, 
wer das Leid fürchtet, niemals ohne Furcht in die 
Zukunft blicken; das ist aber an sich schon gottlos; 
und wer dem Vergnügen nachjagt, wird sich vom 
Unrecht nicht ferne halten; das ist aber vollends 
offenbare Gottlosigkeit. Gegen das aber, was von 
der Allnatur mit Gleichgültigkeit behandelt wird — 
sie würde aber nicht beides hervorbringen, wenn sie 
sich nicht gegen beides nach einerlei Regel verhielte 
— dem gegenüber müssen auch die, welche der 
Natur folgen wollen, Gleichmut bewahren. Wer nun 
gegen Leid und Freude, Tod und Leben, Ehre und 
Schande, deren sich die Allnatur ohne Wahl bedient, 
nicht ebenfalls Gleichmut bewahrt, ist offenbar gott- 
los. Die gemeinsame Natur aber, sage ich, bedient 
sich derselben wahllos, das heißt: diese Veränderung 
begegnet nach dem Gesetz der Aufeinanderfolge, den 
jetzt wie den künftig Lebenden nach einerlei Regel, 
und zwar schon zufolge einer uranfänglichen Be- 
stimmung der Vorsehung, nach welcher sie vom An- 
fang an zu allen möglichen Veränderungen der Dinge 
den Grund legte, indem sie gewisse Grundstoffe der 
werdenden Dinge zusammenfaßte und die erzeugen- 
den Kräfte der Substanzen selbst, ihrer Verwandlung 
und ihrer derartigen Aufeinanderfolge beschloß. (1) 

Der vollkommenste Mensch wäre, wer aus dem 
Kreis der Menschen schiede, unberührt von ihrem 

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Lügengerede, ihrer Heuchelei, ihrer Üppigkeit und 
Hoffart. Die zweitbeste Fahrt aus dem Leben würde 
antreten, wer mit Abscheu gegen diese Dinge lieber 
sterben würde. Oder ziehst du es vor, im Bereich 
der Bosheit sitzen zu bleiben, und hat dich selbst 
die Erfahrung noch nicht gelehrt, vor dieser Pest weg- 
zufliehen? Denn eine Pest ist die Verderbnis deiner 
Denkkraft, eine viel schlimmere als die Verdorben- 
heit der Luft um uns her und der plötzliche Wechsel 
des Dunstkreises; denn dieser ist nur eine Pest für 
lebende Wesen, insofern sie lebend sind, jener aber 
für Menschen, insofern sie Menschen sind. (2) 

Verachte den Tod nicht, sondern laß ihn dir Wohl- 
gefallen alß eins der Dinge, die im Willen der 
Natur begründet sind. Denn jung sein und altem, 
heranwachsen und mannbar werden, Zähne, Bart und 
graue Haare bekommen, zeugen, schwanger werden 
und gebären und die andern Tätigkeiten der Natur, 
wie sie die verschiedenen Lebensabschnitte mit sich 
bringen, sind ja auch nichts anderes, als Auf* 
lösungen. Drum darf ein denkender Mensch dem 
Tode weder trotzig noch abstoßend und übermütig 
ins Auge blicken, sondern muß ihn erwarten, wie 
eine der Naturwirkungen. Wie du nun des Augen- 
blickes harrst, wo dein Kindlein aus dem Mutter- 
schoß hervorgehen soll, so sollst du auch der Stunde 
harren, da deine Seele aus dieser Hülle entweichen 
wird. Willst du aber ein allbekanntes herzstärken- 
des Mittel anwenden, so wird der Hinblick auf die 
Welt, von der du dich trennen sollst und durch deren 
Tun und Treiben deine Seele nicht mehr verdorben 
werden wird, dich mit dem Tode vollkommen aus- 



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söhnen. Denn Anstoß nehmen sollst du zwar an 
ihr möglichst wenig, sondern fflr sie sorgen und sie 
mit Geduld ertragen; aber du darfst doch daran 
denken, daß es sich nicht um eine Trennung von 
gleichgesinnten Menschen handelt Denn dies allein, 
wenn irgend etwas, könnte uns anziehen und im 
Leben festhalten, wenn es uns vergönnt wäre, mit 
Menschen zusammenzuleben, die sich dieselben 
Grundsätze zu eigen gemacht haben wie wir. Nun 
siehst du aber mit eigenen Augen, wie viel Verdruß 
aus dem Zwiespalt mit Zeitgenossen entspringt, so 
daß du wohl ausrufen möchtest: Komm doch schneller 
heran, lieber Tod, damit ich nicht etwa noch meiner 
selbst vergesse! (3) 

Wer fehlt, fehlt an sich selbst, wer unrecht tut, 
tut sich selbst unrecht, indem er sich ver- 
schlechtert. (4) 
Oft tut auch der unrecht, der nichts tut, nicht 
bloß der, der etwas tut. (5) 
Es genüge dir, wenn dein jeweiliges Urteil klar, 
dein jeweiliges Tun gemeinnützig, deme jeweilige 
Gemütsverfassung zufrieden ist mit allem, was aus 
natüriichen Ursachen geschieht. (6) 

Unterdrücke die bloße Einbildung; hemme die 
Leidenschaft; dämpfe die Begierde, erhalte die 
leitende Vernunft bei der Herrschaft über sich 
selbst. (7) 

Den vemunftlosen Wesen ist eine Seele gegeben, 
den vernünftigen aber eine denkende Seele zu- 
geteilt, wie es auch fflr alle Erdgebilde nur eine 
Erde gibt und wir alle, die wir sehen und leben, 
durch ein Licht sehen und eine Luft einatmen. (8) 

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Alles, was irgend etwas Gemeinschaftliches hat, 
strebt zum Gleichartigen hin. Was von Erde 
ist, neigt sich zur Erde, alles Feuchte und ebenso 
alles Luftige fließt zusammen, so daß man Gewalt 
braucht, um es auseinander zu halten. Das Feuer 
zwar hat infolge des Elementarfeuers seinen Zug 
nach oben; aber doch ist es zugleich geneigt, an 
jedem hier befindlichen Feuer sich zu entzünden, 
so daß alles Stoffliche, was nur einigermaßen trocken 
und also weniger mit dem gemischt ist, was der 
Entzündung wehrt, leicht in Brand gerät Ebenso, 
ja noch mehr, strebt alles, was an der gemeinschaft- 
lichen vernünftigen Natur teil hat, dem ihm Ver- 
wandten zu; denn je stärker es ist, allem übrigen 
gegenüber, um so mehr ist es auch geneigt, mit dem 
Verwandten sich zu vermengen und zusammenzu- 
fließen. Schon bei den vemunftlosen Wesen findet 
man ja Schwärme, Herden, Fütterungsanstalten für 
die Jungen, ja gewissermaßen Liebesverhältnisse. 
Denn schon in diesen Wesen wohnen Seelen und 
findet sich daher auch jener Gemeinschaftstrieb in 
stärkerem Grade, als er bei Pflanzen, Steinen oder 
Bäumen vorhanden ist Bei vernünftigen Wesen aber 
kommt es zu Staaten, Freundschaften, Familien, Ge- 
nossenschaften, und im Kriege zu Bündnissen und 
Waffenstillständen. Bei den noch höheren aber, findet 
trotz ihrer sonstigen Abstände voneinander doch 
eine Art Einigung statt, wie bei den Gestirnen; so 
kann der Aufschwung zum Höheren auch bei sonst ge- 
trennten Wesen Vereinigungssehnsucht hervorbringen. 
Betrachte nun, was jetst geschieht Die denkenden 
Wesen allein nämlich vergessen jetzt dieses Zuein- 



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anderstreben und Zusammenhalten, und bei ihnen 
allein ist dies Zusammenfließen nicht ersichtlich. 
Und doch, wenn sie sich auch immerhin fliehen, sie 
umschließen sich dessenungeachtet; denn es siegt 
die Herrscherin Natur. Gib nur acht, und du wirst 
meine Worte bestätigt finden. Denn eher findest du 
ein Erdteilchen, das von keinem andern Erdteilchen 
berührt wird, als einen Menschen, der vom Menschen 
ganz abgetrennt ist (9) 

Der Mensch, die Gottheit und die Welt bringen 
Frucht hervor, ein jegliches zu seiner Zeit. Mag 
auch der herrschende Sprachgebrauch diesen Aus- 
druck nur bei der Rebe und ähnlichen Dingen an- 
wenden — gleichviel. Trägt doch auch die Vernunft 
Frucht fürs Ganze und für den einzelnen. Auch aus 
ihr gehen andere Erzeugnisse derselben Art hervor, 
wie die Vernunft selbst ist. (10) 

Kannst du's, so belehre den Fehlenden; wo nicht, 
erinnere dich, daß dir für diesen Fall Nachsicht 
verliehen ist. Sind doch auch die Götter gegen 
solche nachsichtig; ja sie verhelfen ihnen sogar zu 
Gesundheit, Reichtum und Ehre. So groß ist ihre 
Güte* Auch du kannst so sein; oder sag', wer hin- 
dert dich daran? (11) 
Dulde nicht wie ein Unglücklicher, oder um Mit- 
leid und Bewunderung zu erregen; wolle vielmehr 
nur das eine: deine Kraft in Beweg^ng setzen oder 
zurückhalten, wie es das Gemeinwesen verlangt (12) 

Heute bin ich allen Hindernissen entgangen; oder 
vielmehr, ich habe alle Hindemisse zurückge- 
wiesen; denn sie lagen ja nicht außer mir^ sondern 
in mir, in meinen Vorurteilen. (13) 

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Immer dasselbe 1 Alltäglich für die Erfahrung, kürz^ 
lebig hinsichtlich der Zeit, verächtlich hinsichtlich 
des Stoffes. Alles Heutige war ebenso bei denen, 
die wir beerdigt haben. (14) 

Die Sinnenwelt ist außer uns, steht sozusagen ein- 
sam draußen vor unserer Tür; sie weiß nichts 
von sich selbst, wird sich selbst nicht klar. Wer er- 
langt denn über sie Klarheit? Unsere Vernunft (15) 
Nicht auf dem, was einer leidet, sondern auf dem, 
was er tut, beruht Wohl und Wehe des vernünf- 
tigen geselligen Wesens, gleichwie sich auch Tüch- 
tigkeit und Laster bei ihm nicht auf das, was er leidet, 
sondern auf das, was er tut, gründet (16) 

Für den emporgeworfenen Stein ist es kein Übel 
herabzufallen, kein Gut in die Höhe zu steigen* (17) 
Dringe in das Innere der Menschenseelen ein, und 
du wirst erkennen, vor was für Richtern du 
dich fürchtest, und was für Richter sie über sich selbst 
sind. (18) 

Alles in Verwandlung begriffen; auch du selbst in' 
stetem Wechsel, ja gewissermaßen in Verwesung 1 
So auch die ganze Weltl (19) 

Was ein andrer begeht, muß man da lassen, wo 
es ist (20) 

Das Aufhören einer Tätigkeit, der Stillstand der 
Triebe und Meinungen gleicht schon dem Tode 
und ist kein Übel. Laß einmal deine verschiedenen 
I^bensstufen an dir vorüberziehen: du wurdest Knabe, 
Jüngling, Mann, Greis, und es war jeder Wechsel 
von diesen schon ein Tod. Das ist doch nichts 
Schreckliches? Denke jetzt an die Tage zurück, die 
du unter deinem Großvater, dann unter deiner Mutter 



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und dann unter deinem Vater verlebt hast; und wenn 
du dann noch viele andere Trennungen, Umwand- 
lungen und Auflösungen, die du erlebtest, hinzu- 
nimmst, so frage dich: War daran etwas Schreck- 
liches? Ebensowenig wird es auch das Aufhören, 
der Stillstand und die Umwandlung deines ganzen 
Lebens sein. (21) 

Forschend wende dich deiner eigenen Seele, der 
Seele des Weltalls und deines Nächsten zu; deiner 
eigenen, um ihr Gerechtigkeitssinn einzuflößen, der 
des Weltalls, um dich deiner Zugehörigkeit zu ihr 
bewufit zu werden, der deines Nächsten, um zu er- 
kennen, ob er unwissentlich oder wissentlich gehandelt 
habe, und um zu bedenken, dafi sie der deinen ver- 
wandt. (22) 
Wie du selbst ein ergänzender Teil der mensch- 
lichen Gesellschaft bist, so sei auch jede deiner 
Handlungen eine Ergänzung des politischen Lebens. 
Hat nun die oder jene deiner Handlungen keine 
nähere oder entferntere Beziehung auf das gemein- 
nützige Ziel, so zerreißt sie dein Leben, verhindert 
seine Einheit und ist aufrührerisch wie ein Mensch, 
der in einer Volksversammlung durch seine einzelne 
Person die Einstimmigkeit hindert (23) 

Knabenzänkereien und Kinderspiele und Lebens- 
geister mit Leichen beschwert, das ist unser Wesen, 
und da soll die Totenfeier schwer auf uns lasten? (24) 

Untersuche die Beschaffenheit der ursächlichen Kraft 
jedes Dinges, stelle dir diese Kraft ohne den 
Stoff vor und bestimme dann die längste Zeit, die 
sie bei ihrer eigentümlichen Beschaffenheit vielleicht 
bestehen kann. (25) 

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Du hast nnendlich gelitten, weil du nicht damit 
zufrieden warst, daß deine leitende Vernunft 
ihrer Bestimmung entsprechend handelte. Doch ge- 
nug hiervon! (26) 
Wenn dich jemand haflt oder tadelt, oder man 
aus einem solchen Grund allerlei derartiges 
über dich verbreitet, so tritt den kleinen Seelen dieser 
Menschen näher, suche in ihr Inneres einzudringen 
und sieh, wie sie geartet sind, und du wirst finden, 
daß du dich nicht zu beunruhigen brauchst, wenn der- 
artige Leute so über dich urteilen I Wohlwollen bist du 
ihnen aber trotzdem schuldig, — denn von Natur sind 
sie deine Freunde. Und die Götter helfen ihnen auf 
alleriei Weise, durch Träume, durch Orakelsprtiche 
und unterstützen sie in dem, woran ihnen so viel 
liegt. (27) 

Es befindet sich alles in der Welt in demselben 
Kreislauf, hinauf und hinab, von Ewigkeit zu 
Ewigkeit I Entweder wirkt nun die Vernunft des Welt- 
ganzen bei jeder Veränderung mit, und in diesem 
Fall sei dir, was sie hervorbringt, willkommen; oder 
sie hat nur einmal gewirkt, das übrige aber geschieht 
nach einer notwendigen Aufeinanderfolge eins aus 
dem andern ; oder das Ganze ist nur ein Gewirr von 
Atomen; gibt es nun eine Gottheit, so steht alles gut, 
gibt es aber nur einen Zufall, so sei du doch nicht 
dem Zufall dienstbar. — Bald wird Erde uns alle be- 
decken; darauf wird auch sie sich verwandeln und 
so fort vom Grenzenlosen ins Grenzenlose. Denn wer 
diese sich überstürzenden Wogen von Verwandlungen 
und Veränderungen mit ihrer reißenden Schnelligkeit 
erwägt, wird alles Sterbliche gering achten. (28) 



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Ein reißender Strom ist die Urkraft des Weltalls; 
alles führt er mit sich dahin. Wie unbedeutend 
sind selbst die Staatsgeschäfte und was die Menschen 
nach der Lehre der Philosophie getan zu haben 
wähnen! Eitel Schaum! Was willst du, Menschen- 
kind ? Tue, was die Natur jetzt im Augenblick von 
dir verlangt Ringe, wenn es dir gegeben, ohne 
nach rechts oder links zu blicken, ob man's auch 
sehe! Hoffe nicht auf einen platonischen Staat! 
Sondern gib dich zufrieden, wenn's auch nur ein klein 
wenig vorwärts geht; und halte auch einen solchen 
kleinen Fortschritt nicht für unbedeutend. Denn wer 
kann die Grundsätze der Menschen ändern? Aber 
was ist ohne eine Änderung der Grundsätze zu er- 
warten als eine Knechtschaft seufzender Menschen 
und ein Gehorsam von Heuchlern ? Komm nun und 
nenne mir einen Alexander, einen Philipp, einen 
Demetrius von Phaleron! Haben sie den Willen der 
Allnatur erkannt und sind sie ihre eigenen Erzieher 
gewesen, gut! Haben sie aber Komödie gespielt, so 
kann mich niemand dazu verdammen, es ihnen gleich 
zu tun. Einfach und bescheiden ist die Aufgabe der 
Philosophie; verleite mich niemand zu feierlicher 
Hohlköpfigkeit! (29) 

Wie von einer Anhöhe aus betrachte die un- 
gezählten Scharen mit ihren ungezählten Reli- 
gionsgebräuchen, die Seefahrten in alle Himmels- 
gegenden unter Stürmen und auf glattem Meeresspiegel, 
und die Verschiedenheiten der Dinge, die da werden, 
mit uns sind und dahinschwinden. Betrachte auch 
die Lebensweise, wie sie ehedem war, wie sie nach 
dir sein wird und wie sie jetzt bei unkultivierten 

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Völkern herrscht; femer, wie viele nicht einmal deinen 
Namen kennen, wie viele ihn gar bald vergessen und 
wie viele, heute deine Lobredner, morgen deinen 
Tadel anstimmen werden, und wie weder der Nach- 
ruhm noch der Ruhm, noch sonst etwas dieser Art 
irgend einen Wert besitzt 1 (30) 

Gemütsruhe gegenüber allem, was von äußeren 
Ursachen herkommt, Gerechtigkeit gegenüber 
dem, was von der eigenen Tatkraft bewirkt wird, das 
heißt: dein Streben und Tun finde Ziel und Zweck 
in der Beförderung des allgemeinen Besten, denn das 
steht auch im Einklang mit deiner Natur. (31) 

Viel unnötige Anlässe zu deiner Beunruhigung, die 
alle nur auf deinem Wahn beruhen, kannst du 
beseitigen und dir selbst leicht einen weitem Spiel- 
raum eröffnen; suche nur mit deinem Geiste das 
ganze Weltall zu umfassen, betrachte die ewige Dauer 
und dann wieder die rasche Verwandlung jedes ein- 
zelnen Dinges; wie kurz ist die Zeit zwischen der 
Entstehung und Auflösung der Geschöpfe; wie un- 
ermeßlich die vor ihrer Entstehung, wie grenzenlos 
in gleicher Weise die, welche ihrer Auflösung folgen 
wird. (32) 

Alles, was du siehst, wird gar bald zerstört werden, 
und die, welche diesen Verändemngen zuschauen, 
werden selbst auch gar bald zerstört, der Tod aber 
versetzt den ältesten Mann mit dem Frtihverstorbenen 
in denselben Zustand. (33) 

Welche Grundsätze beherrschen die Menschen, 
um was für Dinge bemühen sie sich, aus wel- 
chen Beweggründen lieben oder verehren sie etwas? 
So mußt du dich immer fragen, mit einem Wort dich 



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daran gewöhnen, ihre Seele gleichsam hüllenlos zu 
betrachten. Wenn sie glauben, durch ihren Tadel zu 
schaden oder durch ihre Lobgesänge zu nützen, welch 
ein Wahn! (34) 

Verlust ist weiter nichts als Umwandlung, daran 
aber findet die Allnatur Vergnügen, sie, nach 
deren Willen alles recht wird, von Ewigkeit her in 
gleicher Weise ward und ins Unbegrenzte ebenso 
werden wird. Wie kannst du nun sagen, alles, was 
geschehen sei oder immer geschehen werde, sei 
schlecht, mithin unter soviel Göttern nie eine Fähig- 
keit aufzufinden gewesen, um jemals diese Zustände 
zu bessern, vielmehr sei die Welt verdammt, in den 
Banden unaufhörlicher Obel zu liegen? (35) 

Fäulnis ist der Stoff jedes Dinges: Wasser, Staub, 
Knochen, Schmutz. Die Marmorbrüche sind 
nur Verhärtungen der Erde, Gold und Silber nur 
Bodensatz, unsere Kleidung nichts als Tierhaare, 
Purpur nur Blut, und so verhält sich's mit allem 
übrigen. Auch der Lebensgeist ist etwas derartiges, 
denn auch er ist einer steten Umwandlung unter- 
worfen. (36) 
Genug des elenden Lebens, des Murrens und 
lächerlichen Benehmens I Warum bist du so un- 
ruhig, was findest du hier so unerhört, was bringt 
dich aus der Fassung? Die ursächliche Kraft der 
Dinge? Betrachte sie doch nur! Oder ihr Stoff? 
Betrachte ihn doch nur! Außer diesen gibt es ja 
nichts, sei also doch endlich einmal argloser und 
freundlicher gegen die Götter 1 Ist es doch gleich- 
gültig, ob du hundert oder nur drei Jahre lang den 
Lauf der Welt hast kennen lernen. (37) 

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Hat sich jemand vergangen, so ist das sein 
Schaden. Vielleicht aber hat er sich gar nicht 
vergangen. (38) 

Entweder ist ein denkendes Wesen die Urquelle, 
von welcher dem ganzen Weltall, als einem Körper 
alles zuströmt: dann darf sich der Teil über das, was 
zum Nutzen des Ganzen geschieht, nicht beschweren; 
oder die Welt ist ein Gewirre von Atomen, eine zu- 
fällige Mischung und Trennung, wozu dann deine 
Unruhe? Sprich eben zu deiner denkenden Seele: 
Tot bist du, Verwesung und vertiert und kümmerst 
dich nur um deinen Hunger und deine Bedürf- 
nisse. (39) 
Entweder vermögen die Götter nichts oder sie ver- 
mögen etwas. — Wenn sie nun nichts vermögen, 
was betest du? Vermögen sie aber doch etwas, 
warum betest du dann nicht, statt um Abwendung 
dieses oder jenes Übels oder um Gewährung dieses 
oder jenes Gutes, vielmehr um die Gabe, nichts von 
alledem zu fürchten oder zu begehren oder zu be- 
trauern? Denn wenn sie überhaupt den Menschen 
zu helfen vermögen, so können sie ihnen auch dazu 
verhelfen. Du entgegnest vielleicht: „In meine Macht 
haben die Götter das gestellt !'* Und ist es da nicht 
besser, was in deiner Macht steht, mit Freiheit zu 
gebrauchen, als zu dem, was nicht in deiner Macht 
steht, mit knechtischer Erniedrigung dich hinreifien 
zu lassen? Wer hat dir denn aber gesagt, daB die 
Götter uns in dem, was in unserer Macht steht, nicht 
beistehen? Fange doch nur einmal an, um solche 
Dinge zu beten, und du wirst es ja sehen. Da ist 
nun der eine, der betet: Wie erlange ich die Gunst 



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jenes Weibes? Du aber betest: Wie entreiße ich 
mich einem solchen Verlangen? Ein anderer betet: 
Was soll ich tun, um von jenem Übel frei zu werden? 
Du aber betest: Was soll ich tun, um der Befreiung 
davon nicht zu bedürfen? Ein dritter betet: Was ist 
zu tun, daß ich mein Kind nicht verliere? Du aber 
betest: Was ist zu tun, daß ich seinen Verlust nicht 
fürchte? Mit einem Wort: Gib allen deinen Gebeten 
eine solche Richtung, und du wirst sehen, was ge- 
schieht (40) 
Epikur sagt: Während meiner Krankheit unterhielt 
ich mich nicht über meine körperlichen Leiden, 
noch sprach ich mit denen, die mich besuchten, da- 
von; ich setzte vielmehr meine früher begonnenen 
Naturforschungen fort und beschäftigte mich haupt- 
sächlich mit der Frage, wie die denkende Seele trotz 
ihrer Teilnahme an den körperlichen Empfindungen 
unerschütterlich bleiben und das ihr eigene Gut be- 
wahren könne. Auch gab ich mich, fährt er fort, 
den Ärzten nicht dazu her, sich damit zu rühmen» 
v/as sie alles für Wunder an mir getan, sondern ich 
führte auch damals ein gutes und heiteres Leben. 
So mußt du es nun auch machen in Krankheit und 
anderen derartigen Lebenslagen. Den Grundsatz 
haben ja alle philosophischen Richtungen gemein, 
bei allen möglichen Ereignissen der Philosophie nicht 
untreu zu werden und in das Geschwätz unwissender, 
der Natur unkundiger Menschen nicht mit einzustim- 
men, vielmehr nur auf das, was gerade jetzt zu tun ist, 
und die dazu dienlichen Hilfsmittel acht zu haben. (41) 

So oft du an der Unverschämtheit eines Menschen 
Anstoß nimmst y frage dich alsbald: Ist es auch 

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möglich, daß es in der Welt keine unverschämten 
Leute gibt? Unmöglich. Verlange also nichts Un- 
mögliches; denn eben jener Mensch ist einer von 
den unverschämten, die es in der Welt geben muß. 
Gerade so frage dich hinsichtlich der durchtriebenen 
Schlauköpfe, der Treulosen und jedes Fehlenden. 
Denn so wie du dir klar machst, daß das Dasein 
von Menschen dieses Gelichters nun einmal nicht zu 
verhindern ist, wirst du auch gegen jeden einzelnen 
derselben milder gesinnt werden. Auch das ist gut, 
wenn man sogleich bedenkt, welche gute Eigenschaft 
die Natur dem Menschen gegenüber diesen schlechten 
Eigenschaften verliehen hat. Schenkte sie doch, wie 
eine Art Gegengift, dem Rücksichtslosen gegenüber 
die Sanftmut, einem andern aber eine andere Gegen- 
kraft, und überhaupt steht es ja in deiner Hand, 
den Irrenden eines Besseren zu belehren. Jeder 
Fehlende aber irrt, insofern als er sein Ziel verfehlt. 
Welchen Schaden aber hast du dadurch erlitten? 
Wirst du doch finden, daß keiner von denen, über 
die du dich so ereiferst, etwas getan hat, wodurch 
deine denkende Seele hätte verschlechtert werden 
können 1 Aber in dieser gerade haben alle deine Übel 
und Schäden ihren Grund! Was ist denn Schlimmes 
und Unerhörtes daran, wenn ein ungebildeter Mensch 
sich eben wie ein Ungebildeter benimmt? Sieh du 
zu, ob du nicht eher dich selber anklagen solltest, 
daß solch ein fehlerhaftes Benehmen von diesem 
Menschen dir so unerwartet kam! Hattest du ver- 
möge deiner Vernunft genug Anlaß anzunehmen, 
jener Mensch werde sich wahrscheinlich so benehmen, 
und dennoch vergaßest du das, und es wundert dich 



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jetzt, daß er sich vergangen hat! Besonders aber, 
wenn du dich über Treulosigkeit und Undank eines 
Menschen zu beschweren hast, blicke in dein eigenes 
Innere. Denn offenbar liegt hier der Fehler auf 
deiner Seite; ob du nun einem Menschen von der- 
artiger Gesinnung zutrautest, er werde sein Wort 
halten, oder ob du ihm nicht ohne allerlei Neben- 
absichten eine Wohltat erwiesest, anstatt vielmehr in 
dem Gedanken, dafi du von deiner Handlung bereits 
selbst schon alle Frucht eingeerntet hast. Denn was 
willst du noch weiter, wenn du einem Menschen eine 
Wohltat erwiesen hast? Genügt dir nicht das allein 
schon, daß du im Einklang mit deiner Natur etwas 
tun konntest, sondern forderst du noch einen Lohn 
dafür? Als ob das Auge dafür, daß es sieht, oder 
die Füße dafür, daß sie gehen, einen Lohn fordern 
wollten I Denn wie diese Glieder dazu da sind, daß 
sie ihre natürlichen Verrichtungen und damit ihren 
Zweck erfüllen, so erfüllt auch der Mensch, zum Wohl- 
tun geboren, so oft er eine Wohltat erzeigt oder sonst 
etwas für das Gemeinwohl Förderliches leistet, den 
Zweck seiner natürlichen Anlagen und erhält eben 
darin schon seinen Lohn! (42) 




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-riTTirst du denn nicht endlich einmal, meine Seele, 
YV gut, lauter, mit dir selber eins, hüllenlos und 
durchsichtiger als der dich umgebende Leib werden? 
Willst du nicht endlich einmal einer liebevollen und 
freundlichen Gesinnung froh werden? Wirst du nicht 
endlich einmal bedürfnislose Befriedigung finden, 
wo du nichts mehr begehrst noch verlangst, weder 
Beseeltes noch Unbeseeltes, um Freuden zu genießen? 
Wo du keine Zeit mehr brauchst, um den Genuß 
zu verlängern, noch einen Ort, noch eine Gegend, 
noch ein besonderes Klima, noch eine größere Har- 
monie mit den Menschen? Vielmehr mit deiner je- 
weiligen Lage zufrieden, dich der gesamten Gegen- 
wart freust und die feste Oberzeugung hegst, daß 
dir alles zur Verfügung stehe, alles für dich gut stehe 
und von den Göttern herrühre, daß aber zu deinem 
Besten dienen werde, was diesen gefällt und was sie 
nur zum Heil des vollendeten, guten, gerechten und 
schönen Wesens geben werden, das alles erzeugt, 
erhält, umfaßt und umgibt, was zur Entstehung an- 
derer ähnlicher Wesen sich auflöst? Wirst du nicht 
endlich einmal, meine Seele, durch dein Wesen dich 

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so mit Göttern und Menschen stellen können, daß 
du dich weder über sie beklagst, noch von ihnen 
verurteilt wirst? (1) 

Als unter der Herrschaft der Allnatur stehend gib 
acht, was deine Natur fordert; tue dies dann und 
lafi sie gewähren, vorausgesetzt, dafi die Verfassung 
deiner animalischen Natur dadurch nicht verschlimmert 
wird. Dann aber gib acht, was deine animalische 
Natur verlangt, und gönne ihr alles das, voraus- 
gesetzt, daß die Verfassung deiner vernünftigen Natur 
dadurch nicht verschlimmert wird. Das Vernünftige 
ist aber auch ein Geselliges. Diese Grundsätze be- 
folge und laß dich auf nichts weiter eini (2) 
Alles was geschieht, geschieht so, daß du ent- 
weder die natürliche Kraft hast, es zu tragen, 
oder daß du diese Kraft nicht besitzest. Trifft dich 
nun ein Geschick, das du zu tragen stark genug bist, 
so jammere nicht, trag' es nach deiner Kraft! Über- 
steigt es aber deine Kraft, so jammere doch nicht, 
es wird sich selbst aufreiben, wenn es an dir gezehrt 
hat. Vergiß aber nie, daß du von Natur alles tragen 
kannst, was erträglich und leidlich zu machen von 
deinem eigenen Urteil abhängt mit Hilfe der Vor- 
stellung, daß es dir fromme oder gebühre, so zu 
handeln. (3) 

Den Irrenden belehre mft Wohlwollen und zeige ihm 
seinen Fehler. Kannst du das aber nicht, so klage 
dich selber an, oder auch nicht einmal dich selber! (4) 

Was dir auch begegnet, es war dir von Ewigkeit 
her so vorherbestimmt, und die Verkettung der 
Ursachen hat von Anbeginn an dein Dasein und dies 
dein Geschick miteinander verknüpft. (5) 

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Sei nun die Welt ein Gewirre von Atomen oder ein 
geordnetes Ganzes, das steht zunächst fest: ich 
bin ein Teil des Ganzen, das von der Natur durch- 
waltet wird; und dann: ich bin mit allen mir gleich- 
artigen Teilen in engem Zusammenhang; daran den- 
kend werde ich mit nichts unzufrieden sein, was mir 
als einem Teil vom Ganzen zugeteilt wird; ist doch 
nichts dem Teil schädlich, was dem Ganzen förder- 
lich ist, denn das Ganze enthält nichts, was nicht 
ihm selbst förderlich wäre. Alle Naturwesen haben 
dies miteinander gemein, die Allnatur aber hat noch 
den weiteren Vorzug, daß sie durch keine außer ihr 
liegende Ursache gezwungen werden kann, etwas ihr 
selbst Schädliches zu erzeugen. In dem Gedanken 
also, daß ich ein Teil dieses Ganzen bin, werde ich 
mit allem, was mich trifft, zufrieden sein. Insofern 
ich aber mit den mir gleichartigen Teilen in engem 
Zusammenhang stehe, werde ich nichts gegen das 
Ganze tun, vielmehr werde ich meine Mitmenschen 
berücksichtigen und mein Streben ganz auf das all- 
gemeine Beste richten, vom Gegenteil mich aber fern- 
halten. Bei solcher Lebensführung muß mein Dasein 
glücklich dahinfließen, so glücklich, wie das Leben 
eines Bürgers dahinfließt, der von einer seine Mit- 
bürger beglückenden Tat zur andern fortschreitet 
und alles, was ihm der Staat auferlegt, gerne über^ 
nimmt (6) 

Alle Teile des Ganzen, alles, was von der Welt 
umschlossen wird, müssen zerstört oder besser 
gesagt, umgewandelt werden. Wäre nun dies für sie 
von Natur ein Übel und zwar ein notwendiges Übel, 
so hätte das Weltall bei dem ewigen Übergang seiner 



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Teile zur Veränderung und ihrer vorherrschenden Be- 
stimmung zur Zerstörung keine gute Leitung. Denn 
sollte etwa die Allnatur selber die Einrichtung ge- 
troffen haben, ihren eigenen Teilen Übles zuzufügen, 
ja sie nicht nur ins Dbel zu stürzen, sondern diesen 
Sturz sogar notwendig zu machen? Oder blieb ihr 
verborgen, daß so etwas werde? Beides ist doch un- 
glaublich. Doch, angenommen, diese Umwandlungen 
seien, abgesehen von der Allnatur, aus der natür- 
lichen Einrichtung der Dinge selbst abzuleiten, so 
wäre es doch lächerlich, einmal zu behaupten, die 
Teile des Ganzen müßten sich vermöge ihrer natür- 
lichen Anlage verwandeln, und das andere Mal über 
manches Ereignis als naturwidrig sich zu wundem 
oder zu ärgern; erfolgt doch die Auflösung in die 
Teile, aus denen jedes Ding entstanden ist, für sie 
wie eine Art Zerstäubung der Grundstoffe, woraus 
ein Ding zusammengesetzt ward, oder ein Obergang 
z. B. der festen Teile in das Erdige, der geistigen 
in das Luftartige, so daß auch sie wieder ins Welt- 
all aufgenommen werden, mag dies nun nach be- 
stimmten Perioden im Feuer auflodern oder sich durch 
ewige Umgestaltungen wieder erneuern. Denke aber 
nicht etwa, daß jene festen und geistigen Teile von 
Geburt an dir ankleben; denn alles dies ist dir Ja 
erst von gestern oder vorgestern durch Speisen und 
eingeatmete Luft zugeflossen. Also wird auch nur 
das, was auf solche Art dir zugeflossen, nicht aber 
das, was dir Mutter Natur bei der Geburt mitgab, 
umgewandelt Stellst du dagegen die Ansicht auf, 
daß die Natur jenes mit deiner besonderen Wesens- 
kraft innig verflochten habe, so halte ich das wirk- 

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Kch für einen recht nichtigen Einwurf gegen das 
Gesagte. (7) 

Hast du dir einmal die Namen gut, bescheiden, 
wahrhaft, verständig, gleichmütig, hochherzig 
erworben, so sorge dafür, daß du nie die umgekehrten 
Bezeichnungen verdienst; und solltest du diese Namen 
je verlieren, so suche sie dir rasch wieder anzueignen. 
Gedenke aber, daß das Wort „verständig" bedeutet: 
Alles sorgfältig unterscheiden und genau prüfen; 
„gleichmütig": das willig annehmen, was die All- 
natur beschieden hat; »hochherzig" dagegen bedeutet 
die Erhebung deines denkenden Teils über jede leise 
oder unsanfte Erregung des Fleisches, über den 
nichtigen Ruhm, den Tod und alles andere der Art. 
Wenn du dich nun im Besitz dieser Namen be- 
hauptest, ohne darauf aus zu sein, daß andere dich 
nach ihnen benennen, so wirst du ein anderer Mensch 
werden und ein anderes Leben beginnen. Denn 
immer noch so zu bleiben, wie du es bis jetzt ge- 
wesen bist, und in einem solchen Leben dich herum- 
zerren und verunglimpfen zu lassen, sähe einem 
Menschen gleich, der ganz stumpfsinnig am Leben 
hinge wie jene halbzerfleischten Tierkämpfer, die, 
mit Wunden und Blut bedeckt, dennoch bis zum 
anderen Tag aufbehalten zu werden flehen, obgleich 
sie ^och denselben Klauen und Bissen in gleichem 
Zustand vorgeworfen werden. Suche dich also in 
den Kreis jener wenigen Namen einzuarbeiten, und 
wenn du darin bleiben kannst, so tue es, wie wenn 
du auf die Inseln der Seligen versetzt wärest. Merkst 
du aber, daß du aus diesem Kreise herausfällst und 
dich nicht darin behaupten kannst, so ziehe dich 



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ohne Feigheit in irgend einen Winkel zurück, wo du 
dich behaupten kannst, oder verlaß das Leben über- 
haupt, ohne Zorn, in lauterer, freier und bescheidener 
Gesinnung, nachdem du wenigstens das eine im 
Leben erreicht hast, es so zu verlassen. Um aber 
die Erinnerung an jene Namen in dir immer lebendig 
zu erhalten, wird für dich der Gedanke an die Götter 
und daran ein kräftiges Heilmittel sein, daß diese 
von allen vernünftigen Wesen keine Schmeichelei, 
sondern das Streben, ihnen ähnlich zu werden, ver- 
langen und daß, wie nur das ein Feigenbaum ist, 
was die Bestimmung eines solchen, und nur das ein 
Hund oder eine Biene, was die Bestimmung eines 
Hundes oder einer Biene erfüllt, so auch der nur 
ein Mensch ist, der die Bestimmung des Menschen 
erfüllt. (8) 

Komödienspiel, Krieg, Schrecken, Erschlaffung, 
Sklavensinn können jeden Tag jene heiligen 
Wahrheiten, die du beim Blick in die Natur dir nur so 
im Vorbeigehen eingebildet hast, wieder in dir aus- 
löschen. Man muß vielmehr alles 50 beobachten 
und betreiben, daß zugleich die praktische Urteils^ 
kraft vervollkommnet, die theoretische Vernunft tätig 
erhalten und die Zuversicht gestärkt werde, welche 
aus allumfassender Einsicht stammend, geheim, doch 
nicht verborgen bleiben kann. Dann erst wirst du 
deiner Lauterkeit, dann deiner Würde froh werden 
und erkennen, was jedes Ding seinem Wesen nach 
ist, welchen Platz es in der Welt einnimmt, wie lange 
es seiner Natur nach dauern wird, aus welchen Teilen 
es besteht, wem es zufallen und wer es geben und 
nehmen könne. (9) 

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Die kleine Spinne ist stolz darauf, wenn sie eine 
Fliege gefangen hat. Mancher Mensch, wenn 
er ein Häschen, ein anderer, wenn er in seinem Netz 
eine Sardelle, ein dritter, wenn er einen Eber oder 
Bären, und noch ein anderer, wenn er Sarmaten fängt 
Sind aber all diese, wenn man die Triebfedern unter- 
sucht, nicht insgesamt Räuber? (10) 
Lerne wissenschaftlich untersuchen, wie alle Dinge 
sich ineinander verwandeln, lenke darauf deine 
beständige Aufmerksamkeit und übe dich in diesem 
Fach. * Denn nichts ist für die Seelengröße so förder- 
lich. Wer sie besitzt, hat seinen Leib schon abge- 
streift, und wenn er daran denkt, dafi er gar bald 
dieses alles verlassen und aus dem Menschenleben 
scheiden mufi, so überläßt er sich hinsichtlich seines 
Wirkens ganz und gar der Gerechtigkeit, hinsichtlich 
seiner Schicksale jedoch der Ällnatur. Was aber 
andere von ihm sagen oder urteilen oder ihm zu- 
wider tun mögen, das läßt er sich nicht anfechten; 
denn mit den zwei Grundsätzen nämlich das recht 
zu tun, was er jetzt zu tun hat, und in Liebe hinzu- 
nehmen, was ihm jetzt zugeteilt wird, zufrieden, läßt 
er alle anderen Geschäfte und Ziele fahren und 
will weiter nichts als auf dem Pfad des Gesetzes 
seinem Ziel geradeswegs zueilen und also der Gott- 
heit folgen, die auch geradeswegs ihrem Ziel ent- 
gegeneilt. (11) 
Wozu die Besorglichkeit? Steht es doch in deiner 
Hand zu untersuchen, was der Augenblick ver- 
langt, und wenn du das einsiehst, wohlwollend und 
festen Schrittes diesen Weg zu wandeln, fehlt dir 
aber diese Einsicht, stehen zu bleiben und bei den 



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Besten dir Rat zu holen, sollten sich aber andere 
Schwierigkeiten dagegen auftürmen, unter Anwendung 
der vorhandenen Mittel mit Überlegung und fester 
Anhänglichkeit an das, was dir recht scheint, vor- 
wärts zu gehen. Das ist das Beste, was du tun 
kannst; es zu verfehlen ist daher bedauerlich. Ruhe, 
verbunden mit leichter Beweglichkeit, Heiterkeit, die 
des Ernstes nicht entbehrt — das ist das Wesen des 
Mannes, der in allem der Vernunft folgt. (12) 

Du mufit dich gleich beim Erwachen aus dem 
Schlafe fragen: Wird es mir zu gut kommen, 
wenn ein andrer tut, was recht und gut ist? Keines- 
wegs. Hast du etwa vergessen, was diejenigen, die 
sich mit ihren Lobsprüchen und ihren Tadeln über 
andere brüsten, auf ihrem Lager oder bei Tisch für 
Leute sind, was sie alles tun, was sie meiden, wo- 
nach sie streben, was sie zusammenstehlen und rauben, 
nicht mit Händen und Füßen, sondern mit dem kost- 
barsten Teil ihres Wesens, der, wenn man nur wollte, 
die Quelle der Treue, Bescheidenheit, Wahrheit, des 
Gesetzes und eines guten Geistes sein könnte. (13) 

Zu der alles spendenden und wieder zurück- 
nehmenden Natur sagt der gebildete und be- 
scheidene Mensch: »Gib, was du willst, nimm, was 
du willst"* ; er sagt dies aber nicht aus Trotz, sondern 
in gehorsamer und gelassener Gesinnung. (14) 

Kurz ist der Rest meines Lebens. Lebe wie auf 
einem Berg. Es ist ja eineriei, ob man hier 
oder dort, wenn man nur überall in der Welt wie 
in seiner Heimat lebt. Die Leute sollen in dir einen 
wahren, im Einklang mit der Natur lebenden Menschen 
sehen und erkennen. Können sie dich so nicht er- 

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tragen, so mögen sie dich umbringen. Immer noch 
besser, als so zu leben. (15) 

Es kommt gar nicht darauf an, dich immer über 
die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes 
zu unterhalten — man muß vielmehr ein solcher 
sein! (16) 

Die ganze Ewigkeit und den ganzen Weltstoff stelle 
dir immer vor und bedenke, daß jedes Einzel- 
wesen mit dem All verglichen einem Feigenkömchen 
gleicht und mit der unendlichen Zeit verglichen wie 
der Augenblick erscheint, in dem man einen Bohrer 
umdreht! (17) 

Jedes Sinnenwesen, das du betrachtest, stelle dir 
als schon in Auflösung, Verwandlung, gleichsam 
Verwesung oder Zerstreuung begriffen vor. Denke 
daran, daß jedes Ding nur geboren ist, um zu 
sterben. (18) 

Was sind das für Menschen, die nur essen, schlafen, 
sich begatten, verdauen und dergleichen tierische 
Funktionen mehr verrichten? Und was die, welche 
die Herren spielen, stolz einherschreiten, sich un- 
gehalten gebärden und von ihrer Höhe herab mit 
Scheltworten um sich werfen? Vor kurzer Zeit beugten 
sie sich knechtisch vor weiß Gott wem und um weiß 
Gott welchen Lohn! Und nach einer kleinen Weile 
was wird aus ihnen werden? (19) 

Jedem ist zuträglich, was ihm die Allnatur bringt, 
und gerade in dem Augenblick, wenn sie es 
bringt. (20) 

Der Regen liebt die Erde, sie liebt der hehre Äther; 
die Welt liebt zu tun, was geschehen soll; daher 
sage ich zur Erde: ich Hebe, was du liebst. Ist's nicht 



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auch so eine gewöhnliche Redensart: Dies pflegt 
gerne zu geschehen? (21) 

Entweder lebst du hier weiter und hast dich dann 
schon daran gewöhnt; oder du gehst von hier 
weg und wolltest dann eben dies; oder du stirbst 
und hast damit ausgedient Ein viertes aber gibt es 
nicht. Sei also nur gutes Mutes I (22) 

Immer sei dir das klar, dafi dies Stflck Erde auch 
ein Stück Erde ist und daß hier alles gerade so 
ist wie dort, wo andere leben, auf hohen Bergen 
oder an der See, oder wo du sonst willst I Du wirst 
Piatos Wort bestätigt finden, ob du nun vom Stall 
eines Ziegenhirten, der auf den Bergen seine Herde 
milkt, odervon einerStadtmauer umschlossen bist I (23) 

Was ist die leitende Vernunft in mir? Und was 
mache ich jetzt selbst aus ihr? Und wozu be- 
diene ich mich jetzt ihrer? Ist sie unsichtbar? Oder 
von der Gemeinschaft abgetrennt und abgerissen? 
Oder an das Fleisch gekettet und mit ihm ver- 
schmolzen? Muß sie also alle seine Bewegungen 
teilen? (24) 

Wer seinem Herrn durchgeht, ist. ein Ausreißer; 
ein Herr ist aber das Gesetz; wer also dawider 
handelt, ist ein Ausreißer. Aber nicht minder, wer 
sich betrübt, erzürnt, fürchtet. Denn der will nicht, 
daß geschehen sei oder geschehen s(9ll, was doch 
der Allgebieter, das Gesetz, bestimmt hat, der für 
jeden festsetzt, was ihm zukommt. Also ist der Furcht- 
same, Leidtragende und Zornige ein Ausreißer. (25) 
Den Samen vertraut man dem Mutterschoße und 
geht davon; nachher nimmt eine andere wirkende 
Kraft ihn auf, verarbeitet ihn und vollendet des Kindes 

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Bildung. Welch ein Wesen aus welch einem Anfang! 
Wieder schluckt die Mutter durch den Mund Speise, 
nachher nimmt diese eine andere wirkende Kraft auf 
und bereitet daraus Empfindung, Trieb, überhaupt 
Leben und Stärke und wer weiß, wie viele und 
welcherlei Dinge sonst noch! Betrachte nur, wie dies 
alles im Verborgenen wird, und lerne die dabei tätige 
Kraft kennen, wie wir auch die Schwerkraft zwar 
nicht mit den Augen, aber doch ebenso einleuchtend 
erkennen. (26) 

Halte dir ständig im Sinn, dafi alles, wie es jetzt 
ist, auch ehemals war, und daß es immer so sein 
wird. Stelle dir alle die gleichartigen Schauspiele 
und Auftritte vor, die du aus eigener Erfahrung oder 
aus der Geschichte kennst, z. B. den ganzen Hof 
eines Hadrian, eines Antonin, eines Philipp, eines 
Alexander, eines Krösus! Oberall dasselbe Schau- 
spiel, nur von andern Personen gespielt! (27) 
Wie ein Schwein, das an der Schlachtbank um 
sich schlägt und ein Geschrei erhebt, so macht 
es der Mensch, der über irgend etwas Trauer oder 
Unwillen empfindet. Nicht viel anders ist, wer auf 
einsamem Lager in der Stille unsere menschliche Un- 
freiheit beseufzt. Vergiß doch nicht, daß es den 
vernünftigen Wesen allein gegeben ist, freiwillig allen 
Schickungen zu folgen; schlechthin aber sich zu 
unterwerfen, ist für alle Wesen Notwendigkeit. (28) 

Bei der Untersuchung jedes Einzeldinges, womft du 
zu tun hast, stelle dir die Frage: ist der Tod etwas 
Schreckliches, weil er dich dieses Dinges beraubt? (29) 

So oft du am Fehler eines andern Anstoß nimmst, 
ziehe dich gleich in dein Inneres zurück und 



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überlege, welche ähnlichen Fehler du begehst: du 
hältst z. B. Geld, Vergnügungen, eiteln Ruhm und 
dergleichen für Güter! Sobald du dies bedenkst, 
wird dein Zorn schnell nachlassen, zumal wenn es 
dir noch einfällt, daß jener Mensch gezwungen ist, 
so zu handeln. Denn was kann er tun? Vermagst 
du's aber, befreie ihn doch von diesem Zwangl (30) 

Siehst du Satyrio, den Sokratiker, so stelle dir den 
Eutyches öder Hymenes vor; beim Anblick des 
Euphrates denke an Eutychio oder Silvanus und auch 
an Alkiphron und Tropaeophorus, und bei Xenophons 
Anblick falle dir Kriton oder Severus ein, und indem 
du auf dich selber zurückschaust, stelle dir einen 
andern Kaiser und bei jedem wieder seinesgleichen 
von Dann stelle dir die Frage: wo sind nun alle 
diese? Nirgends, oder weiß Gott, wo! So nämlich 
wird dir alles Menschliche stets erscheinen, ein Rauch, 
ein Nichts; besonders wenn du dich zugleich daran 
erinnerst, daß, was sich einmal verwandelt hat, in 
alle Ewigkeit nicht mehr sein wird. Wie lange also 
du noch? Aber was bist du nicht damit zufrieden, 
diese kurze Zeit in Ordnung hinzubringen? Welchem 
Stoff und Anlaß zur Tätigkeit gehst du aus dem Weg? 
Denn all dies um dich her, was ist es anderes denn 
Übungsmittel für die Vernunft, die alles im Leben 
mit dem gründlichen Blick eines Naturforschers be- 
trachtet? Verweile also nicht bei den Dingen, bis 
du auch sie dir völlig zu eigen gemacht hast, wie 
ein starker Magen sich gewöhnt, alles zu ver- 
dauen, oder wie ein loderndes Feuer alles, was 
man hineinwirft, zu Flamme und Strahlenglut um- 
bildet. (31) 

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Sorge dafür, daß niemand in Wahrheit von dir 
sagen kann, du seist nicht lauter, du seist nicht 
gut; vielmehr soll der ein Lügner sein, wer also über 
dich urteilen wollte. All dies hängt nur von dir 
ab. Denn wer will dich hindern, gut und lauter 
zu seinl Sei nur entschlossen , eher zu sterben, 
als nicht ein solcher Mann zu werden. Billigt es ja 
auch die Vernunft keineswegs, wenn du das nicht 
bist. (32) 

Was kann man bei dieser Gelegenheit am besten 
sagen oder tun? Es sei, was es wolle, es steht 
ja bei dir, es zu tun oder zu sagen; tue nur nicht 
so, als ob du daran gehindert würdest. Nicht eher 
wird dein Seufzen ein Ende nehmen, bis dein Gefühl 
dir sagt, daß, was für den Wollüstling die Schwelgerei, 
für dich eine Tätigkeit sei, die bei jeder sich bieten- 
den Gelegenheit im Einklang mit den menschlichen 
Naturanlagen handelt; denn eben als einen Genuß 
muß man alles auffassen, was man im Einklang mit 
seiner eigenen Natur wirken kann. Überall kann 
man dies. Der Walze freilich ist es nicht gegeben, 
nach eigener Kraft sich in jeder Richtung zu bewegen, 
ebensowenig dem Wasser, dem Feuer, oder allem 
anderen, was unter der Leitung der Naturgesetze oder 
eines bewußtlosen Instinktes steht. Denn hier treten 
viele Hindemisse ein. Geist und Vernunft aber ver- 
mögen kraft ihrer natürlichen Beschaffenheit und ihres 
Willens über alles, was sich ihnen in den Weg legt, 
hinwegzuschreiten. Diese Leichtigkeit, mit der die 
Vernunft wie das Feuer aufwärts, der Stein abwärts, 
die Walze auf schiefer Fläche überall durchzudringen 
vermag, stelle dir vor, und du wirst nichts weiter 



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verlangen. Denn alle übrigen Anstöße treffen ent- 
weder den Leib als eine tote Masse, oder sie können 
dir keine Wunden schlagen noch dir sonst ein Übel 
antun, außer wenn dein Urteil oder deine Vernunft 
selbst sich dazu hergibt; sonst müßte ja, wer einen 
solchen Anstoß erleidet, im selben Augenblick da- 
durch schlecht werden, wie dies bei allen übrigen 
Einrichtungen der Fall ist, daß, wenn dem einen 
oder andern von ihnen ein Übel zustößt, der leidende 
Teil dadurch schlechter wird; hier aber wird im 
Gegenteil der Mensch, wenn man es sagen soll, 
noch besser und lobenswerter, wenn er die ihn 
treffenden Anstöße recht benützt. Überhaupt aber 
vergiß nie, daß dem Bürger nichts schadet, was 
dem Staate nichts schadet, und daß dem Staate 
nichts schadet, was dem Gesetze nichts schadet 
Von diesen sogenannten Unglücksfällen aber schadet 
keiner dem Gesetz, Was also dem Gesetze nicht 
schadet, schadet auch nicht dem Staate noch dem 
Bürger. (33) 

Wer von den wahren Grundsätzen durchdrungen 
ist, dem genügt auch der kürzeste und all- 
bekannte Ausspruch, um ihm Trost zu bringen und 
Furchtlosigkeit zu verschaffen: „Es*) verwehet der 
Wind zur Erde die Blätter , . . so der Menschen 
Geschlecht" Blätter sind auch deine Kindlein, Blätter 
alles, was mit der Wahrheit Miene und lauter Stimme 
andere lobpreist oder verwünscht oder im stillen 
tadelt und verhöhnt, Blätter ebenso, was deinen 
Nachruhm fortpflanzen wird. Denn alles dies »Wird 
darnach zur Zeit des Frühlings geboren"; dann weht 
es ein Windstoß zu Boden, und hierauf treibt der 

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Wald wieder anderes an seiner Stelle hervor. Kurze 
Lebensdauer ist ihnen allen gemein; du aber fliehst 
sie, oder rennst ihnen nach, als ob sie ewig wären. 
Über ein kleines, und auch dir werden die Augen 
zufallen, und den, der dich bestattet hat, wird bald 
ein anderer beweinen. (34) 

Ein gesundes Auge muß alles Sichtbare sehen und 
nicht sprechen: ich will nur Grünes; denn das 
wäre ein Zeichen von Augenkrankheit. So müssen 
auch Gehör und Geruch, wenn sie gesund sind, für 
alles Hörbare und Riechbare empfänglich sein. Eben- 
so muß ein gesunder Magen alle Nahrungsmittel 
verdauen können, wie eine Mühle alles aufnehmen 
kann, zu dessen Zermalmung sie eingerichtet ist. 
So muß auch ein gesunder Verstand auf alle Ereig- 
nisse gefaßt sein. Sagt jemand aber: »Wenn nur 
meine Kinder nicht sterben!" oder: „Wenn nur alle 
meine Handlungen immer gelobt werden 1", so gleicht 
er dem Auge, welches nur das Grüne oder den 
Zähnen, welche nur das Mürbe haben wollen. (35) 

Niemand ist so glücklich, daß an seinem Sterbe- 
bette nicht einige stehen, die sein herannahendes 
Ende willkommen heißen. Angenommen, er war ein 
trefflicher und weiser Mann: gewiß findet sich am 
Ende jemand, der zu sich selbst sagt: »Nun werden 
wir doch endlich vor diesem Schulmeister wieder 
frei aufatmen können; zwar schlimm war er mit 
keinem von uns, aber ich hatte doch immer das Ge- 
fühl, daß er im stillen uns alle verdamme!" Solches 
geschieht nun beim Tod eines trefflichen Mannes; 
an uns aber, wie viel mag da noch hängen, um 
dessentwillen mancher unsrer los zu werden wünscht 

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Daran denke in deiner Sterbestunde, und du wirst 
leichter von hinnen scheiden, wenn du dir sagst: 
Ein Leben soll ich also verlassen, aus dem selbst 
meine Genossen, fflr die ich so viel gekämpft, ge- 
betet und gesorgt habe, mich hinwegwünschen, in- 
dem sie von meinem Tode eine Erleichterung erhoffen. 
Warum sollte sich also einer an ein längeres Ver- 
weilen hier festklammem? Und doch scheide des- 
halb nicht weniger freundlich von ihnen, sondern 
bleibe deiner Sinnesart getreu, scheide liebevoll, wohl- 
gesinnt, mild, und nicht wie gewaltsam von ihnen 
losgerissen; sondern wie die Seele des sanft Sterben- 
den sich leicht dem Körper entwindet, so mufi auch 
dein Scheiden von ihnen sein. Denn an sie hat die 
Natur dich einst geknüpft und gekettet, aber jetzt 
löst sie das Band wieder. So will ich denn von 
ihnen wie von Freunden, nicht mit Sträuben, sondern 
ohne Zwang, mich ablösen lassen. Denn auch dies 
eine gehört zu den Gesetzen der Natur. (36) 

Gewöhne dich bei allem, was ein andrer tut, so 
viel wie möglich daran, bei dir selbst zu fragen: 
Welchen Zweck verfolgt dieser Mensch damit? An- 
fangen mufit du aber bei dir selbst und dich selbst 
vor allem prüfen! (37) 

Wisse, daß das, was dich wie mit unsichtbaren 
Fäden hin und her zieht, in deinem Innern 
verborgen wohnt: Die Überredungskunst, das Leben, 
ja, sozusagen, der eigentliche Mensch. Nie ver- 
wechsle mit diesem sein äufierliches Gehäuse und 
die ihm von allen Seiten angebildeten Werkzeuge. 
Denn sie sind eine Art Verband, nur mit dem einen 
Unterschied, dafi sie ihm angeboren sind. Denn die 

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Körperteile sind ohne die sie bewegende und hemmende 
Kraft nicht mehr wert als ein Weberschiffchen ohne 
Weber, ein Schreibrohr ohne Schreiber, eine Peitsche 
ohne Wagenlenker. (38) 




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i V 

ELFTES BUCH 



QüEv 



DD 



Die Eigentümlichkeiten der vernünftigen Seele sind: 
sie betrachtet sich selbst, zergliedert sich selbst 
und bildet sich selbst nach eigenem Gefallen; die 
Frucht, die sie trägt, genießt sie selbst, während von 
den Früchten der Pflanzen und dem Nutzen, den 
uns die Tiere gewähren, nur andere den Vorteil 
haben; sie erreicht ihr bestimmtes Ziel, wo ihrem 
Leben auch immer die Grenze gesetzt ist. Es ist 
hier nicht wie bei einem Ballett, einem Schauspiel 
und dergleichen, wo eines Zwischenfalls wegen die 
ganze Handlung unvollendet bleibt, vielmehr führt 
sie, wo und wann auch die Handlung aufhören mag, 
ihre Aufgabe vollständig und lückenlos zu Ende, so 
daß sie sagen kann: Ich habe das Meinige dahin. 
Auch umwandelt sie die ganze Welt samt dem diese 
umgebenden leeren Raum und versteht die Form 
derselben; sie breitet sich aus über die endlose Zeit, 
sie begreift und betrachtet allseitig die periodisch 
eintretende Wiedergeburt aller Dinge und erkennt 
daraus, daß unsere Nachkommen nichts Neues schauen 
werden, so wenig als unsere Vorfahren etwas anderes 
gesehen haben; es kann also gewissermaßen ein 

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vierzigjähriger Mann, wenn er nur einigen Geist be- 
sitzt, nach dem Gesetz der Gleichförmigkeit in alles, 
was da war und sein wird, einen Einblick haben. 
Endlich ist auch das eine der Eigentümlichkeiten 
der denkenden Seele, daß sie den Nächsten, die Wahr- 
heit und die Bescheidenheit liebt und nichts höher 
achtet als sich selbst, was ja auch zum Wesen des 
Gesetzes gehört. So findet mithin zwischen der 
richtig denkenden und gerechtwirkenden Vernunft 
gar kein Unterschied statt. (1) 

Die Reize eines Gesanges oder eines Balletts und 
Kampfspieles wirst du gering achten lernen, 
wenn du z. B. das harmonische Ganze des Gesanges 
in seine einzelnen Teile zeriegst und bei jedem dich 
selber fragst, ob dich wohl dieser hinreißen könne: 
du wirst beschämt seinl Ebenso, wenn du bei jeder 
Bewegung und Stellung des Balletts und beim Kampf- 
spiel ein Gleiches tust Überhaupt — die Tugend 
und was von ihr stammt, ausgenommen — zer- 
gliedere alle Dinge in ihre Bestandteile und betrachte 
sie dann, und du wirst dabei zu ihrer Geringschätzung 
kommen. Dasselbe Verfahren wende aber auch auf 
dein ganzes Leben an. (2) 

Was ist das doch für eine Seele, die bereit is^ 
jeden Augenblick vom Körper, wenn es sein 
soll, sich abzulösen und entweder zu erlöschen oder 
zu zerstäuben oder mit ihm fortzudauern! Diese 
Bereitschaft aber muß aus der eigenen Überzeugung 
stammen und nicht wie bei den Christen bloßer 
Eigensinn, sondern mit reiflicher Überlegung und 
Würde verbunden und ohne tragischen Pomp sein, 
so daß sie auch andere überzeuge I (3) 



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Habe ich eine gemeinnützige Handlung vollbracht? 
Wenn ja, so habe ich selbst auch Vorteil davon. 
Diesen Gedanken habe stets vor Augen und höre in 
keiner Lage auf, darnach zu handeln I (4) 

Was ist deine Kunst? Ein rechtschaffener Mensch 
zu sein. Wie gelingt dies aber anders, als 
durch klare Einsichten teils in das Wesen der All- 
natur, teils in die dem Menschen eigentümlichen 
Anlagen. (5) 

Zuerst wurden die Tragödien eingeführt, um den 
Zuschauem einzuprägen, dafi gewisse Ereignisse 
natürlicherweise so und nicht anders geschehen 
können und daß sie das, was sie auf der Theater- 
bühne anzieht, auf der Bühne der Welt nicht wider- 
wärtig finden dürfen. Sehen sie ja doch, daß alles 
notwendig so kommen mußte und daß am Ende 
auch die, welche ,0 war* ich nie geboren!* aus- 
riefen, es haben ertragen müssen. Auch wird ja von 
den Schauspieldichtem manch* nützliche Wahrheit aus- 
gesprochen, wie: 

»Werd' ich samt Kind verlassen von den Göttern, 

Auch das hat seinen Grand;" 
und an einer andern Stelle: 

„Der Außenwelt muß man nicht zürnen 1* 
oder: 

„Ernte das Leben wie die reife Ähre!* 
und was dergleichen Stellen mehr sind. 
Nach der Tragödie kam die ältere Komödie; sie 
übte eine sittenrichterliche Freimütigkeit und wirkte 
durch ihre Rücksichtslosigkeit mit großem Nutzen 
auf die Entfemung des Eigendünkels; darum hat 
auch ein Diogenes sich manches aus ihr angeeignet 

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Die darauffolgende mittlere Komödie, was war sie? 
Und endlich die neue, die bald in mimische Künste- 
leien ausartete, zu welchem Zweck ist sie eingeführt 
worden? Das möchf ich wissen! Zwar kann man 
nicht leugnen, daß auch hier manch* nützlich* Wort 
gesprochen wird; aber auf welchen Zweck hat es 
denn eigentlich die ganze Mache dieser Art drama- 
tischer Poesie abgesehen? (6) 
VfTTie einleuchtend muß es dir doch vorkommen, 
VV d^fi kernt andere Lebenslage zum Studium der 
Philosophie so geeignet ist, wie die, in der du dich 
jetzt gerade befindest! (7) 

Ein Zweig, von seinem Nachbarzweig losgehauen, 
ist damit notwendigerweise zugleich auch vom 
ganzen Baum abgehauen. So ist also auch ein 
Mensch, der von einem seiner Mitmenschen sich los- 
sagt, von der ganzen menschlichen Gesellschaft ab- 
gefallen. Den Zweig nun schlägt doch noch eine 
fremde Hand ab, ein Mensch aber sondert sich durch 
Haß und Abscheu selbst von seinem Nächsten ab 
und bedenkt dabei nicht, daß er sich damit zugleich 
vom ganzen Gemeinwesen losgerissen hat. Doch ist 
es von der Gottheit, die die menschliche Gesellschaft 
zusammenfügte, uns vergönnt, wieder mit dem Nach- 
barzweig zusammen zu wachsen und wieder ein er- 
gänzender Teil des Ganzen zu werden. Je häufiger 
freilich eine solche Trennung eintritt, desto schwieriger 
wird auch die Wiedervereinigung und Wiederher- 
stellung des Getrennten. Und überhaupt ist ein 
Unterschied zwischen einem Zweig, der von Anfang 
an mit dem ganzen Stamm emporwuchs und mit 
ihm vereinigt blieb, und einem andern, der erst ab- 



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gehauen und dann wieder eingepfropft ward. Denn 
dieser wfichst, was auch die Gärtner sagen mögen» 
2war mit seinem Stamm wieder zusammen, schmiegt 
sich ihm aber doch nicht mehr völlig an. (8) 

Wer dich hindern will, den Weg der gesunden 
Vernunft zu gehen, würde doch nicht imstande 
sein, dich von pflichtmäBiger Handlungsweise ab- 
wendig zu machen; ebensowenig aber lafi' du dich 
in deinem Wohlwollen gegen die Menschen irre 
machen. Vielmehr bleibe gleichmäßig fest in dieses 
beiden Grundsätzen, nämlich nicht nur in deinen Ur- 
teilen und Handlungen Folgerichtigkeit, sondern auch 
Sanftmut gegen die zu zeigen, welche dich daran zu 
hindern suchen, oder sonst deinen Unwillen erregen. 
Denn ihnen zürnen, wäre gerade so schwach, als 
seiner Handlungsweise untreu werden und aus Be- 
stürzung nachgeben; in beiden Fällen würdest du ja 
fahnenflüchtig werden, dort aus Furcht, hier aus Ab- 
neigung gegen deine natürlichen Verwandten und 
Freunde. (9) 

Die Natur bleibt niemals hinter der Kunst zurüde; 
vielmehr ahmt jede Kunst die Natur nach, und 
wenn dies ist, so dürfte wohl die vollkommenste 
und alles andere umfassende Natur niemals der 
künstlerischen Geschicklichkeit nachstehen. Alle Künste 
aber bringen das Unvollkommene zum Zweck des 
Vollkommenen hervor; ebenso verfährt auch die Ali- 
natur. Hieraus entspringt auch die Gerechtigkeit, 
aus der alle andern Tugenden sich entwickeln; denn 
die Gerechtigkeit wird von uns nicht beobachtet 
werden, solange wir uns noch mit gleichgültigen 
Dingen zu schaffen machen« oder uns als leicht- 

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verführbare, voreilige und wankelmütige Menschen 
zeigen. (10) 

Die Außenwelt, die du mit Furcht oder Hoffnung 
suchst oder fliehst, kommt nicht zu dir, sondern 
du kommst gewissermaßen zu ihr; bewahre also auch 
deinem Urteil über sie die Ruhe, dann wird auch sie 
ruhig bleiben, wo sie ist, und bei dir wird man 
weder Furcht vor ihr noch Verlangen nach ihr 
sehen. (11) 

Einer Kugel gewissermaßen gleicht die Seele, in- 
sofern sie sich weder nach irgend einer Seite hin 
ausdehnt, noch in sich selbst zurückzieht, noch sich 
verflüchtigt, noch versinkt, sondern von einem Licht 
umstrahlt wird, in dem sie die Wahrheit von allem, 
also auch die in ihr selbst befindliche, erblickt. (12) 

Verachtet mich jemand? Das ist seine Sachet 
Ich aber will darauf bedacht sein, in meinen 
Handlungen und Worten nicht als ein Mensch be- 
funden zu werden, der Verachtung verdient Haßt 
er mich, so ist das wieder seine Sache, die meinige 
aber, liebreich und wohlwollend gegen alle Menschen 
zu sein, und gerade jenem gegenüber bereit, ihm 
sein Versehen nachzuweisen, ohne ihn zu beschimpfen 
oder ihn meine Nachsicht fühlen zu lassen, sondern 
aufrichtig und gutherzig zu sein, wie Phokion, wor 
fem dessen Benehmen nicht Heuchelei war. Dein 
Inneres muß nämlich von der Art sein, daß die Götter 
in dir einen Menschen sehen, aus dessen Gemüts- 
stimmung weder Ärger noch Mißmut blickt Denn 
was kann es auch Übles für dich get>en, wenn du 
jedesmal freiwillig tust, was deine Natur verlangt, 
und als ein Mensch, dazu bestimmt, das allgemeine 



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Beste auf jede mögliche Weise zu fördern, das an- 
nimmst, was der Allnatur gerade jetzt dienlich ist? (13) 
Menschen, die sich gegenseitig verachten, sind 
gerade die, die einander gefallen wollen; und 
Menschen, die sich voreinander bücken, sind die, 
die sich untereinander hervortun wollen. (14) 

Innerlich verfault und betrügerisch ist der Mensch, 
der da sagt: »Ich habe den Entschluß gefaßt, ohne 
Falsch mit dir umzugehen!" Wozu diese unnötige 
Einleitung? Auf der Stelle muß es sich zeigen; 
schon auf deiner Stime muß diese Versicherung ge- 
schrieben stehen, aus deinen Äugen muß sie hervor- 
leuchten, wie der Geliebte im Blick des Liebenden 
sogleich alles lesen kann. Oberhaupt muß der arg- 
lose und gute Mensch in seiner Art eben das sein, 
was der übelriechende in der seinigen ist: Wer ihm 
nahesteht, merkt es sogleich, er mag wollen oder 
nicht. Eine erkünstelte Aufrichtigkeit dagegen ist 
wie ein versteckter Dolch. Nichts Schändlicheres 
gibt es als Wolfsfreundschaft; meide sie allermeist 
Der gute, arglose und wohlwollende Mensch offen- 
bart sich uns erkennbar schon in seinem Blick. (15) 
Die Fähigkeit, ein glückliches Leben zu führen, 
liegt in unserer Seele, sie darf nur gegen gleich- 
gültige Dinge sich wirklich auch gleichgültig ver- 
halten. Und sie wird sich dann so verhalten, wenn 
sie jedes Ding nach seinen Teilen und im ganzen 
betrachtet, und dabei nicht vergißt, daß kein einziges 
unter ihnen uns ein Urteil von ihm aufzwingt, noch 
zu uns kommt, sondern unbeweglich stehen bleibt; 
daß vielmehr wir es sind, die die Vorstellungen von 
ihnen erzeugen und uns diese gleichsam selbst ein- 

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prägen, während wir sie doch nicht einzuprägen 
brauchten, oder auch, wenn sie sich bei uns etwa 
eingeschlichen haben, sie sogleich wieder austilgen 
können. Einer solchen Vorsichtsmaßregel bedarf es 
ja auch nur auf kurze Zeit, da unser Leben bald zu 
Ende sein wird. Was für Schwierigkeiten soll dem- 
nach dieses richtige Verhalten eigentlich besitzen? 
Denn, steht es mit der Natur im Einklang, so freue 
dich dessen, und es mufi dir leicht sein; steht es 
aber mit der Natur im Widerspruch, so untersuche, 
was deiner Natur entspricht und strebe dann darnach, 
auch wenn es dir keinen Ruhm einbringt. Jeder 
kann seines Glückes Schmied werden! (16) 

Woher jedes Ding kommt, aus welchen Stoffen 
es besteht, in welche Form es sich verwandelt, 
wozu es durch diese Verwandlung wird, und daß ihm 
dabei kein Übel widerfährt — daran denke immer. (17) 

Erstens ist zu untersuchen: welches ist mein Ver- 
hältnis zu den Menschen? Füreinander sind 
wir alle da; und in einer andern Hinsicht bin ich 
zu ihrem Vorgesetzten geworden, wie der Widder 
für die Schafe und der Stier für die Rinder; doch 
erhebe dich auf einen höheren Gesichtspunkt: ist 
nicht alles nur ein Gewirre von Atomen, so ist die 
Natur die Walterin des Alls; in diesem Falle sind die 
niederen Wesen um der höheren willen, die höheren 
aber um einanderwillen da. 

Zweitens: Wie zeigen sich die Menschen bei Tische, 
auf dem Ruhebett und in ihren anderen Lebenslagen; 
besonders aber, welche Gewalt haben ihre Grund- 
sätze über sie und mit wieviel Eigendünkel verrichten 
sie ihre Handlungen? 



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Drittens: Handeln sie vernünftig, so darfst du nicht 
unwillig werden, handeln sie aber unvernünftig, so 
geschieht dies offenbar gegen ihr besseres Wollen 
und Wissen. Denn wie jede Seele ungern auf die 
Wahrheit verzichtet, so auch auf das richtige Betragen 
gegen jedermann. Sie ärgern sich wenigstens dar- 
über, wenn man sie Ungerechte, Undankbare, Eigen- 
nützige, mit einem Wort Übeltäter an ihren Neben- 
menschen nennt. 

Viertens: Auch du fehlst oft und bist also auch so 
ein Mensch; und wenn du dich auch von gewissen 
Vergehungen fem hältst, so hast du wenigstens die 
hierfür wirksame Anlage, magst du dich auch aus 
Feigheit oder Ehrsucht oder sonst einer schlimmen 
Eigenschaft von derartigen Vergehungen fernhalten. 
Fünftens: Du bist dessen nicht einmal gewiß, ob 
der oder jener sich auch wirklich vergangen hat; 
denn vieles geschieht auch unter dem Drang der 
Verhältnisse; und man muß überhaupt mit vielem 
zuvor bekannt sein, um über die Handlungsweise 
eines andern ein begründetes Urteil abgeben zu 
können. 

Sechstens: Wenn du dich einmal allzusehr erzürnst 
oder grämst, so denke daran, wie kurz das Menschen- 
leben ist und daß wir alle gar bald im Grabe sein 
werden. 

Siebentens: Nicht die Handlungen beunruhigen uns, 
denn sie beruhen ja auf ihren leitenden Grundsätzen; 
sondern vielmehr unser Wähnen. Beseitige also 
dieses und habe nur den Willen, dein Urteil darüber, 
als sei es etwas Schreckliches, aufzugeben, dann ist 
auch dein Zorn verschwunden. Wie kannst du al>er 

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nun dies bjesdtigen? Durch die Erwägung, daß nur 
das Böse dich schändet; Wäre dem nicht sp, dann 
könntest du auch zu vielen Vergehen,, ja wohl gar 
zum Raub und allen möglichen Verbrechen gezwungen 
werden. 

Achtens: Wieviel schwerer ist die Last, die uns der 
Zorn und Kummer, den wir über die Handlungen 
anderer empfinden, auferlegt, als die, die uns diese 
Handlungen selbst auferlegen! 
Neuntens: Unerschütterlich ist dein Wohlwollen, 
wenn es wirklich echt, nicht etwa nur das Lächeln 
eines Heuchlers ist. Denn was soll dir der bos- 
hafteste Mensch anhaben können, wenn du unbeirrt 
freundlich zu ihm bist und ihn bei passender Gelegen- 
heit sanftmütig warnst und, gerade in dem Augen- 
blick, wo er dir Böses anzutun versucht, ihn in 
ruhigem, zurechtweisendem Tone etwa so anredest: 
„Nicht doch, mein Sohn; zu etwas anderem sind wir 
geboren; mir zwar wirst du dadurch nicht schaden; 
aber dir selbst schadest du damit, mein Sohn!" Zeige 
ihm dann in schonender, wohlüberlegter Weise, daß 
dies auch wirklich so ist und daß selbst die Bienen 
und andere herdenweise zusammenlebenden Tiere 
nicht so verfahren. Du mußt es aber ohne Spott 
und Obermut tun, sondern mit warmem Herzen und 
ohne alle Bitterkeit; und auch nicht wie ein Schul- 
meister, noch in der Absicht, damit die Bewunderung 
eines etwa dabeistehenden Dritten zu erregen, son- 
dern unter vier Augen, nicht wenn andere dabei 
sind. 

Diese neun Sätze präge dir genau ein, als hätten sie 
dir die neun Musen zum Geschenk gemacht, und fang' 



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endlich einmal an, Mensch zu sein, solange du noch 
zu leben hast Hüte dich aber nicht minder davor, 
den Menschen zu zürnen, als ihnen zu schmeicheln. 
Beides ist unvereinbar mit dem Grundsatz der Ge- 
meinschaft und bringt Verderben. Namentlich bei 
den Zornesaufwallungen sei dir gegenwärtig, dafi das 
Aufbrausen nicht von Manneskraft zeugt, sondern 
vielmehr die Milde und Sanftmut in eben dem Maß, 
als sie menschlicher ist, auch größere Mannesstärke 
bekundet. Nur hier ist Kraft und Nerv und Mannhaftig- 
keit, nicht aber im Zorn und der Übellaune I Denn 
je verwandter mit der Leidenschaftslosigkeit, um so 
verwandter mit der Kraft, und wie Betrübnis ist auch 
Zorn die Eigenschaft des Schwachen. In beiden 
Fällen nämlich ist man verwundet und dem Feinde 
ausgeliefert Empfange indes, wenn du willst, vom 
Führer der Musen noch eine zehnte Gabe: den Ge- 
danken nämlich, dafi es wahnsinnig ist, zu verlangen, 
die Bösen sollen nicht fehlen; denn das wäre ein 
Verlangen nach Unmöglichem; zugeben aber, dafi 
sie gegen andere ihr wahres Wesen zeigen und zu- 
gleich fordern, daß sie sich gegen dich nicht ver- 
fehlen, wäre Unbilligkeit und Tyrannei. (18) 
Vor vier Verirrungen besonders muß deine Ver- 
nunft sich beständig in acht nehmen, und ihnen 
mufit du, sobald du sie ausgespürt hast, ausweichen, 
indem du in einem Fall zu deiner Seele sagst: »Das 
ist eine unnötige Vorstellung", im andern: „Das zer- 
stört das Band der menschlichen Gesellschaft", im 
dritten: „Was du jetzt sagen willst, kommt dir nicht 
von Herzen; anders aber, als aus dem Herzen zu 
reden, halte ich für durchaus unstatthaftl" Der vierte 

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Fall aber ist der, wenn du dir selbst Vorwürfe machen 
mußt; sie sind die Stimme des göttlicheren Teiles 
deines Wesens, der vom Körper, dem unedleren und 
sterblichen Teil deiner Natur, und von dessen grob- 
sinnlichen Lüsten tiberwältigt und unter sie herab- 
gewürdigt worden ist. (19) 
Alles Geistige und Feuerartige, das deinem Wesen 
beigemischt ist, strebt zwar seiner Natur ent- 
sprechend nach oben, wird aber, um die Ordnung 
des Weltganzen nicht zu stören, hier im Körper- 
gewebe festgehalten. Und das Erdartige und Feuchte 
in dir, obschon es nach unten strebt, hält sich in 
der Höhe und behauptet die seiner Natur nicht zu- 
kommende Stelle in deinem Körper. So gehorchen 
auch die Grundstoffe dem Ganzen und bleiben not- 
wendig da, wo sie einmal hingestellt worden sind, 
bis ihnen von dorther wieder das Zeichen zur Auf- 
lösung gegeben wird. Ist es nun nicht arg, daß nur 
der vernünftige Teil deines Wesens ungehorsam ist 
und sich über den ihm angewiesenen Posten be- 
schwert? Und doch wird gerade diesem nichts mit 
Zwang auferlegt, sondern nur das, was im Einklang 
mit seiner Natur steht. Und dennoch läßt er sich's 
nicht gefallen, sondern neigt zum Gegenteil hin; 
denn jeder Schritt zu Ungerechtigkeiten, Ausschwei- 
fungen, Zomesausbrüchen, Schwermutsanfällen und 
Ängsten ist nichts anderes als ein Abfall von der 
Natur. Und so oft deine Vernunft über irgend ein 
Ereignis mißmutig wird, verläßt sie jedesmal den 
ihr angewiesenen Posten. Bist du doch zur Gleich- 
mut und Gottesfurcht nicht minder geschaffen als 
zur Gerechtigkeit. Denn auch jene Tugenden sind 



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im Begriff des Gemeingeistes enthalten, ja sie sind 
sogar noch älter als gerechte Handlungen. (20) 

Wer nicht stets ein und dasselbe Lebensziel vor 
Augen hat, kann auch selbst nicht sein Leben 
hindurch einer und derselbe sein. Jedoch dies Wort 
genügt noch nicht, wenn man nicht auch das noch 
hinzufügt, von welcher Art jenes Ziel eigentlich sein 
muß. Denn, wie die Ansicht aller Menschen über 
die Güter, die gewöhnlich dafür gehalten werden, 
nicht gleich ist, sondern nur über gewisse, nämlich 
über die allgemeinen, so darf man sich auch nur ein 
solches Ziel setzen, das dem allgemeinen und bürger- 
liehen Wohl entspricht Denn wer nach diesem Ziel 
mit allen seinen Kräften hinstrebt, wird allen seinen 
Handlungen Gleichförmigkeit verleihen und insofern 
immer einer und derselbe bleiben. (21) 

Denke an die Feldmaus und die Stadtmaus und 
wie erschrocken jene hin- und herlief! (22) 
Sokrates nannte dieMeinungen der Menge Gespenster, 
Schreckgestalten für Kinder. (23) 

Die Lacedämonier liefien bei ihren Schauspielen 
die Gäste im Schatten sitzen, sie selbst aber 
setzten sich an der ersten besten Stelle nieder. (24) 

Sokrates ließ dem Perdikkas als Grund, warum er 
seine Einladung zum Essen nicht annahm, sagen: 
„Ich mag nicht vor Schimpf und Schande vergehen, 
indem ich empfangene Wohltaten nicht wieder ver- 
gelten kann". (25) 
In den Schriften der Ephesier stand die Lebens- 
regel, daß man aus der Reihe der Alten, die die 
Tugend übten, beständig einen im Andenken behalten 
solle. (26) 

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Die Pythagoreer lehrten, man solle in der Morgen- 
stunde zum Himmel emporschauen, damit man 
sich nicht nur jener Wesen, die ihr Werk in ewiger 
Unveränderlichkeit und auf gleiche Weise vollführen, 
sondern auch ihrer Ordnung, ihrer Reinheit und ihres 
unverhtiUten Zustandes erinnere. Denn die Gestirne 
deckt kein Schleier. (27) 

Welch ein Mann, jener Sokrates, der ein Fell um- 
gürtete, als Xanthippe einmal in seinem Ober- 
gewand ausgegangen war! Und wie schön seine 
Worte zu seinen Freunden, als sie ihn in diesem 
Aufzug erblickten und vor Scham zurückwichen! (28) 

Im Schreiben und Lesen kannst du nicht unter- 
richten, bevor du es nicht selber gelernt hast; in 
der Lebenskunst noch viel weniger! (29) 

Sage zum Geschick: „Ein Sklave bist du; mitzureden 
ziemt dir nicht!** (30) 



.D. 



roch innerlich lachte das Herz mir!** (31) 

Lästern werden die Toren mit harten Worten die 
Tugend!« (32) 

Nur ein Wahnsinniger sucht zur Winterszeit Feigen; 
nur ein Wahnsinniger sehnt sich noch nach 
einem Kind, wenn es ihm nicht mehr vergönnt 
wird. (33) 

Wenn du dein Kind herzest," sagt Epiktet, „mußt 
du dir innerlich zurufen: morgen ist es viel- 
leicht tot!** Eine üble Vorbedeutung! Keineswegs, 
sagt Epiktet, sondern nur ein Wort, das eine Natur- 
wirkung bezeichnet; sonst wäre ja auch der Ausdruck: 
„die Ähren werden abgemäht" von schlimmer Vor- 
bedeutung! (34) 



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Heute unreife Trauben, mo^en reif, bald aus- 
getrocknet — alles Umwandlungen, aber nicht 
in ein NichtSeiendes, sondern nur in ein jetzt noch 
nicht Seiendes! (35) 

Einen Räuber der Willensfreiheit gibt es nichi 
sagt Epiktet (36) 

Kunstgerecht, sagt der gleiche, mußt du in deinen 
BeifallsäuBerungen verfahren lernen und hin- 
sichtlich deiner Bestrebungen die Vorsichtsregel nie 
vergessen, daB sie von Bedingungen abhängen, sich 
aufs Gemeinwohl richten und durch den Wert der 
Dinge bestimmt werden ; die Begierden aber muBt du 
gänzlich lassen und meiden, was nicht in unserer 
Macht steht. (37) 

Es handelt sich also, meint er weiter, nicht um 
eine Alltagsangelegenheit, sondern um die Frage, 
ob man verrückt ist oder nicht! (38) 

Sokrates sagt: »Was wollt ihr? Vernünftige oder 
unvernünftige Seelen haben?* ,Vemünftige.*„Was 
für vernünftige? Gesunde oder zerrüttete?* nGe- 
sunde.* »Was strebt ihr denn nicht darnach?* »Weil 
wir sie schon besitzen!* „So, warum streitet ihr 
denn dann und könnt nicht eins werden?* (39) 




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ZWÖLFTES BUCH 



Alles das, was du nach einiger Zeit zu erlangen 
wünschest, kannst du jetzt schon haben, wenn 
du nicht mißgünstig gegen dich selbst bist. Das 
aber tritt ein, wenn du alles Vergangene beiseite 
lassest, das Zukünftige der Vorsehung anheim gibst, 
und nur das Gegenwärtige der Frömmigkeit und 
Gerechtigkeit entsprechend einrichtest; und zwar der 
Frömmigkeit entsprechend, um mit dem dir zuge- 
teilten Los zufrieden zu sein, denn die Natur hat 
dich und dein Los füreinander bestimmt; der Ge- 
rechtigkeit entsprechend aber, um freimütig und ohne 
Umschweife die Wahrheit zu reden und dein Tun 
dem Gesetz und Wert der Dinge gemäß zu gestalten, 
unbeirrt durch fremde Schlechtigkeit, durch Vorurteile, 
durch anderer Gerede und durch die Empfindungen 
der dich umschließenden Körperhülle; denn da mag 
der leidende Teil selbst zusehen. Laß' denn nun, 
ohnehin schon dem Ende nahe, alles andere auf sich 
beruhen, ehre einzig und allein die herrschende Ver- 
nunft und das Göttliche in dir, fürchte dich nicht 
vor dem einstigen Aufhören des Lebens, sondern 
nur davor, daß du ein Leben im Einklang mit der 



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Natur noch nicht begonnen hast» und du wirst ein 
Mensch sein, würdig der Welt, die dich erzeugte, du 
wirst kein Gast mehr in deinem Vaterlande sein, nicht 
mehr das, was doch tagtäglich geschieht, als etwas 
Unerwartetes anstaunen, noch dein Herz an dies oder 
das hängen. (1) 

Die Gottheit sieht alle vernünftigen Seelen hüllen- 
los, ohne das körperliche Gefäß, ohne Rinde 
und Unreinheit Nur durch ihren Geist ist die Gott- 
heit mit dem in Berührung, was aus ihr selbst in die 
Seelen übergeflossen und abgeleitet worden ist 
Wenn auch du dich an dies Verfahren gewöhnst, so 
wirst du die meisten Störungen von dir abwenden. 
Denn wer erst von der ihm zunächstliegenden Körper- 
hülle absehen kann, wird sich doch um Kleidung, 
Wohnung, Ehre und dergleichen Schmuck und Pomp 
nicht viel Sorgen machen! (2) 

Drei Teile sind es, woraus du bestehst: Körper- 
liches, Seelisches, Denkvermögen. Von diesen 
sind die beiden ersten nur insoweit dein, als du für 
sie zu sorgen hast; der dritte Teil aber ist vorzüg- 
lich dein Eigentum. Du mufit also von deinem Ich, 
d. h. von deinem Denkvermögen alles fernhalten, 
was die andern tun oder denken, ebenso alles, was 
du selbst getan oder gedacht hast, alle"^, was dich 
schon im voraus beunruhigt, alles, was nur die dich 
umgebende Körperhülle oder die ihr eingepflanzte 
Seele angeht und mithin nicht in deiner freien Wahl 
steht und im ewigen Wirbel der Außenwelt dich trifft, 
so daß die Denkkraft in dir den Einwirkungen der 
Schicksalsschläge entgegen, rein und ungebunden 
sich selbst lebt, tut, was recht ist, will, was geschieht^ 

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und redet, was wahr ist; du mußt, sage ich, von 
dieser herrschenden Vernunft alles, was durch Leiden- 
schaften ihr angehängt wurde und der Zukunft oder 
der Vergangenheit angehört, trennen, du mußt dich 
gleichsam zu dem machen, was Empedokles von der 
Welt sagt: 

»Eine gerundete Kugel, der wirbelnden Kreisbahn 
sich freuend"; du mußt darauf bedacht sein, nur 
der Zeit, die du wirklich lebst, d. h. der Gegenwart, 
dich ganz hinzugeben — dann wird es dir möglich 
sein, den Rest deiner Tage bis zum Tode ungestört, 
edel und dem Genius in dir hold gesinnt hinzu- 
bringen. (3) 
Oft schon hat es mich gewundert, wie es kommt, 
daß der Mensch, der sich doch mehr liebt als 
alle andern, dennoch dem eigenen Urteil über sich 
geringeren Wert beilegt, als dem Urteil anderer. Wenn 
demnach ein Gott oder ein verständiger Lehrer zu 
uns hintreten und uns befehlen würde, nichts bei 
uns zu denken oder zu beschließen, ohne es zugleich, 
sobald wir uns dessen bewußt sind, herauszusagen^ 
so könnten wir das nicht einen einzigen Tag aus- 
halten. In dem Grade scheuen wir mehr ein fremdes 
als unser eigenes Urteil über uns. (4) 

Wie kommt es, daß die Götter, die doch sonst 
alles so schön und menschenfreundlich einge- 
richtet haben, das eine übersehen konnten, daß die 
wenigen vorzüglichen Menschen, die im Leben im 
innigsten Verkehr mit der Gottheit standen und durch 
fromme Werke und heiligen Dienst ihre Verfrauten 
geworden waren, nach dem Tode nicht wiederkehren, 
sondern für alle Ewigkeit verschwunden sind ? 



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Wenn dem aber wirUicb so ist, so sei überzeugt, daB, 
wenn es hatte anders sein sollen, die Götter es audi 
anders eingerichtet hätten; denn wäre es recht, so wäre 
es auch möglich, und würde es mit den Gesetzen der 
Natur übereinstimmen, so hätte es die Natur auch so 
gefügt Folglich, daraus, dafi es nicht so ist, ange- 
nommen nämlich, es sei wirklich nicht so, muBt du 
die feste Oberzeugung nehmen, es habe nicht so sein 
sollen. Siehst du doch wohl selbst, dafi solche 
Fragen aufwerfen mit der Gottheit rechten hieBe; 
wir würden aber nicht in dieser Weise mit den Göttern 
streiten, wenn sie nicht wirklich die besten und ge- 
rechtesten Wesen wären I Sind sie das aber, so haben 
sie gewiß bei der Welteinrichtung nichts zugelassen, was 
dar Gerechtigkeit und der Vernunft widerspräche I (5) 

Gewöhne dich auch an das, dessen Ausführung 
dir anfangs unmöglich erschien. Fafit ja auch 
die linke Hand, die aus Mangel an Dbung gewöhn- 
lich schwächer ist, den Zügel kräftiger als die rechte. 
Denn daran ist sie gewöhnt worden. (6) 

Denke, in welcher Beschaffenheit des Leibes und 
der Seele dich der Tod antreffen wird, sowie an 
die Kürze des Lebens, an den unermeßlichen Zeit- 
raum hinter dir und die Ewigkeit vor dir, an die 
Gebrechlichkeit alles Stoffs. (7) 

Entkleidet aller Umhüllung betrachte die wirkenden 
Kräfte der Dinge und die Zwecke der Hand- 
lungen. Frage nach dem Wesen von Unlust, Lust, 
Tod und Ruhm, werde dir klar darüber, was die 
Sdiuld der eigenen Ruhelosigkeit ist, daß niemand 
von einem andern gehindert wird, und daß alles auf 
die Vorstellung ankommt (8) 

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Bei der praktischen Ausführung deiner Grundsätze 
sei dem Ringer, nicht dem Zweikämpfer ähnlich. 
Denn dieser wird niedergestochen, sobald er sein 
Schwert verliert, jenem aber steht immer noch seine 
Faust zu Gebot, und er hat weiter nichts nötig, als 
sie zu ballen. (9) 

Prüfe die Beschaffenheit der Dinge in der Welt 
und unterscheide an ihnen Stoff, wirkende Kraft 
und Zweck. (10) 

Welche Gewalt hat doch der Mensch! Er braucht 
nichts zu tun, als was den Beifall der Gottheit 
zur Folge hat und nur alles hinzunehmen, was ihm 
die Gottheit zuteilt. (11) 

Hinsichtlich dessen, was eine Folge des Naturlaufs 
ist, soll man weder den Göttern noch den Menschen 
Vorwürfe machen; denn die Götter verfehlen sich 
weder willkürlich noch unwillkürlich, die Menschen 
aber nur unwillkürlich, daher soll man niemand Vor- 
würfe machen. (12) 
Es wäre lächerlich, und wir wären Fremdlinge auf 
der Welt, wollten wir über irgend ein Ereignis 
im Leben staunen. (13) 

Entweder gibt es ein unvermeidliches notwendiges 
Schicksal und eine unverletzbare Ordnung der 
Dinge oder eine milde Vorsehung, oder es herrscht 
nur ein verworrener, blinder Zufall. Gibt es nun 
eine unveränderliche Notwendigkeit, was sträubst du 
dich dagegen? Gibt es aber eine Vorsehung, die 
sich versöhnen läßt, so mache dich der göttlichen 
Hilfe würdig. Herrscht endlich nur ein blinder Zu- 
fall, so erfreue dich an dem Gedanken, dafi du mitten 
in solchem Wogensturm in dir selbst an der Vernunft 

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eine Lenkerin hast Und wenn dich auch die Strö- 
mung mit fortreißt, so mag sie das bifichen Fleisch 
und Lebenskraft und alles andere mit sich fort nehmen, 
kann sie doch die Vernunft nicht fortreißen. (14) 

Das Licht einer Lampe scheint, bis es erlischt; 
nicht eher verliert es seinen Glanz; in dir aber 
sollte die Wahrheit, Gerechtigkeit und Besonnenheit 
früher erlöschen? (15) 

Hast du von jemand die Ansicht, daß er gefehlt 
habe, so frage dich: Weiß ich denn auch gewiß, 
daß dies wirklich ein Fehler war? Aber selbst an- 
genommen, er habe gefehlt, hat er sich damit nicht 
selbst verurteilt und so gleichsam sein eigenes An- 
gesicht zerfleischt? Überhaupt, wer verlangt, daß der 
böse Mensch nicht fehlen soll, kommt mir so vor, 
wie einer, der nicht will, daß der Feigenbaum Saft iti 
den Feigen erzeuge, daß die kleinen Kinder schreien, 
daß das Pferd wiehere, und was dergleichen von Natur 
notwendige Dinge mehr sind. Denn was soll der 
nun einmal tun, der die Anlagen zu so etwas besitzt? 
Heile ihn davon, wenn du die Fähigkeit hierzu in 
dir fühlst. (16) 

Was sich nicht ziemt, das tue nicht, was nicht 
wahr ist, sage nicht; denn die Willensrichtung 
soll ganz von dir abhängig sein. (17) 

Immer auf das Ganze mußt du sehen und unter- 
suchen, was jenes gerade sei, das in dir die Vor- 
stellung erzeugt, indem du daran die wirkende Kraft, 
den Stoff, den Zweck und die Zeit, innerhalb welcher 
es wieder aufhören muß, unterscheidest. (18) 

Fühle es doch endlich, daß etwas Besseres und 
Göttlicheres in dir lebt, als das, was die Leiden- 

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Schäften erregt und dich hin- und herzerrt wie der 
Draht die Gliederpuppen. Was waltet jetzt in deinem 
Denken? Ist's Furcht, Argwohn, Begierde oder etwas 
anderes der Art? (19) 

Fürs erste, handle nicht aufs Geratewohl, nicht 
ohne Zweck; zum andern, richte dfine Ziele auf 
nichts anderes als auf das allgemeine Beste I (20) 

Noch eine kleine Weile — dann wirst du selbst 
nirgends mehr sein, noch etwas von den Dingen, 
die du jetzt siehst, noch von den Menschen, die jetzt 
leben. Denn alles ist von der Natur zur Umwand- 
lung, zur Veränderung und zum Untergang bestimmt, 
damit anderes an seine Stelle rücke. (21) 

Alles ist Meinung und diese hängt von dir ab. 
Räume denn, wenn du willst, die Meinung aus 
dem Weg, und du wirst gleich dem Seefahrer, der 
das steile Vorgebirge umschifft hat, in der Windes- 
stille auf lächelnder See in die sichere Bucht ein- 
fahren. (22) 
Alles Tun, das zur bestimmten Zeit sein Ende er- 
reicht, erleidet durch das Aufhören keinen 
Schaden. Ebensowenig erleidet der dabei Tätige 
durch die Beendigung seines Tuns einen Nachteil. 
Also leidetauch der Inbegriff allerTätigkeitsäußerungen, 
die wir das Leben nennen, dadurch, daß es zur be- 
stimmten Zeit aufhört, keinen Nachteil, und so ist 
auch der, welcher zu seiner Zeit diese Reihe geschlossen 
hat, hierdurch in keine schlimme Lage versetzt worden. 
Jene Zeit aber und Lebensgrenze bestimmt die Natur, 
zuweilen, wenn sie erst im Greisenalter eintritt, zu- 
gleich die eigene Natur des Menschen, jedenfalls aber 
die Allnatur; denn durch Umwandlung ihrer Teile 



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wird das ganze Weltall stets verjüngt und steht in 
ewiger Blüte; immer aber ist auch alles schön und 
reif, was dem Ganzen zuträglich ist; so ist auch das 
Aufhören des Lebens für niemand nachteilig, noch 
eine Schande, da es ja von unserem Willen unab- 
hängig und dem großen Ganzen nicht zuwider ist; 
vielmehr ist es ein Gut, denn es ist für das Ganze» 
das hierdurch ewig erneuert wird, nützlich und zu* 
träglich. Unter dem Schutze der Gottheit wandelt also, 
wer sich von ihr auf ihren Wegen und mit ihrer Ge- 
sinnung zum gleichen Ziel wie sie führen läßt (23) 
Folgende drei Grundsätze muß man stets beachten: 
In allem Tun nie ohne Grund noch anders ver- 
fahren, als die Gerechtigkeit selbst verfahren hätte, 
bei allen äußeren Ereignissen bedenken, daß sie ent- 
weder vom Zufall oder von der Vorsehung herrühren, 
über die man beide sich nicht beschweren darf. 
Zweitens, bei jedem Wesen darauf achten, wie es 
von seiner Empfängnis an bis zu seiner Beseelung 
und von seiner Beseelung bis zu seiner Entseelung 
beschaffen ist, aus welchen Bestandteilen es besteht 
und in welche es wieder zerfallen werde- Drittens, 
daß, wenn du, plötzlich über die Erde emporgerückt, 
von oben herab auf die Menschenwelt hemieder- 
schauen, den großen, vielgestaltigen Wechsel in ihr 
wahrnehmen und zugleich den ganzen Umkreis luftiger 
und ätherischer Wesen mit einem Blick übersehen^ 
könntest, daß du dennoch, sage ich, so oft du empor- 
gerückt wärest, immer wieder dasselbe sehen müßtest, 
nämlich alles von gleicher Form und derselben kurzen 
Dauer. Und darauf willst du deinen Dünkel 
gründen? (24) 

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Mache dich nur vom Wahne los, und du bist ge- 
rettet I Hindert dich denn aber jemand, das 
zu tun? (25) 

Macht dir etwas Kummer und Sorgen, so hast du 
vergessen, daß alles nach den Gesetzen der 
Allnatur geschieht und dafi fremde Fehler dich nicht 
anfechten sollen; femer vergessen, dafi alles, was 
geschieht, immer so geschehen ist, immer so geschehen 
wird und überall jetzt so geschieht; vergessen die 
innige Gemeinschaft, die zwischen dem Einzelmenschen 
und dem ganzen Menschengeschlecht besteht; denn 
hier liegt nicht sowohl eine Gemeinschaft nach Blut 
und Samen, als vielmehr eine Gemeinschaft desselben 
Geistes vor. Vergessen hast du aber auch, dafi der 
denkende Geist eines jeden ein Gott ist und von der 
Gottheit herstammt, dafi niemand etwas ihm aus- 
schließlich Eigenes besitzt, sondern sein Kind, sein 
Leib wie auch seine Seele selbst aus jener Quelle 
ihm zugekommen ist; vergessen endlich, dafi man 
nur den gegenwärtigen Augenblick lebt und darum 
auch nur ihn verlieren kann. (26) 

Rufe dir immer die ins Gedächtnis zurück, die 
über irgend etwas gar zu viel Kummer empfunden 
haben oder durch ihren Ruhm, ihr Unglück, ihre 
Feindschaften oder andere Zufälligkeiten viel Auf; 
sehen erregt haben. Dann frage dich: Wo ist jetzt 
das alles? Rauch ist's und Asche, ein Märchen, nein 
nicht einmal ein Märchen mehrl Vergegenwärtige 
dir auch viel anderes der Art, z. B. was Fabius 
Catullinus auf seinem Landgut, Lusius Lupus in 
seinen Gärten, Stertinius in Bajä, Tiberius auf Capri, 
Rufus in Velia getrieben haben und alle die andern, 



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die vom Wahne besessen waren 1 Bedenke, wie 
jämmerlich alles, was sie erstrebten, war, wieviel 
philosophischer es wäre, bei jeder dargebotenen Ge- 
legenheit Gerechtigkeit, Besonnenheit und Gehorsam 
gegen die Götter ohne Gleisnerei zu zeigen. Denn 
der Hochmut, der sich mit Demut brüstet, ist am 
allerunerträglichsten. (27) 

Fragt man dich, wo du denn die Götter, die du 
so hoch verehrst, gesehen und woraus du ihr 
Dasein erkannt habest, so antworte: Erstens sind sie 
schon unserm Auge sichtbar; dann habe ich aber 
auch meine Seele nicht gesehen und ehre sie. Gerade- 
so schließe ich auch auf das Dasein der Götter, aus 
den mir von allen Seiten gebotenen Proben ihrer 
Macht und verehre sie. (28) 

Jedes Ding im ganzen, nach seinem Stoff, nach 
seiner Kraft zu erkennen und von ganzer Seele 
das Rechte zu tun und das Wahre zu reden: darauf 
beruht das Heil des Lebens. Reihst du so Gutes an 
Gutes, ohne den mindesten Zwischenraum zu lassen, 
was anderes soll dann die Folge sein als wirklicher 
Lebensgenuß? (29) 

Es gibt nur ein Sonnenlicht, wenn es gleich durch 
Wände, Berge und andere tausenderlei Dinge ge- 
brochen wird; ebenso nur ein gemeinsames Grund- 
wesen, wenn es gleich in unzählige, eigentümliche 
Körperbildungen sich spaltet; nur eine Seele, wenn 
sie gleich unter zahllose Naturwesen und eigentüm- 
liche Begrenzungen verteilt ist, nur einen denkenden 
Geist, wenn gleich auch er zerteilt erscheint Nun 
sind zwar einige Teile der genannten Dinge, wie die 
Lebensgeister und die ihnen zu Grunde liegenden Körper 

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empfindungslos und ohne gegenseitige Zuneigung, 
und doch hält auch sie der vernünftige Weltgeist und 
die Schwerkraft zusammen. Die denkende Seele aber 
hat einen eigentümlichen Zug nach dem ihr Ver- 
wandten, tritt mit ihm in Verbindung, und nie wird 
dieser Trieb zur Gemeinschaft gebrochen. (30) 

Was wünschest du? Hier länger zu existieren? 
Vielmehr zu empfinden, dich zu bewegen, zu 
wachsen, wieder stille zu stehen, deine Stimme zu 
gebrauchen, nachzudenken? Was von all dem scheint 
dir denn so wünschenswert? Ist aber eins wie das 
andere geringfügig, so wende dich zu dem, was allein 
noch übrig bleibt, dem Gehorsam gegen die Ver- 
nunft und gegen die Gottheit. Der Verehrung dieser 
jedoch widerspricht es, wenn uns derGedanke bedrückt, 
durch den Tod jener Dinge beraubt zu werden. (31) 

Welches kleine Teilchen der unendlichen und un- 
ermeßlichen Zeit ist jedem von uns zugemessen! 
Und wie schnell wird es wieder von der Ewigkeit 
verschlungen! Welch' winziges Teilchen der ganzen 
Wesenheit sind wir selbst, welch' winziges Teilchen 
von der Weltseele I Wie winzig endlich ist das Erd- 
klümpchen, auf dem du herumkriechst! Das alles 
beherzige und halte dann nichts für groß, als zu tun, 
wie deine Natur dich leitet, zu leiden, wie die All- 
natur es fügt! (32) 
Welchen Gebrauch macht die herrschende Ver- 
nunft von sich selbst? Darin liegt alles. Alles 
übrige aber, mag es von deinem Willen abhängen 
oder nicht, ist Totenstaub und Rauch. (33) 

Der Gedanke kann am besten die Todesverachtung 
wachhalten, daß selbst Menschen, die die Lust 



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für ein Gut und die Unlust für ein Übel erklärten, 
den Tod doch verachtet haben. (34) 

Wer nur das, was rechtzeitig geschieht, für ein 
Gut hält, wem es einerlei ist, ob er eine 
größere oder kleinere Zahl vernünftiger Handlungen 
aufzuweisen hat, wer zwischen einer längeren und 
kürzeren Betrachtung der Welt keinen Unterschied 
macht, für den ist auch der Tod nichts Schreck- 
liches. (35) 
Mensch, in diesem großen Staate bist du Bürger 
gewesen; fünf Jahre oder drei Jahre, was liegt 
daran I Ob im Einklang mit den Gesetzen, das war 
dad Wichtigel Was soll nun Schreckliches daran 
sein, diesen Staat wieder zu verlassen, nicht vertrieben 
von einem Tyrannen oder einem ungerechten Richter, 
sondern geleitet von der Natur, die dich einst in 
ihn eingeführt hat, wie ein Schauspieler, den der 
Prätor eingestellt hat und nun wieder entläßt? »Ich 
habe aber meine fünf Akte noch nicht gespielt, 
sondern erst drei**, sagst du. Gut gesprochen. Aber 
im Leben sind diese drei schön das ganze Stück I 
Bestimmt doch den Schluß der, der einst das Gesamt- 
spiel einrichtete und es heute wieder auflöst, während 
du an beidem unbeteiligt bist. So scheide denn 
freundlich von hinnen, denn auch er, der dich ent- 
läßt, ist freundlich! (36) 




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ANMERKUNGEN 

I. BUCH 

No. 1 Vergleiche über alle die im ersten Buche genannten 
Verwandten und Lehrer Marc Aureis die Einleitung. — 
No. 17 Siehe Einleitung. — No. 172) Eine grofie Selten- 
heit, wie die Geschichte der übrigen Cäsaren lehrt! — 
No. 17») Möglicherweise, dem Namen nach zu vermuten, 
entartete Christen. 

II. BUCH 

No. 13 i) Vgl. hierüber die Einleitung; ähnliche Stellen: 
n, 17; III, 3; IH, 5; III, 6; III, 7; III, 12; III, 16; V, 10; 
V, 27; VIII, 45. — No. 15 ein Schüler des Diogenes 
und Krates. — No. 16 d- h. der Welt, deren durch 
gleiche Gesetze verpflichtete Bürger die Menschen sind. 

IV. BUCH 
No. 15 Ebenso die Menschen auf den Opferaltar des 
Lebens, d. h. in den Tod. 

VI. BUCH 
No. 42 Chrysipp bei Plutarch „Gegen die Stoiker": wie 
in einem dramatischen Kunstwerke einzelne Vers-Abschnitte 
vorkommen, die, an sich geringfügig, doch zum Reize des 
Ganzen beitragen müssen, so müssen auch die Übel den 
Zwecken der Gottheit im Zusammenhang des Weltganzen 
dienen. 

Vn. BUCH 

No. 66 Telauges, ein Sohn des Pythagoras und der 
Theano, Nachfolger seines Vaters und Lehrer des Empe- 
dokles. — No. 660 Vgl. Piatons Apologie 20. 

X. BUCH 
No. 34 Die wundervolle berühmte Stelle: „Es verwehet 
u. s.w." findet sich Dias VI, 146—149. 



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INHALT 





Seite 


Einleitung. . . 


. . VI 


Erstes Buch . . 


. . 1 


Zweites Buch . . 


. 12 


Drittes Buch . 


. . 21 


Viertes Buch . 


. 32 


FanftesBuch . 


. 48 


Sechstes Buch 


. 64 


Siebentes Buch 


. . 81 


Achtes Buch . 


. 98 


Neuntes Buch . . 


. 115 


Zehntes Buch . 


. 131 


Elftes Buch . . 


. 148 


Zwölftes Buch 


. 163 


Anmerkungen. . 


. 175 



GEDRUCKT IN DER OFFIZIN 
W. DRUGULIN IN LEIPZIG 



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I 



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fk i ' THIS BOOK IS DX7E ON THE LAST DATE ^^ 



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AN INITIAL FINE OF 25 GENTS 

WILL BE A68E88ED FOR PAILURE TO RETURN 
THIS BOOK ON THE DATE DUE. THE PENALTY 
WILL INCREA8E TO 80 CENTS ON THE FOURTH 
DAY AND TO $1.00 ON THE SEVENTH DAY 
OVERDUE. 




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